Guter Vorsatz 2015 Damen, lasst den "Panther" sein, stimmt in diese Verse ein

Eine Band vor allen anderen entdecken oder einen Roman im Original lesen - es gibt viele gute Kultur-Vorsätze für das neue Jahr. Maren Keller möchte ein Gedicht auswendig lernen.

Was will uns diese Frau in Raubkatzenbegleitung sagen? Natürlich das, was wir seit Rilke ahnten: "Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt."
Corbis

Was will uns diese Frau in Raubkatzenbegleitung sagen? Natürlich das, was wir seit Rilke ahnten: "Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt."


Die meisten Menschen verbringen im Leben einige Zeit damit, über ihren inneren Schweinehund zu sinnieren. Er bekommt so viel Aufmerksamkeit, dass ein anderer innerer Zeitgenosse ganz in Vergessenheit gerät. Er hat nicht mal einen niedlichen Namen. Genaugenommen hat er gar keinen. Es bleibt nichts anderes übrig, als ihn behelfsmäßig den Korpus zu nennen. Dieser Korpus frisst sich schon in jungen Jahren eine Sammlung von Texten, Äußerungen und Zitaten an. Irgendwann stolziert er dann satt und zufrieden mit einem eigenen Gedanken-Kanon vor sich her.

Es gibt Menschen, deren Korpus umfasst nur Vorzeigbares. Man muss sich ihn dann wohl als vornehme Gestalt vorstellen, der immer nur mit exklusiven Häppchen gefüttert wurde. Hesse in der Jugend. Dann einmal quer durch das Klassiker-Menü: Die "Glocke", "Der Panther", das Glaubensbekenntnis.

Meinen Korpus möchte ich mir nicht gerne allzu bildlich vorstellen. Er wäre jedenfalls kein besonders elegantes Wesen. Sondern viel eher ein lustiger Popkultur-Prolet. Beim Bier souffliert er mir Gisbert-zu-Knyphausen-Verse, in den unpassendsten Momenten singt er Werbe-Jingles, manchmal ist er nostalgisch drauf und spricht in Kinderbuchzeilen von Erich Kästner zu mir. Ganz offensichtlich beherrscht mein Korpus die Ducktales deutlich besser als Daktylen. Würde ich ihn nämlich darum bitten, mir ein Gedicht vorzusagen, würde er nur ganz verschämt etwas von der Weihnachtsmaus nuscheln und sich daraufhin für lange Zeit tot stellen. Ich möchte meinen Korpus nur ungern öffentlich brüskieren, aber ich finde, das ist eigentlich kein Zustand.

Auf die naheliegende Frage, warum mein Korpus keine Gedichte kennt, gibt es eine sehr einfache Antwort: Weil ich mir noch nie die Zeit genommen habe, eines auswendig zu lernen. Es gibt aber auch eine komplizierte Antwort. Die hat mit der antiken Rhetorik zu tun und dem veränderten Wissenskanon und der Bildungsreform. In der Antike ist die Fähigkeit, Gedichte auswendig zu lernen, noch eine der fünf Säulen der Rhetorik. Und die Rhetorik wiederum ist von zentraler Bedeutung für die Sprache der Menschen. Mitte des 17. Jahrhunderts verliert sich diese Bedeutung. Mit der Moderne gilt das bloße Auswendiglernen sogar als Gegensatz zu erstrebenswerten Idealen. Als Feind der Kreativität, Originalität, Spontaneität und Genialität. Gleichzeitig löst sich die Idee eines festen Wissenskanons immer auf. In der Schule muss heute deswegen niemand mehr "Das Lied von der Glocke" auswendig lernen. Und auch ich möchte nicht unbedingt die "Glocke" auswendig lernen. Aber welches Gedicht dann?

"Die Zumutung von Bedeutungsschwere"

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, treffe ich an einem Regentag in Sichtweite von Silvester die Lyrikerin Daniela Seel. Seel trägt Peroxidpony zu froschgrünen Stiefeln und außerdem komplexe Gedanken über Poesie mit größter Leichtigkeit vor. Als Kind hat sie mit ihrer Großmutter Wilhelm Busch gelesen, als Jugendliche klassische Gedichte wie den "Erlkönig" auswendig gelernt, als Gedächtnisübung. Und als Erwachsene hat Seel den Verlag "kookbooks - Labor für Poesie als Lebensform" mitbegründet. Dort ist vor einigen Jahren auch ihr erster eigener Gedichtband erschienen unter dem Titel "Ich kann diese Stelle nicht wiederfinden".

Seel redet viel von der profanen Welt, in der wir leben. In dieser Welt, sagt Seel, seien die ganz großen Fragen des Lebens gar nicht mehr zugelassen. Höchstens noch über den Umweg der Ironie, weswegen es Poetry Slams gäbe. Oder über den Umweg des Kitschs, weswegen es Vampirfilme gibt. "Da weiß man, es ist Genre, und muss es deshalb nicht wirklich an mich ranlassen", sagt Seel. Bei Gedichten aber, sagt Seel, sei man entgegen aller Gewohnheit, diese nicht an sich heranzulassen, mit diesen großen Fragen ganz ungefiltert konfrontiert. Was ist Schönheit? Was ist bedeutsam? Was ist ein gutes Leben? Seel sagt: "Das ist die Zumutung von Bedeutungsschwere."

Seels ganzes Leben hat mit Gedichten zu tun, aber es fällt ihr nicht leicht, ein einzelnes davon zum Auswendiglernen zu empfehlen. Das habe, sagt sie, mit einer zunehmenden Komplexität von Gedichtzyklen zu tun. Gedichtbände hätten immer öfter essayistische Formen. Gedichte seien immer öfter buchlang. Poesie heute widersetze sich der Anthologisierung. Schließlich entscheidet sie sich für Steffen Popp. "Er ist einer, der immer versucht, das eine Gedicht zu finden, der versucht, den finalen Punkt zu setzen."

Steffen Popp - diesen Namen sollte sich mein innerer Korpus schon einmal merken. Denn im neuen Jahr möchte ich ein Gedicht auswendig lernen.

Und zwar dieses:

Dickicht mit Reden und Augen

Möglichkeit und Methode überschneiden sich
ein kühner Satz bricht sich im Wald, fortan er hinkt
kein Sprung ins Dickicht dringt, kein Huf hinaus
kein ausrangiertes Fahrrad betet hier um Ruh
kein altes Lama spuckt, kein junges auch
sie hängen in den Tag, in Baumschaukeln
kein Baum, genau besehen, keine Schaukel, nicht mal
ein sie, nur hängen, Tag
Reden, durch nichts gedeckt, doch lebhaft
Lebewesen fast in einem Dickicht
hängend, hinkend eine, darum nicht weniger wahr
nicht wahr, nicht weniger, nicht ungerührt
schaukeln oder grasen zur Pflege der Landschaft
oder stehen nur in ihr, schauen herüber mit Augen.

für Elke Erb

Vom Kneipenquiz bis zum Aquarellmalen - weitere gute Vorsätze finden sich in der aktuellen Ausgabe des KulturSpiegel.

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Antidarwinist 04.01.2015
1.
Ich gäb' ein gutes Buch drum, wär' Kellers Korpus doch ne-utrum.
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Seite 1

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