Grass-Interviews im Fernsehen Der Dichter wehrt sich

Günter Grass wittert eine Kampagne. Angesichts der Kritik an seinem Gedicht über die Atommacht Israel spricht der Autor in TV-Auftritten von einer "Gleichschaltung der Medien" in Deutschland. Die Vorwürfe gegen die Regierung in Jerusalem bekräftigt Grass - und rügt zudem die israelische Siedlungspolitik.
Günter Grass: "Eine Kampagne gegen mich"

Günter Grass: "Eine Kampagne gegen mich"

Foto: Marcus Brandt/ dpa

Hamburg - Günther Grass rückt nicht von den umstrittenen Inhalten seines Israel-Gedichts ab, er kritisiert die Reaktionen: "Ich hatte gehofft, dass es zu einer Debatte kommt. Aber was ich erlebe, ist ein fast wie gleichgeschaltete Presse. Ich bekomme haufenweise E-Mails von Menschen, die mir zustimmen. Das dringt aber nicht an die Öffentlichkeit", sagte Grass am Donnerstagabend im "Tagesthemen"-Interview mit Moderator Tom Buhrow .

Der Autor wiederholte seine Kritik an der Drohung Israels, einen Präventivschlag gegen den Iran zu führen. "Das ist das Aufkündigen des diplomatischen Verhaltens, das uns unter anderem über sechs Jahrzehnte Frieden in Europa garantiert hat: So lange geredet wird, wird nicht geschossen." Einmal mehr warnte Grass vor einem israelischen Angriff auf eine iranische Atomanlage. Das könne zu einem atomaren GAU führen. "Es wäre die Ausweitung eines Konflikts in einer ohnehin instabilen Region und äußerst gemeingefährlich."

Über die Bedrohung, die von Israel ausgehe, werde zu oft geschwiegen, sagte Grass. Der "Blödsinn und die Lügen", die Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad von sich gebe, seien hingegen bekannt. Grass nahm auch dazu Stellung, dass israelfeindliche Kommentatoren das Gedicht mit Zustimmung aufgenommen hätten: "Mein Standpunkt ist: Nur keine Angst vor dem Beifall der falschen Seite. Wenn man dem folgt, verbietet man sich selbst das Maul."

Der Vorwurf, er sei Antisemit, sei absurd: "Ich äußere mich zum ersten Mal umfangreich in diesem Gedicht zu Israel - ich habe viele andere Dinge kritisch infrage gestellt, nämlich in erster Linie die Bundesrepublik betreffend, weil ich der Meinung bin, man muss erst vor der eigenen Haustür kehren, bevor man andere kritisiert."

"Zur Besatzungsmacht entwickelt"

Grass kritisierte in dem "Tagesthemen"-Gespräch ausführlich die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland, die im Gedicht nur eine untergeordnete Rolle spielte. "Es gibt nur wenige Länder, die Uno-Resolutionen so missachten wie Israel. Es ist oft genug von der Uno darauf hingewiesen worden, dass diese Siedlungspolitik beendet werden muss. Sie geht weiter."

Das sei ein Enteignungsprozess, das Ergebnis einer Besatzungspolitik und damit auch der Kritik würdig. "Dieses Aussparen, dieses feige sich Wegducken, das schlägt schon in Nibelungentreue. 'Ja keine Kritik an Israel' ist das schlimmste, was man Israel antuen kann", sagte Grass. Im weiteren Verlauf des Gesprächs ergänzte der Nobelpreisträger: "Israel ist nicht nur eine Atommacht, sondern hat sich auch zur Besatzungsmacht entwickelt."

Am Mittwoch hatte Günter Grass in der "Süddeutschen Zeitung" das Gedicht "Was gesagt werden muss" veröffentlicht. Darin behauptete der Literaturnobelpreisträger unter anderem "Die Atommacht Israel gefährdet den Weltfrieden". Er unterstellte Israel, einen nuklearen Erstschlag gegen Iran zu planen, der "das iranische Volk auslöschen" könnte. Er selbst habe angesichts dessen "zu lange" geschwiegen - nicht ohne Grund: "Das Verdikt 'Antisemitismus'" sei geläufig.

In der Folge wurde Günter Grass tatsächlich mit dem Vorwurf konfrontiert, antisemitisch grundierte Thesen zu verbreiten. Nicht weil er Israel kritisiert hatte allerdings, sondern weil bei dieser Kritik judenfeindliche Klischees aufgreife.

Kritik von Netanjahu

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warf Grass am Donnerstag einen "schändlichen" Vergleich Israels mit Iran vor. "Der Iran, nicht Israel ist eine Bedrohung für den Frieden und die Sicherheit der Welt", unterstrich Netanjahu in einem von seinem Büro als Gedicht deklarierten Text. "Der Iran, nicht Israel droht anderen Staaten mit der Vernichtung." Grass habe "sechs Jahrzehnte verborgen, dass er in der Waffen-SS war". Der Literaturnobelpreisträger hatte sich 2006 ausführlich über die Zeit in der Waffen-SS geäußert, was eine breite öffentliche Debatte auslöste.

Grass' Hinübergleiten von der Fiktion zur Science Fiction sei "erbärmlich" und "geschmacklos", sagte der israelische Außenamtssprecher Jigal Palmor. Der israelische Gesandte in Berlin, Emmanuel Nahshon, meinte in einer Reaktion, es gehöre zur europäischen Tradition, "die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will." Israel sei der einzige Staat der Welt, dessen Existenzrecht öffentlich in Frage gestellt werde.

Der israelische Historiker Tom Segev wies in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE darauf hin, dass Grass die Tatsachen verdrehe: "Der Unterschied ist, dass Israel im Gegensatz zu Iran noch niemals erklärt hat, dass es irgendein Land von der Weltkarte streichen will, während Iran Tag und Nacht verspricht, dass man Israel aus der Welt schaffen will."

In einem anderen Interview widersprach der Publizist Michael Wolfsohn Grass' These, über einen möglichen Angriff Israels auf den Iran könne nicht frei diskutiert werden: "Die Frage einer nichtnuklearen Bombardierung Irans durch Israel wird ausführlich in der Öffentlichkeit diskutiert. Grass lebt in einer Traumwelt, wenn er so tut, als gäbe es da ein Tabu."

Grass räumt einen Fehler ein

Zuvor hatte sich Grass bereits an anderer Stelle im Fernsehen gegen Kritik verteidigt. In einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) sagte er: "Der Tenor durchgehend ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt", sagte der Schriftsteller - und stellte die Einwände gegen sein Gedicht als orchestrierte Aktion dar: "Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht." Man weigere sich, so Grass, "auf den Inhalt, die Fragestellungen, die ich hier anführe, überhaupt einzugehen."

Seine Kritik an der israelischen Regierung werde er "auf keinen Fall widerrufen", sagte Grass in der Sendung "Kulturzeit" auf 3Sat. "Mit kritikloser Hinnahme hilft man Israel nicht. Das ist Nibelungentreue und wir wissen, wohin die führt." Im "Kulturzeit"-Gespräch räumte Grass einen Fehler ein. Es wäre besser gewesen, nicht von "Israel" generell zu sprechen, sondern von der "derzeitigen Regierung Israels". Die Lieferung eines sechsten U-Boots an Israel durch Deutschland, der Auslöser seiner Publikation, sei "eine falsche Form der Wiedergutmachung", bekräftigte Grass.

In Schutz genommen wurde Grass vom Präsidenten der Akademie der Künste, Klaus Staeck. "Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden", sagte Staeck der "Mitteldeutschen Zeitung". "Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen." Grass habe "das Recht auf Meinungsfreiheit auf seiner Seite" und nur "seiner Sorge Ausdruck verliehen". Diese Sorge teile er "mit einer ganzen Menge Menschen".

suc/dpa/AFP/dapd
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