Großkritiker-Memoiren Keiner kann’s wie der Kaiser

Wenn Joachim Kaiser erzählt: Seit fast 50 Jahren schreibt der Topkritiker der "SZ" für Fans, nicht für Fachleute. Jetzt hat er sich in der Autobiografie "Ich bin der letzte Mohikaner" selbst dargestellt – in graumelierter Wohlfühlprosa, brav erzählt, dafür aber voller Details.


Wer sich für Klaviermusik interessiert, muss zwei Bücher gelesen haben: "Große Pianisten in unserer Zeit" und "Beethovens 32 Klaviersonaten". Beide schrieb Joachim Kaiser, Top-Feuilletonist der "Süddeutschen Zeitung", und sie erzählen mit einer Eloquenz und Besessenheit von Musik und Musikern, die einem schier den Atem raubt.

Starkritiker und Memoirenschreiber Kaiser: Launige Mitteilungen aus vergangenen Tagen
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Starkritiker und Memoirenschreiber Kaiser: Launige Mitteilungen aus vergangenen Tagen

Wer immer geglaubt hat, niemand könne mehr als 50 Pianisten sinnvoll und nachvollziehbar miteinander vergleichen: Hier bekam man es vorgeführt. Verbale Kultur-Lust in konzentrierter Form, kennzeichnend für den Mann, der seit fast fünfzig Jahren das deutsche Feuilleton prägt und dabei populärer ist als viele jüngere Kollegen.

Denn der "Klavier-Kaiser", wie er auch genannt wurde, schreibt nicht für Fachleute, sondern für Fans und Liebhaber. Schließlich ist er nicht nur der Musik rettungslos verfallen, sondern kennt sich dank einer profunden Bildung auf Terrains wie Literatur, Theater, Philosophie auch bestens aus. "Im Falle eines Falles schreibt Kaiser über alles", zitiert der Autor selbst die zeitweilige Hausweisheit der "SZ".

Die Universalgelehrten sterben seiner Ansicht nach aus, da kann man nichts machen, außer sich selbst locker-kokett unter dem Titel "Ich bin der letzte Mohikaner" zu vermarkten. Kaiser erzählt in seinen Memoiren pointiert, wie alles dazumal war und heute ist. Keine Überraschung: Auch diese Lektüre macht Spaß.

Joachim Kaiser, 1928 in Ostpreußen geboren, hat sich für sein Erinnerungsbuch ein stilistisches Mittel einfallen lassen, das an bewährte TV-Filmdokus erinnert: Ständig wechseln Erzählperspektive und Erzählstil, oft sind Originaltexte auch anderer Autoren aus dem historischen Kontext eingeblendet, immer wird reflektiert, kommentiert, oft wechselt er die Zeitebenen und Textarten.

Geschuldet ist dies vor allem einer mitschreibenden Sekundantin: Als Erzähl- und Gesprächspartnerin fungiert seine Tochter Henriette Kaiser, die für ihn Stichworte und Erläuterungen liefert, weitere Aspekte von behandelten Ereignissen ausführt und auch mal mit dem Papa streitet. Etwa über das leidige Regietheater, das Joachim Kaiser mit Witz und Kenntnis attackiert. Ein Schaukampf zwar, ein wenig zu forciert und durchkomponiert, aber das ist verzeihlich.

Anekdoten um Adorno

Es scheint, als wollte Joachim Kaiser alles vermeiden, was ihn selbst an Künstlermemoiren nervt: Betuliches Abschreiten bekannten Terrains, altersmilde Schilderungen von frühem Leid und später Welterkenntnis. So also nicht – aber bei einem, der schreiben kann wie Kaiser, unter dessen Feder wird sowieso alles Erinnern zur Schreibkunst in bewährtem Stil. Anerkennenswert immerhin, wie rührend er sich gegen alles Weihevolle wehrt und Eitelkeiten mit sanfter Selbstironie unterlaufen will.

Doch was soll’s: Wer wie Kaiser beim alten Adorno studiert hat, der kann gar nicht anders als witzige Anekdoten über die menschlichen Schwächen des Großdenkers erzählen. Und wer als junger Nachwuchsschreiber mit einem ambitionierten Aufsatz Adornos "Theorie der Neuen Musik" schlüssig und durchaus kritisch darstellt, der darf diese Initialzündung einer Karriere durchaus zitieren – denn dies ist nicht nur Zeitgeschichte sondern auch ein Rückblick auf einen ehrwürdigen Medienbetrieb, wie er nie wieder sein wird.

Wenn der Kaiser erzählt: Das sind launige Mitteilungen aus fernen, vergangenen Tagen, graumelierte Erzählprosa zum Wohlfühlen. Gut allerdings, dass der Autor dieser Erinnerungen das genauso distanziert sieht und sich wohlfeiles Jammern über eine kulturferne Gegenwart verkneift.

Was Kaisers "Mohikaner" vor allem aus dem Wust der Erinnerungsliteratur heraushebt, ist die reiche Integrierung von Originaltexten aus verschiedenen Schaffensperioden, die sowohl seinen Werdegang besser als jede Datensammlung beschreiben und gleichzeitig belegen, wie zeitlos präzise Kaisers Wertungen geblieben sind. Er ist ein Konservativer, aber ein beweglicher, streitlustiger, offener.

Unvergessen sein Gespräch mit Christoph Schlingensief vor dessen Regiedebüt in Bayreuth. Träumende Walrösser und verwesende Hasen: Da zuckte selbst der erfahrene Feuilleton-Grande leicht mit der Augenbraue. Doch Allrounder vom Kaiser-Kaliber stemmen auch Exzentriker. Bildung kann auch ein Panzer sein. Natürlich übertreibt er mit den "Mohikanern" - aber das tut jeder Kritiker, muss jeder Kritiker tun. Vielleicht bleibt Kaiser doch nicht der letzte seiner Art. Es wäre zu hoffen.


Henriette Kaiser, Joachim Kaiser: "Ich bin der letzte Mohikaner", Ullstein Verlag, 352 Seiten, 24,90 Euro



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