Günter Grass Schelte von Walesa, Lob von Irving

Hat je eine Dichterbiografie hierzulande für so viel Aufsehen gesorgt? Günter Grass soll Preise nicht erhalten, auf Ehrungen verzichten. Beistand kommt aus Amerika und England: Für John Irving ist Grass "ein Held", für Salman Rushdie ein "Gigant der Literatur".


Dresden - Kritiker drängen Günter Grass zu Konsequenzen aus seinem Bekenntnis zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS - oder überlegen sich selber welche. Die Europastadt Görlitz/Zgorzelec zum Beispiel wird eventuell ihre geplante Ehrung des Dichters mit dem "Brückepreis" zurückziehen.

Autor Grass: Geschmähter "Gigant"
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Autor Grass: Geschmähter "Gigant"

Der Görlitzer Oberbürgermeister Joachim Paulick (CDU) sprach sich heute für eine Überprüfung der Vergabe-Entscheidung aus, die bereits im Februar gefallen war. Die zuständige Brückepreis-Gesellschaft soll Anfang September zu einer Sondersitzung zusammenkommen.

Paulick sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er wolle der Entscheidung der Gesellschaft nicht vorgreifen, sei aber persönlich enttäuscht von Grass, weil dieser selbst immer als eine Art moralischer Instanz aufgetreten sei. Die Görlitzer CDU erklärte, die Vergabe an Grass würde den "Brückepreis" unwiderruflich beschädigen, schließlich habe man mit Grass auch jemanden ehren wollen, der die Erinnerung an das "vergessene Gesicht der Geschichte" in außerordentlicher Weise gefordert habe. Gerade diese Erinnerung habe er aber jedoch über Jahrzehnte verschwiegen oder verdrängt.

Scharfe Kritik aus Polen

Nicht nur der mit 2500 Euro dotierte, seit 1993 vergebene Preis steht auf dem Spiel: Der polnische Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa erwartet von seinem Nobelpreis-Kollegen einen Verzicht auf sämtliche Ehrungen, die der Autor in Polen erhalten hat. Walesa sagte laut "Bild"-Zeitung, Grass schulde den Polen eine Erklärung dafür, warum er erst jetzt über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS Auskunft gegeben habe. "Ich finde, er sollte für uns Polen Worte der Erklärung finden. Er sollte sich äußern", wird Walesa zitiert.

Seine Forderung nach einer Rückgabe der Ehrungen bezog er auch auf den Literaturnobelpreis: "An seiner Stelle würde ich darauf verzichten", sagte Walesa. Neben der Ehrenbürgerschaft in Danzig hat Grass auch die Ehrendoktorwürden der Universitäten Danzig und Posen sowie den Samuel-Bogumil-Linde-Literaturpreis der Stadt Torun.

Er sei "enttäuscht über diese Enthüllung", sagte der ehemalige Werftarbeiter, der in Grass' Geburtsort Danzig als Gründer der Bewegung Solidarnosc den Wandel des kommunistischen Systems entscheidend anstieß. Am Sonntag hatte er Grass bereits aufgefordert, die Ehrenbürgerschaft Danzigs zurückzugeben. Nun sagte er, er "erkenne an, dass Grass sich jetzt offenbart und seinen Dienst in der Waffen-SS eingestanden hat". Aber es bleibe die Trauer darüber, dass dies erst so spät geschehen sei.

Schützenhilfe aus Amerika

Der US-Schriftsteller John Irving ("Garp", "Das Hotel New Hampshire") nahm seinen Freund Grass in Schutz. "Grass bleibt für mich ein Held, sowohl als Schriftsteller als auch als moralischer Kompass", schrieb Irving in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur AP. "Sein Mut sowohl als Schriftsteller als auch als Bürger Deutschlands ist beispielhaft, ein Mut, der durch seine jüngste Enthüllung unterstrichen, nicht geschmälert wurde", so Irving. Grass sei als Mensch und als Schriftsteller ein Vorbild an Selbstanalyse und nationalem Gewissen.

Auch Salman Rushdie setzte sich für den deutschen Autor ein, dessen umstrittenes Memoirenbuch "Beim Häuten der Zwiebel" nur einen Tag nach Erscheinen in die zweite Auflage geht. "Mir scheint die Empörung ein wenig konstruiert", sagte der britische Schriftsteller ("Die satanischen Verse") in einem BBC-Interview; die Zugehörigkeit des damals 17-Jährigen sei ein verzeihlicher Irrtum. Grass sei "ein Gigant der Literatur" und habe nie verheimlicht, dass er einen "Nazi-Hintergrund" habe. Sein langes Schweigen über seinen Einsatz bei der Waffen-SS 1944 sei keine Heuchelei, sondern vielmehr eine "teilweise Verschleierung" gewesen.

Ebenso äußerte Martin Walser Verständnis für Grass. In der ZDF-Sendung "aspekte extra" sagte er gestern: "Es herrscht hier kein Klima, das einlädt, mit sich selbst freimütig abzurechnen und entspannt darüber zu sprechen, was einem passiert ist. Es ist ein Klima der Vergiftungen, der schnellen Verdächtigungen und des Rufmordes."

Der Regisseur der "Blechtrommel", Volker Schlöndorff, schrieb in einem im "Tagesspiegel abgedruckten Brief an Grass, er wünsche dem Schriftsteller, dass er es als "große Befreiung" empfinden möge, "nie mehr vom Sockel oder ex cathedra sprechen zu müssen und endlich selbst die Narrenfreiheit Deiner erfundenen Helden zu haben".

Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek forderte Grass im ZDF auf, das Geld für den Nobelpreis einer Wiedergutmachungsstiftung anzuvertrauen, die Opfer der Waffen-SS betreut.

dan/AP/AFP/dpa/Reuters



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Khalid, 16.08.2006
1.
Die Frage ist falsch gestellt, sie setzt voraus, das Grass schweigen konnte. Das konnte er aber nicht, und zwar aus drei Gründen: 1. Die Gefahr, das ein anderer mal "auspackt". Das hätte seinen Ruf vollkommen zerstört 2. Die Tatsache, dass Schweigen nicht in das Konzept einer Literaten-Skandalnudel passt, wie sie Grass nunmal ist 3. Die Eitelkeit, mit der GG seinen Status als "moralische Instanz" beansprucht, wird durch solch zerknirschte Geständnisse doch eher gefüttert als gefährdet
Fritz Katzfuß 16.08.2006
2. Nein
Ich bin froh, dass er dies Thema bearbeitet und auch öffentlich gemacht hat, beim Schreiben seines Buches "Vom Häuten der Zwiebel" wurde das wohl eine Option, die man gar nicht ablehnen kann, wenn man ein Meisterwerk schaffen will. Ich finde aber auch pädagogisch die sache insofern ganz gut, weil sie erstens die andern Mitläufer bestätigt darin, dass es eben sehr wohl möglich einen demokratischen Neuanfang einigermassen erfolgreich zu bestehen. Zweitens wird den Ewiggestrigen - und bedrohlich Aktiven Neonazis unserer Tage- einmal mehr vor Augen geführt, wohin ihre traurige Anwesenheit in der deutschen geschichte geführt hat- der Zusammenbruch wird einmal mehr thematisiert, der irrsinnige Haß auf das deutsche Volk der diese Nazis dazu trieb, die unausgebildeten Jungen der Stalinorgel zum Fraße vorzuwerfen, wer weiß wieviel von denen auch Großes hätten leisten klönnen wie Grass..
Fritz Katzfuß 16.08.2006
3. Nein (die Zweite)
Ich bin froh, dass er dies Thema bearbeitet und auch öffentlich gemacht hat, beim Schreiben seines Buches "Vom Häuten der Zwiebel" wurde das wohl eine Option, die man gar nicht ablehnen kann, wenn man ein Meisterwerk schaffen will. Ich finde aber auch pädagogisch die sache insofern ganz gut, weil sie erstens die andern Mitläufer bestätigt darin, dass es eben sehr wohl möglich einen demokratischen Neuanfang einigermassen erfolgreich zu bestehen. Zweitens wird den Ewiggestrigen - und bedrohlich Aktiven Neonazis unserer Tage- einmal mehr vor Augen geführt, wohin ihre traurige Anwesenheit in der deutschen geschichte geführt hat- der Zusammenbruch wird einmal mehr thematisiert, der Irrsinn, der die alten Nazis dazu trieb, die unausgebildeten deutschen Jungen der Stalinorgel zum Fraße vorzuwerfen, wer weiß wieviel von denen auch Großes hätten leisten klönnen wie Grass.. Drittens wird wieder deutlich, was für eine Schande die SS für Deutschland war und ist.
Gegenstrom 16.08.2006
4. Sicher nicht..
..auch wenn der "Mob" in jetzt versucht zu zereißen! Differzierte Kritik scheint vielfach nicht möglich. Aber trotzdem besser spät als nie! Jetzt kann er sich noch wehren..
takeo_ischi 16.08.2006
5.
---Zitat von sysop--- Hat der Autor Recht: Wäre es besser, wenn Günter Grass über seine Waffen-SS-Vergangenheit geschwiege hätte? ---Zitatende--- Nein. Wenn es erst über Dritte an die Öffentlichkeit gekommen wäre, hätten die jetzt schon ach so Empörten bestimmt mit der Verbrennung seines Gesammtwerkes begonnen.
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