Harry Potter Ein Waisenkind sorgt für volle Kassen

Umsätze wie zu Weihnachten erwarten die Händler von dem vierten Band der Kinderbuchserie "Harry Potter". Die Marketing-Strategen freuen sich über die beispiellose Erstauflage von 3,8 Millionen Exemplaren allein in den USA. Doch in den Reihen der Feuilletons regt sich erste Kritik an der Gigantomanie.


Cover-Vorabdruck des neuen Buches
Scholastic

Cover-Vorabdruck des neuen Buches

London - Noch nie lagen so viele Vorbestellungen für ein Buch vor: Acht Tage vor Erscheinen waren es 282.650. Für den Internet-Buchhändler Amazon ist der vierte Band der Bestsellerreihe "Harry Potter" die "größte Lancierung eines einzelnen Produktes in unserer Geschichte". Die Aktien des Verlags Bloomsbury stiegen seit 1998 dank des jungen Romanhelden um das Achtfache. Am Samstag kommt "Harry Potter and the Goblet of Fire" (Harry Potter und der Feuerkelch) in den Handel.

Manchen Literaturkritiker lässt die gigantische Vermarktung in Tiraden des Unmuts ausbrechen. Es sei das "am stärksten aufgebauschte Projekt, das die Verlagswelt je gekannt hat", schreibt "The Guardian". Die Tatsache, dass Kinderbücher über viele Monate hinweg die internationalen Bestsellerlisten dominierten, sei "ein neues Beispiel für die erschreckende Infantilisierung der Erwachsenenkultur". In den USA haben sich sogar Verleger dafür ausgesprochen, Harry Potter von der Bestsellerliste der New York Times zu verbannen - Kinderbücher gehörten da nicht hin. Der "Observer" kommentiert: "Das sind Disneycomics in Prosaform, mehr nicht."

Doch nicht nur Kinder, auch zahllose Erwachsene sind dem jungen Romanhelden verfallen. Wer nicht zugeben will, dass er ein Kinderbuch liest, kann eine Ausgabe mit neutralem Einband bestellen. Viele Fans in Großbritannien und den USA wollen am Freitagabend in Schlafsäcken vor den Buchläden campieren und ab Mitternacht mit dem Lesen beginnen. Eine Menge Läden werden rund um die Uhr geöffnet sein. Etliche laden ihre Kunden zu Kostümpartys mit Zaubertricks ein. Sportflugzeuge mit riesigen Bannern werden entlang der Strände Kaliforniens, New Yorks und im Süden der USA fliegen. Deutsche Fans müssen sich gedulden: Hier zu Lande erscheint die neue Ausgabe erst am 14. Oktober.

Einer der wenigen Menschen, die das Buch schon gelesen haben, ist die Lektorin Emma Matthewson vom Verlag Bloomsbury. Sogar sie bekam nur ein einziges Exemplar: "Wenn ich nicht daran gearbeitet habe, habe ich es im Safe eingeschlossen." Joanne K. Rowling, die schottische Erfinderin des Kinderbuchhelden, schrieb das erste Buch als arbeitslose Lehrerin. Inzwischen verdient die ehemalige Sozialhilfeempfängerin mehr als die Spice-Girls, ihr Vermögen wird auf knapp 50 Millionen Mark geschätzt. Die drei ersten Bücher haben eine Gesamtauflage von über 30 Millionen.

Christoph Driessen

Leser-Forum:Harry Potter - Die neue Micky Maus?



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