Harry Potter Die Lüge vom Ligusterweg

"Harry Potter"-Hype hin - Tatsachen her: SPIEGEL ONLINE hat den Ferien-Wohnort des Zauberlehrlings im Ligusterweg Nr. 4 aufgesucht. Alles deutet drauf hin, dass Harry selbst nie dort gewesen ist...
Von Carsten Heckmann

Die schmiedeeiserne Hausnummer 4 ist so klein, dass man sie kaum entdeckt an dem schmalen Holzpfahl, an den sie genagelt ist. Der Weg ist spärlich beleuchtet. Das Haus ist fast verborgen hinter einer wild wuchernden Hecke. Sollte die nicht sorgfältig geschnitten sein? Bestimmt alles Taktik. Die Dursleys, die im Ligusterweg wohnen, sind es vielleicht einfach leid, dass obskure Harry-Potter-Freunde sie belästigen. Sie, Harrys Tante und Onkel, haben den Waisenknaben ja ohnehin eher widerwillig aufgenommen.

Doch Journalisten sind willkommen. Sie sind ja auch Muggels, entstammen nicht der Zauberwelt. Komisch nur, dass eine Frau von robuster Gestalt die Tür öffnet. Sie ist überhaupt nicht pferdegesichtig und knochig, und auch nicht blond, sondern braunhaarig. Ihr Hals hat Normallänge. Kurzum: Das kann nicht Petunia Dursley sein, wie sie allenthalben beschrieben wird. Aber sie kennt Harry Potter. Nur soll der nie hier gewesen sein.

Wo ist der Schrank unter der Treppe?

Und ob er soll. Nach Informationen von Joanne K. Rowling wohnt er im Ligusterweg Nr. 4. Ein in Deutschland kurz vor der Veröffentlichung stehendes Filmdokument soll das belegen. Natürlich, so heißt es, wohne Harry nicht jetzt dort, während an seiner Zauberschule Hogwarts der Unterricht läuft, jedoch im Sommer, während der Ferien. Dann sei er spartanisch untergebracht, wahlweise in einem Schrank unter der Treppe oder in einem der beiden Zimmer von Dudley Dursley, dem Sohn des Hauses.

Unter der weißen Holztreppe muss sie also sein, Harrys unwirtliche Behausung. Doch der Raum unter der Treppe gleich nach der Eingangstür ist nicht zugänglich. Holzlatten versperren den Weg. Ob es noch eine andere Treppe gibt? "Ja, Richtung Keller", erwidert Mrs. Wie-auch-immer. Doch jene Treppe sei "very private", Zugang untersagt.

Very strange. Aber es kommt noch seltsamer. Im Flur steht ein Regal mit allem möglichen Krimskrams. Spielzeuge, Bierdeckel, Streichholzschachteln, Asien-Souvenirs. Den Fußboden ziert ein schwarz-weißes Schachbrettmuster. In der Küche erwartet einen ein teletubbie-buntes Ensemble: gelbe Decke, grüne Borde, rote Möbel. Von einem Fernseher keine Spur.

Von Spießigkeit keine Spur

Es sei an den ersten Satz von Frau Rowling zum Thema Potter erinnert: "Mr. und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar." Normal, spießig, langweilig. Ganz anders als dieses Haus.

Misstrauen ist gut, fragen ist besser: Sind Sie Mrs. Dursley? "Nein, natürlich nicht." Ist das denn Ihr Haus? "Ja, natürlich." Müsste nicht mal die Dachrinne repariert werden? "Stimmt." Und Sie wissen nicht, wo Harry ist? "Doch, ja. Sie finden ihn im Wohnzimmer."

Na also, es geht doch. Ein scharfes Verhör hilft manchmal eben mehr als scharfe Augen. Und tatsächlich liegt Harry auf dem Sofa - allerdings zweidimensional. Alles nur Lug und Trug im Ligusterweg. Immerhin gibt es wenigstens den wirklich, in allen Dimensionen. Zumindest diesen. Das ist nachprüfbar - auf dem Stadtplan von Hamburg.

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