Grüner Edelmann Hilfe, mein Papa ist Politiker!

Sie sind grün, sie sind Alphatiere – doch sie wollen lieber Papa als Parteichef sein. Die Grünen haben in ihren Reihen Politiker, die sich lieber um Windeln als um Wähler kümmern. Einer von ihnen schreibt jetzt, wie sexy Vaterschaft ist - und hat dennoch keine Ahnung.

Herr Habeck sorgte für Kopfschütteln. Robert Habeck ist grüner Parteichef in Schleswig-Holstein. Als man den 39-Jährigen vergangenes Jahr für den Bundesvorsitz in Berlin ins Gespräch brachte, winkte er ab. Geht nicht, tat der Politiker Habeck kund, ich hab vier Söhne in Kiel, die brauchen mich. Weil das niemand recht kapieren wollte, hat der Schriftsteller Habeck seine Thesen nun aufgeschrieben. "Vaterschaft stärkt Treue" steht da. Und: "Vaterschaft ist sexy." Das lässt aufhorchen.

Sein 200-Seiten-Werk über "Verwirrte Väter" ist ein Solitär in der Flut der Väterbücher. Für diverse Männer war die Tatsache, ein Kind gezeugt zu haben, bisher ja nicht etwa Anlass, als Vater in Erscheinung zu treten - sondern eher als Autor. Erziehungsurlaub als Auszeit zum Schreiben, Kindesmissbrauch auf höchstem Niveau gewissermaßen.

"Warum habe ich mich darauf bloß eingelassen?", stöhnte etwa Ex-"Vanity-Fair"-Redakteur Robin Alexander, als er seine einjährige Elternzeit antrat ("Familie für Einsteiger", 2007).

Und Kester Schlenz, der den Väter-Topseller "Mensch, Papa!" verzapft hat, konnte es sich 1996 leisten, erst auf der allerletzten von 255 Seiten die Gretchenfrage aller Eltern zu stellen: "Ob wir die Aufteilung in 'Ernährer' und 'Hausfrau' immer so beibehalten"?

Vierfach-Papa Habeck ist da anders, er stellt diese Frage von der ersten Seite an. Er ist der Autor, der endlich auch in Deutschland das Genre "Ich bin Vater, und das ist auch gut so" einführt. In Dänemark und in Ländern, wo Frauen nicht historisch das Erziehungsrecht für sich gepachtet haben, gibt es das längst.

Dabei ist Habeck alles andere als das Klischee eines Hausmanns. Der Mann sieht verdammt gut und charmant aus. Und so schreibt er auch: Sein Ideal des "neuen Vaters" ist, "dass er liebevoll und emotional am Leben des Kindes beteiligt ist, dass er mitfühlt."

Grüner keilt gegen Frauen und Muttis

Gleichzeitig ist Habeck das männliche Pendant zur viel zitierten amerikanischen Hockey Mum, also ein ganz normales Hausväterchen. Journalisten, die den Kieler Parteichef zwecks Zitatespendens anrufen, bekommen schon mal zu hören: "Tut mir leid, ich bin grad mit meinen Jungs beim Schlitten fahren."

Habeck, studierter Philosoph und Germanist, läge im Dreikampf der Disziplinen Sex, Grips und Stil unter deutschen Politikern wahrscheinlich weit vorn. Allerdings verleiten ihn diese Gaben dazu, eine Art Theorie vom neuen Mann verfassen zu wollen.

Und das ist nicht die erste grüne Großtat, die im Versuch steckenbleibt.

Dabei scheitert Habeck keineswegs an dem, was man bei einem Grünen am ehesten befürchten musste: Dass ihn grüne Gouvernanten und die Dominas der Ökopaxe vorab entmannt hätten. Nein, Habeck keilt erfreulich ungrün Richtung erfolgreiche Frauen oder gegen Muttis wie Eva Hermann.

"Offenbar wollen viele Frauen ihre Männer gar nicht als gleichberechtigte Erzieher zu Hause haben", so seine These. Habeck leitet durchaus plausibel die Rolle des abwesenden Vaters von heute aus der Vergangenheit des "pater familias" ab. Mann sein, das hieß früher: "Er ist nie da, aber seine Autorität ist allgegenwärtig".

Das beschreibt das Vatersein vieler Männer auch in den Jahren 2000ff noch recht gut.

Nichts zwischen Schlappschwanz und Macho

Die Schwäche dieser Neue-Mann-Diagnose ist, dass Habeck das Entwicklungsstadium seiner Geschlechtsgenossen viel zu positiv sieht. "Die Väter sind weiter als die Väterpolitik", behauptet er kess. Dafür kann er zwar Umfragen als Beleg anführen – nur liegen zwischen der geäußerten Bereitschaft der Männer und der faktischen Verantwortungsübernahme für Haushalt und Erziehung tiefe Schluchten.

Da hilft auch der - durch das neue Elterngeld provozierte - rasante Anstieg der Vätermonate wenig. Das Gros der Pseudokümmerer schiebt nur zwei Monate den Kinderwagen. Der alte Erziehungsurlaub feiert so ein starkes Comeback.

Der Grund für die Weigerung der Männer, an Erziehung und Hausarbeit mitzuwirken, ist ein doppelter. Erstens: Während Frauen die x-te Emanzipationswelle hinter sich haben, mit alten Feministinnen und neuer F-Klasse, die auch noch schreiben kann, gibt es bei Männern praktisch nichts zwischen Schlappschwanz und Macho - vor allem im Kopf nicht.

Zweitens: Männer legen, sobald echte häusliche Erziehungsgemeinschaft droht, dezent ihren Gehaltszettel auf den Tisch. "It's the economy, stupid", die den Mann in der Ernährerrolle (fest-)hält.

Habeck bringt dagegen eine wolkige Formel in Stellung. "Vaterschaft", so schreibt er, "ist eine Möglichkeit, alte Freiheiten neu zu erlangen."

Das hört sich prima an, dürfte aber nicht nur gestandenen Feministinnen aufstoßen. Und es nutzt obendrein Otto-Normal-Papa nichts - dessen Frauen stehen auf Geld und nicht auf Soft-Väter. Wie das von Habeck als Allzweckwaffe herbeigerufene Grundeinkommen gegen diese festsitzende Haltung helfen soll, bleibt sein Geheimnis.

Zählbaren Mehrwert bringt die Masche vom zärtlichen, abwaschenden und miterziehenden Mann, bei genauem Hinsehen, nur für Medien- und Politfritzen. Sie sind die einzigen, die durch angekündigte oder abgeleistete Wickelvolontariate öffentliche Anerkennung finden können.

Bestes Beispiel: die grünen Edelmänner. Für sie ist Vaterschaft ein extra-schicker Grund, sich das Unterholz von Primaries zu ersparen, wie das Beispiel Volker Ratzmann unlängst zeigte. Ratzmann zog sich vor kurzer Zeit wegen Nachwuchses von der Kandidatur für den Parteivorsitz zurück.

Anderen grünen Papas reicht es, die Karte "Um-die-Tochter-kümmern" nur anzuspielen - um dann politisch umso attraktiver zu werden, wie es bei Cem Özdemir der Fall war. Özdemir hatte eine Bewerbung ums grüne Spitzenamt wegen seines Kindes anfangs ebenfalls abgelehnt.

Publizistisch ist Robert Habecks Buch dennoch ein Quantensprung. Endlich schreibt mal ein Mann, der nicht mehr nur Kurzurlauber im eigenen Haushalt ist (wie Robin Alexander) oder gar nur literarischer Beobachter seiner Männerrolle (wie Eberhard Rathgeb in seinem "Versuch über die Väterliebe").

Doch für den Wandel der Geschlechterverhältnisse bringt "Verwirrte Väter" erstmal nichts. Auf den ersten Mann, der zugunsten des Kindes Ministerposten oder Vorstandsvorsitz niederlegt und so das Rollenmodell öffentlich kippt, werden wir wohl noch ein Weilchen warten müssen.


Robert Habeck, "Verwirrte Väter. Oder: wann ist ein Mann ein Mann", Gütersloher Verlagshaus 2008, 16,95 Euro

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