Harry Potter Leset und staunet, Millionen!

Mädchen tragen Brillen und Jungs betteln darum, 1000-seitige Wälzer lesen zu dürfen. Verkehrte Welt? Nein, nur Symptome der Pottermania. Kurz vor Erscheinen des letzten Bandes beschreibt SPIEGEL ONLINE in einer Serie, wie aus einem kleinen Zauberlehrling ein literarischer Megastar wurde.
Von Urs Jenny

Es war einmal schmächtiger, unglücklicher Junge, der, von seinen Stiefeltern gehasst und misshandelt, wie ein Taugenichts unter der Treppe hausen musste. Eines Tages aber wurde ihm kundgetan, dass er etwas ganz anderes sei, etwas ganz Besonderes, und er wurde aus seinem Mauseloch in ein Schloss versetzt, wo er aufgenommen wurde wie ein Prinz und fortan lauter gefährliche und großartige Abenteuer erlebte.

Alle mutlosen kleinen Jungen, die nur dauernd hören mussten, dass sie nichts Besonderes seien, bekamen vor Begeisterung rote Ohren, als ihnen ein Buch über diesen Harry Potter und seine magischen Kräfte in die Hände kam. Auch all die Mädchen, die mit sich selbst kreuzunglücklich waren, konnten von Harry Potters Geschichten nicht genug kriegen. Und sogar manche Älteren, die sich erinnerten, wie sie sich als hässliche kleine Entchen danach gesehnt hatten, dass jemand in ihnen den schönen Schwan entdecke, fühlten sich mit Harry Potter noch einmal jung. Das waren Millionen, Millionen, Millionen.

An einer Backsteinmauer im Londoner Bahnhof King’s Cross prangt seit ein paar Jahren – als kleine Huldigung der Realität an die Fiktion – ein Schild mit der Aufschrift "Platform 9 3/4". Touristen lassen sich gern davor fotografieren. An dieser Mauer erweist sich, was gilt: Wer magische Kräfte hat, kann sie durchschreiten und den dahinter bereitstehenden Sonderzug in Harry Potters Welt besteigen; für alle gewöhnlichen Sterblichen, für die Millionen von Lesern, die Harry Potter in seinen Bann gezogen hat, führt der Weg dorthin durch die Imagination, die Phantasie, die Literatur.

Es ist ein Phänomen ohne Beispiel und ohne Vergleich. Von den bisherigen sechs Harry-Potter-Romanen sind rund um den Erdball insgesamt etwa 325 Millionen Exemplare verkauft worden und haben ihre Autorin zu einer der reichsten Frauen der Welt gemacht. Wenn am 21. Juli der siebente und unwiderruflich letzte Roman der Serie erscheint, "Harry Potter and the Deathly Hallows", kommt die britische Ausgabe mit rund 3,5 Millionen Exemplaren und die amerikanische mit 12 Millionen auf den Markt. Die deutsche Ausgabe, Ende Oktober, startet mit mindestens einer Million Stück.

Chronik der Rekorde

Nichts davon war zu ahnen, als vor ziemlich genau zehn Jahren, am 26. Juni 1997, in einem kleinen Londoner Verlag mit einer Startauflage von 1000 Stück der erste Harry-Potter-Roman erschien, dessen Autorin J. K. Rowling zuvor keine Zeile veröffentlicht hatte. Doch ihr Geschöpf erwies sich als Überflieger. Der kleine Zauberlehrling brauchte zwei Jahre und zwei weitere Bücher, um – ohne hysterischen Medienrummel und ohne ausgeklügelte Marketingstrategien – die halbe Welt für sich zu gewinnen: Im Sommer 1999 hielten die drei bis dahin erschienenen Harry-Potter-Bände viele Wochen lang die drei ersten Plätze auf der Beststellerliste der "New York Times" besetzt: eine Situation, die man bis dahin für unvorstellbar gehalten hatte. In den Jahren seither eroberten auch in Deutschland, Frankreich und anderswo die englischen Originalausgaben jeweils lange vor den Übersetzungen die Spitze der Bestsellerlisten: So wurde die Chronik der Potter-Romane zu einer Chronik von Rekorden, die Mal um Mal kein anderes Buch als der jeweils nächste Potter-Roman übertreffen konnte.

Die Warnungen fürsorglicher Pädagogen, die in den ersten Jahren des unheimlich anschwellenden Harry-Potter-Kults meinten, das Beispiel des unwiderstehlichen Zauberlehrlings könne zu finsterem Wunderglauben oder gar satanistischen Praktiken verführen, sind längst verhallt. Inzwischen haben Erziehungswissenschaftler zu ihrer Überraschung festgestellt, dass Harrys Zauber ganz andere Wunder wirkt: Scharen von Jungen, bei denen man sich resignierend damit abfinden wollte, dass die Mühe der Alphabetisierung sie wohl kaum über die Lektüre von Comics hinaus beflügeln würde, begannen aus Lust richtige Bücher zu lesen, richtig dicke und noch dickere – denn Band fünf mit den Abenteuern des inzwischen Fünfzehnjährigen schwoll auf tausend Seiten an.

Erst in den USA und Großbritannien, dann auch auf dem europäischen Kontinent haben sich die Vorabende von Potter-Publikationen zum tumultuösen Fan-Ereignissen entwickelt: Man singt und feiert, oft zauberhaft kostümiert, vor den Buchhandlungen, bis deren Türen sich (nur an diesem speziellen Tag) eine Minute nach Mitternacht öffnen, um die heißhungrigen Leser mit dem frischen Stoff zu versorgen. So sind den USA am Erstverkaufstag von Band sechs innerhalb von 24 Stunden fast 7 Millionen Stück verkauft worden.

"Harry Potter" auf Urdu

Was Bücher allein vielleicht nicht bewirkt hätten, hat das Kino (samt seinen Videospiel-Ablegern) geschafft: Harry Potter gilt mittlerweile – mit einigem Abstand hinter Mickymaus – als das zweitpopulärste Mediengeschöpf der Welt. Die Verfilmungen der ersten vier Potter-Romane, die seit Ende 2001 weltweit in die Kinos gekommen sind, haben alle vier einen Platz auf der "Variety"-Liste der zwanzig größten Hits errungen; zusammen haben sie bisher über zweieinhalb Milliarden Euro eingespielt – der Zauberlehrling als Kino-Midas.

Wie Joanne Rowling womöglich sogar reicher als die Queen wurde

Noch niemals, so heißt es, habe ein Künstler durch seine Werke auch nur annähernd so viel verdient wie mit ihrer Schriftstellerei die stille, menschenfreundliche und unverändert öffentlichkeitsscheue Joanne Rowling, 41. Sie gilt als Dollarmilliardärin, ist möglicherweise sogar reicher als die britische Queen und rangiert im US-Magazin "Forbes" auf der Liste der "Celebrity 100" in der Sparte Show Business & Sport als erster Autor auf Rang 48.

Seit die Potter-Bücher ganz offiziell auch in der Volksrepublik China verlegt werden, ist die Pottersucht, Potterbegeisterung und Pottermanie ein wahrhaft weltweites Phänomen. J. K. Rowlings bisherige sechs Romane wurden in über sechzig Sprachen übersetzt, in Urdu und ins Grönländische, ins Tamilische und ins Albanische, und der erste nicht nur ins Lateinische, sondern sogar ins Altgriechische. Es ist nicht abwegig, sich eine halbe Milliarde Leser vorzustellen, nahezu ein Zehntel der Menschheit: Noch nie haben so viele Menschen zur selben Zeit dieselbe Geschichte gelesen. Dieser Erfolg bleibt aus dem Werk als solchem heraus – so versponnen britisch im Kleinen, so pathetisch schicksalsschwer im Großen – ganz und gar unerklärbar. Es handelt sich, durch den Alleingang einer eigenbrötlerisch-unbeirrbaren Autorin, um einen einzigartigen und kaum nachvollziehbaren Akt der Globalisierung durch Literatur.

Vision im Zug

Dabei hatte die Sache ganz klein angefangen, mit einer schmalen jungen Frau in London, blass und blond und sehr unsicher, die mit 25 Jahren noch wenig im Leben auf die Reihe gebracht hatte: Sie besaß zwar, den Eltern zuliebe, einen Studienabschluss in Französisch, hatte dann aber doch lieber zwei Jahre im Büro bei Amnesty International gejobbt, und sie war der Verwirklichung ihres Kindheitstraums "Schriftstellerin" in verschiedenen Anläufen kein bisschen näher gekommen. Alles in allem eine ziemlich graue Maus.

Eines Tages im Sommer 1990 aber – auf der Rückfahrt von Manchester, wohin sie mit ihrem damaligen Freund umziehen wollte – überfiel sie im "überfüllten Zug" eine Art Tagtraum oder Vision: Ihr erschien die Figur eines "mageren, schwarzhaarigen, bebrillten Jungen" mit höchst sonderbar übernatürlichen Talenten, und die Bahnfahrt ließ ihr vier Stunden Zeit, um diesen Jungen herum einen ganzen Bildungsroman zusammen zu phantasieren. "Alle Einzelheiten traten in meinem Hirn zu Tage." Sie begann, sagt sie, "noch am selben Abend" diesen Roman zu schreiben, und sie hat jahrelang damit weitergemacht, wann und wo immer sie konnte.

Doch dass dieser Tag die Schicksalswende war, ließ sich lange nicht erkennen. Der Umzug nach Manchester war kein Erfolg. Im Jahr darauf ging sie als Sprachlehrerin nach Portugal, heiratete eine Journalisten, bekam ein Kind, ließ sich scheiden und landete Ende 1994 mit Tochter Jessica und halbfertigem Manuskript in Edinburgh, wo sich ihre jüngere Schwester als Juristin niedergelassen hatte.

Lehrjahre des Wunderknaben

Die Legende will, dass Joanne Rowling damals in Edinburgh von Sozialhilfe lebte und dass sie, das schlafende Baby neben sich, halbe Tage lang kettenrauchend in einem Café saß und "wie eine Wahnsinnige" schrieb. Und irgendwann siegte über alle Selbstzweifel des grauen Mäuschens die Selbstgewissheit, die sie aus nichts als dem unbeirrbaren Glauben an ihr Werk gewann. In ihrer Vorstellung war dieses Werk rund um den mageren, bebrillten jungen Helden Harry Potter längst zu einem ganzen Welt-Entwurf in Form eines siebenbändigen "Bildungsromans" herangewachsen, der Band um Band die sieben Lehrjahre des Wunderknaben mit der messianischen Aura in einem Elite-Internat namens Hogwarts erzählt.

1995 gelang es Joanne Rowling, einen Londoner Agenten von ihrem Projekt zu überzeugen. Der legte ihr nahe, neutrale Initialen statt ihres Vornamens zu wählen, weil kleine Jungen angeblich keine Bücher mögen, die von Frauen geschrieben sind, und er fand (nach einer Reihe von Fehlschlägen) 1996 einen kleinen Verlag, der das Manuskript für 2500 Pfund Vorschuss annahm. Den Ausschlag gab, so heißt es, die Begeisterung der achtjährigen Tochter des Verlagsleiters. So erschien, ohne besondere Werbung und mit einer Startauflage von 1000 Stück, im Sommer 1997 J. K. Rowlings "Harry Potter and the Philosopher’s Stone".

Der Rest ist Geschichte. Doch ihre ganze beispiellose Eigendynamik begann diese Geschichte vielleicht doch erst zu entwickeln, als ein paar Tage nach dem Start und ersten begeisterten Rezensionen ein amerikanischer Verlag für die US-Rechte die auf dem Jugendbuch-Markt sensationelle Summe von 105.000 Dollar bot: Der Zauberlehrling erwies sich als Selbstgänger, ja als Überflieger.

Lesen Sie im zweiten Teil: Was macht – für Millionen Leser aller Altersklassen und Bildungsschichten, aller Hautfarben und Religionen – die Unwiderstehlichkeit von Harry Potters nicht enden wollender Bildungsabenteuergeschichte aus?

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