Handke-Debatte "Das Ende der Aufklärung"

Grotesk, skandalös, unmöglich: Österreichische Schriftsteller und Medien, darunter die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, empören sich über Düsseldorfs Entscheidung, den Heine-Preis nun doch nicht an Peter Handke zu verleihen. Sogar vom "Ende der Aufklärung" ist die Rede.


Wien - Die konservative Wiener Zeitung "Die Presse" schreibt heute zur Entscheidung des Düsseldorfer Stadtrats, den Heinrich-Heine-Preis entgegen der Jury-Auswahl nicht an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke zu verleihen:

Nobelpreisträgerin Jelinek: Entsetzt über die  Düsseldorfer Entscheidung
REUTERS

Nobelpreisträgerin Jelinek: Entsetzt über die  Düsseldorfer Entscheidung

"Mit der Toleranz ist nicht zu spaßen. Lieber einen harmlosen Gelehrten mit dem guten Heine belehnen als ein unberechenbares Genie. Peter Handke gehört ausgezeichnet, aber eben nicht für Güte, sondern für sein außerordentliches literarisches Werk, das in 40 Jahren zu einem schwer zu bewältigenden Text-Gebirge gewachsen ist. (...)

Handke ist ein rücksichtsloses Genie, ein Autist der Sprache, ein Solitär. Man muss ihn lesen, wenn man einen wesentlichen Aspekt der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur verstehen will. Ihn zu ignorieren wäre so, wie wenn man die Werke des Norwegers Knut Hamsun nicht läse, weil er den Nazis gefällig war, oder die phantastischen Romane des Kolumbianers Gabriel Garcia Marquez, weil er mit Fidel Castro befreundet ist. Die Weltliteratur ist voller politischer Narren. Soll man die Bücher von Gottfried Benn verbrennen? Oder von Maxim Gorki? Heiliger Heine, davor bewahre uns die Meinungsfreiheit!"

Zahlreiche österreichische Schriftsteller sind empört über die Entscheidung der Düsseldorfer Politiker. Die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sei "sehr entsetzt", schreibt die österreichische Zeitung "Der Standard". "Ich finde es absurd. Diese Entscheidung steht dem Stadtrat nicht zu. Schließlich hat es ja eine Jury entschieden. Die sind ja auch keine hilflosen Kinder, die sich dominieren lassen", sagte Jelinek, die 2002 selbst den Heine-Preis bekam. "Viele Dinge, die Peter Handke vorgeworfen werden, hat er ja schon selbst entkräftet. Ich finde diesen Brei aus Halbwahrheiten ziemlich unappetitlich." Unter solchen Bedingungen würden Preise "unnötig".

In einer Erklärung auf ihrer eigenen Website nahm sie noch ausführlicher Stellung. Dort heißt es unter anderem: "Ich muss auch nicht darauf hinweisen, wie oft Heine seine politische Meinung veröffentlicht – und wieder geändert - hat, mit großer Leidenschaft, und darauf kommt es an. (...) Was an dem, was er [Handke] geschrieben hat, richtig zu stellen ist, ist nichts, denn er darf alles schreiben. Was an dem, was er gesagt hat, richtig zu stellen war, hat er getan (...)" Jelinek habe sich auch darüber geärgert, dass "Handkes Schlüsselstück über das ehemalige Jugoslawien, 'die Fahrt im Einbaum', in der Debatte kaum je erwähnt worden ist."

Laut "Standard" findet auch der Schriftsteller Robert Menasse ("Die Vertreibung aus der Hölle") die Entscheidung, Handke den Preis doch nicht zu verleihen, "unmöglich". "Diese Haltung ist unglaublich. Das ist ja die größte Groteske: Eine unabhängige Jury trifft die Entscheidung, und Politiker heben diese wieder auf, und legen damit genau den politischen Autoritarismus an den Tag, gegen den sie ja angeblich auftreten und den sie Handke unterstellen." Dass Politik in geistige und kulturelle Debatten hineinregieren könne, bezeichnete er als Skandal. Sein Vorschlag: Düsseldorf solle den Heinrich-Heine-Preis in den Paul-Heyse-Preis umbenennen, nach dem konservativen Dichter der Jahrhundertwende, der 1910 den Literaturnobelpreis bekam. "Und dann", so Menasse, "soll dieser Preis in Heyses Sinn an Epigonen und Mitläufer vergeben werden."

Die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz bezeichnete den Beschluss des Düsseldorfer Stadtrats als "Parteipolitik auf Kosten der Literatur". Es sei "das Ende der Kunst, wie wir sie kennen, das Ende der Aufklärung." Streeruwitz sagte: "Im Grunde kennen wir das alles aus der DDR." Was da gerade passiere, sei "nicht nur gegen Handke, sondern auch gegen die Jury." Mehr noch: "So beginnt der Weg zu Zensur und Unfreiheit."

abr/dpa



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