Gruselgeschichten Pickelgesichter im Werwolfspelz

Skurril? Ja. Lustig? Sehr. Karen Russell erzählt in ihrem Debütband "Schlafanstalt für Traumgestörte" vom Minotaurus, von einem seltsamen Alligatorenpark oder von Werwolfskindern - und meint dabei immer die Schrecken der Pubertät.

Auf einer bewaldeten Insel liegt das Sommercamp für schlafgestörte Kinder, mit Häusern für die Schlafwandler, die Alpträumer, die Knirscher, die Schlafredner, die Schlaflosen und die Inkontinenten. Haus 4 ist für "Verschiedene", und zu denen gehört Elijah. Er hat im Traum Nachahnungen, was bedeutet, dass er historische Ereignisse, von denen er nichts weiß, korrekt träumt. Den Ausbruch des Vesuvs, die Überschwemmung des Zoos von St. Louis im Jahr 1949, den Kometeneinschlag, der die Dinosaurier ausrottete. Wer allerdings die Schafe im Camp umbringt, weiß er nicht. Er kann nur ahnen, dass es die Hunde sind, die durch die Träume der Campleiterin Annie rasen.

Oliver White macht mit Vater und Schwester Urlaub an einem Strand, an dem Meeresschildkröten ihre Eier legen. Eigentlich soll Oliver Sterne beobachten, doch dann lernt er Raffy kennen, der mit ihm in die Schule geht, aber viel cooler ist mit seinen Rastas und Tätowierungen. Raffy ist ein ziemlich mieser Charakter, aber gerade das fasziniert Oliver, der, am Beginn der Pubertät, mit schlechtem Gewissen die Rebellion versucht. Und so wickelt er auf Anweisung von Raffy den geistig behinderten Petey in Alufolie ein, damit dieser leuchtet und die schlüpfenden Schildkröten in die Irre und damit in den Tod führt.

"Füttert die Alligatoren, sprecht nicht mit Fremden. Schließt abends die Tür ab", hat ihr Vater, Chief Bigtree, Ava mitgeteilt, bevor er aufs Festland fuhr. Damit muss Ava, die gerade noch ein Kind ist, sich nicht nur um den eher schlecht besuchten Alligatorenpark "Swamplandia!" kümmern, sondern auch um ihre besessene ältere Schwester Ossie, die nachts von ihrem unsichtbaren Liebhaber Luscious heimgesucht wird.

Seltsame, exzentrische, enorm phantasievolle Erzählungen hat die Amerikanerin Karen Russell, 26, in ihrem Debüt "Traumanstalt für Schlafgestörte" gesammelt. Vom Minotaurus auf dem langen Treck nach Westen bis zum Umerziehungsheim für Werwolfskinder berichtet sie, aber dies ist nur das skurrile Setting. Diese – unterhaltsame und ironische – Maskerade einmal abgezogen, sind es Geschichten über die Schwierigkeit erwachsen zu werden, über den Schrecken der herannahenden Pubertät, über Einsamkeit und Freundschaft.

Wobei die Eltern in praktisch allen Geschichten abwesend sind, was symptomatisch ist für deren Bedeutung in Zeiten des hormonellen Umbruchs. "San Francisco Chronicle", "Chicago Tribune" und "Los Angeles Times" wählten den Erzählband zum Buch des Jahres 2006. Weil "Schlafanstalt für Traumgestörte" trotz der vordergründig gruseligen Geschichten sehr amüsant ist, eignet es sich bestens als Urlaubs-, Einschlaf- und Zwischendurch-Lektüre. Ohne dass man fürchten müsste, davon traumgestört zu werden.


Buch Karen Russell: "Schlafanstalt für Traumgestörte". Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch. Verlag Kein & Aber, Zürich; 304 Seiten; 18,90 Euro.

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