Ströbele-Biografie Das Unikat

RAF-Anwalt, "taz"-Mitgründer, Grünen-Urgestein, Snowden-Unterstützer, unreformierbarer Linker: Eine neue Biografie zeigt, wie der Anwalt und Politiker Christian Ströbele zum "König von Kreuzberg" wurde.

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Es geschah im September 2002, zwei Tage vor der Bundestagswahl. Der grüne Abgeordnete Christian Ströbele baute morgens am Berliner S-Bahnhof Warschauer Straße einen Wahlkampfstand auf. Vollkommen unerwartet zog ihm ein Neonazi von hinten einen Totschläger über den Kopf. Ströbele schlug hin, aber zwei Tage später war er wieder obenauf: Als erster Grüner wurde er direkt in den Bundestag gewählt.

Derart dramatische Episoden sind selten in der Politik in Deutschland, doch Christian Ströbele ist auch kein normaler Politiker. Unter den immer weniger unterscheidbaren Insassen des Bundestags ist er eine singuläre Erscheinung: radikal, beharrlich, unbestechlich, exzentrisch.

Wie der 76 Jahre alte Mann mit den weißen Haaren und dem Fahrrad, der "König von Kreuzberg" genannt wird, so wurde, wie er ist, das hat jetzt Stefan Reinecke aufzuklären versucht. Der inoffizielle Chefkommentator der "taz" hat die bislang erste Ströbele-Biografie vorgelegt.

Deutlich wird, dass die Unabhängigkeit und das bescheidene Selbstbewusstsein, die Ströbele auszeichnen, aus der bürgerlichen Familie rührt, der er entstammt. Er wird als drittes von vier Kindern in Halle als Sohn eines Chemikers geboren, der Mitglied der NSDAP ist. Stärker als der strenge Vater prägen ihn die anthroposophische Mutter und sein Onkel Herbert Zimmermann, ein Bohemian und Sportreporter, der das Finale der Fußballweltmeisterschaft kommentiert, das Deutschland 1954 in Bern gewinnt.

Der junge Ströbele ist ein schlechter Schüler und Elvis-Presley-Fan; kein Linker, sondern Leser von Springers "Welt". Doch bei der Bundeswehr erwacht sein rebellischer Geist: Er schreibt zahllose Beschwerden für Kameraden und verweigert die Beförderung zum Gefreiten.

Sein Jurastudium in Heidelberg und West-Berlin betreibt er nicht übereifrig, schon vor dem Abschluss heiratet er 1967 die Diplomatentochter und Schauspielerin Juliana Gregor, mit der er noch heute zusammen ist.

"Schwein, Intrigant, Bulle"

Die entscheidende Wende seines Lebens bringt der 2. Juni 1967 in West-Berlin. Nachdem bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien der Student Benno Ohnesorg von dem Kriminalbeamten Karl-Heinz Kurras erschossen worden war, heuerte der Justizreferendar Ströbele bei dem bekannten Anwalt Horst Mahler an. Zwei Jahre später gründete er mit ihm und Klaus Eschen das Erste Sozialistische Anwaltskollektiv.

Ströbele verteidigte erfolgreich den Kommunarden Dieter Kunzelmann, seinen Kollegen Mahler, der sich der RAF angeschlossen hatte, und schließlich auch die führenden Figuren der Terrorgruppe, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof. Ensslin nennt ihn nonchalant "Schwein, Intrigant, Bulle", die Stammheimer Richter aber halten ihn für einen RAF-Sympathisanten und schließen ihn von der Verteidigung aus. Er wird im Juni 1975 wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verhaftet und später zu zehn Monaten Haft verurteilt.

Im Gegensatz zu seinen Jahren als RAF-Anwalt war seine Rolle als väterlicher Unterstützer der jungen "taz"-Gründer Ende der Siebzigerjahre eine gemütliche Mission. Sein Agieren auf dem linken Flügel der Grünen dann schon wieder weniger, die Konfrontationen zwischen ihm und dem Oberrealo Joschka Fischer waren hart.

Doch Ströbele ist politikabhängig, und er kann Schläge wegstecken. Er steht nach Niederlagen einfach wieder auf und macht weiter. Als 2002 die Berliner Grünen nicht ihn, sondern den DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz auf den aussichtsreichen Listenplatz wählen, kandidiert er für das Kreuzberger Direktmandat, das er bislang vier Mal in Folge gewann.

Ewiger Anti-Autoritärer

Stefan Reinecke hat dieses pralle Leben auf 464 Seiten detailliert rekonstruiert. Insgesamt prägt das interessante Buch ein großer Widerspruch: Reinecke kritisiert Ströbele dafür, dass er sich nicht schärfer von seinen RAF-Mandanten distanziert hat, dass er den nationalen Schub durch den Beitritt der DDR nicht mitvollzogen und noch immer gegen die zunehmenden Einsätze der Bundeswehr in aller Welt stimmt.

Doch genau diese bis zur Sturheit gehende Beharrlichkeit ist es, die Ströbele gegenüber dem Heer von Opportunisten in der Politik auszeichnet. Und im Gegensatz zu anderen 68ern (der heutige Grünen-Star Winfried Kretschmann ist nur einer von vielen) hat Ströbele nie Mao Zedong, Pol Pot und anderen stalinistischen Kommunisten gehuldigt. Er hat auch keine Steine auf Polizisten geworfen wie Joschka Fischer weiland in Frankfurt.

Er hat auch niemals die DDR und den Kommunismus à la Moskau gepriesen. Als Anarchist und ewiger Anti-Autoritärer hat Ströbele keine fundamentalen politischen Irrtümer zu bereuen. Deshalb konnte er sich in einer Weise treu bleiben, die ihn zu einem Unikat der deutschen Politik macht.

Ströbele ist mit etlichen politischen Wertungen von Reineckes Biografie unzufrieden. "Das Buch ist ein Ansporn für mich", sagt er, "eine Autobiografie zu schreiben."

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
no__comment 11.04.2016
1. Herr Ströbele
Der mit Abstand aufrichtigste deutsche Politker. Dann kommt Frau Leutheusser-Schnarrenberger und danach kommt lange nix ... meine Meinung.
kugelsicher, 11.04.2016
2.
Einer der letzten unbeugsamen, nicht käuflichen Politiker. Ein Überzeugungs-Politiker. Bitte weiter so.
ambulans 11.04.2016
3. ist
schon irgendwie lustig, wenn ein anderer "die autobiografie" über einen schreibt - und dann ist man (selbst) doch gar nicht so ...
barstow 11.04.2016
4. Vergessen wurde
Realitaetsverweigerer.
hollowman08 11.04.2016
5. Obwohl es schwer
ist angemessen zu kommentieren. Weil verstehen kann man es nicht.. Sollte er jedenfalls noch den Grünen nahestehen müsste er der einzige (vielleicht noch einer von wenigen) Grünen sein die übriggeblieben sind. Seit den Bomben auf Serbien habe ich nicht verstehen können warum Ströbele noch in dieser korrupten Partei hängegeblieben ist, die die Hoffnungen nach Frieden, sozialer Gleicheit und Demokratie von unten so zerstört haben wie die Grünen es taten und immer noch tun. Mittlerweile würde ich ihn gerne bei den Linken sehen, die einzige Partei die für das steht was die Grünen zur Gründung einer Partei bewegt hatte. (mag man ihnen noch die Öko kompetenz als einzige kompetenz zugesthen die übriggeblieben ist) Was will er noch bei den Grünen, die keinen Moment auslassen um Angriffskriege anzudrohen bzw. gutzuheissen oder Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnnen noch mehr drangsalieren zu wollen.
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