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Neuer Roman von Haruki Murakami: Schönheit, Klugheit, Geschmack

Foto: © Yuriko Nakao / Reuters/ REUTERS

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" Da bist du wieder, Murakami-Mädchen!

Ein weltweit konkurrenzloser Schriftsteller liefert den verdichteten Beweis seiner Kunst: In "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" erzählt Haruki Murakami die Geschichte einer Selbstfindung - und von einer Frau, die alles entscheidet.

Damals, im Jahr 2000, als in Deutschland noch mancher glaubte, mit Popkultur die Welt, wenn nicht verändern, so doch zumindest hinreichend erklären zu können, hätte man als Journalist einen Auftrag sicher gehabt, wenn man in einer Redaktion angerufen - sagen wir beim "jetzt"-Magazin der "SZ" - und vorgeschlagen hätte: "Ich schreib euch was zum Murakami-Mädchen."

Das Murakami-Mädchen: Wie so viele Themen im damals grassierenden Popjournalismus Hirngespinst und treffende Beobachtung zugleich. Benannt nach Haruki Murakami, unter allen jungen und sich für jung haltenden Lesern der Autor schlechthin, der es schließlich sogar ins "Literarische Quartett" brachte (nicht, ohne dort die Runde zu sprengen). Das Murakami-Mädchen in seiner Erscheinungsform als Murakami-Leserin traf man auf fast jeder Party - wie sonst hätte es dazu kommen können, dass auf den Geschenktischen kaum etwas anderes lag als Murakamis Romane "Mister Aufziehvogel", "Hard Boiled Wonderland" und "Wilde Schafsjagd"? Allesamt Bücher, bevölkert von Murakami-Mädchen in ihrer anderen Erscheinungsform, der Männerphantasie für gehobene Ansprüche: begehrt nicht allein aufgrund ihres Aussehens, sondern auch aufgrund ihrer Klugheit, ihres Geschmacks - und in einem Fall sogar aufgrund ihrer abstehenden Ohren.

Wenn man es nun, Jahre später, wieder mit Haruki Murakami zu tun bekommt, wirkt das auf den ersten Blick fast, als wäre eine neue Pulp-Platte erschienen, eine Reunion-Staffel von "Sex and the City", oder man würde sich wieder über Bangkok-Reisen unterhalten, als ginge es dabei um etwas Höheres und nicht bloß um die schnöde Hauptstadt von Thailand. Wie eine Rückkehr ins Jahr 2000. Doch Haruki Murakami wäre nicht der populärste aller Dauerkandidaten für den Literaturnobelpreis, er hätte in Japan mit seinem neuen Roman keinen Rekord von über einer Million verkaufter Exemplaren allein in der ersten Woche nach der Veröffentlichung erzielt, wenn es sich bei ihm um ein bloßes Zeitphänomen handeln würde. Weiter geschrieben hat er seit 2000 allemal, so "1Q84", ein mit 1300 Seiten recht umfangreich angelegtes Science-Fiction-Großwerk- keines seiner Bücher aber war zuletzt so geeignet, den Leser zu erwischen und in Murakamis Welt zu ziehen wie "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki".

Die Schlichtheit des Titels mag in deutscher Übersetzung kindlich, wenn nicht albern wirken. Doch er skizziert die Ausgangsbasis für einen Roman, in dem sich erzählerische und ästhetische Klarheit und die zum Kondensat verdichtete Geschichte einer Selbstfindung zu einem mitreißenden Ganzen verbinden.

Sexualität auf beiläufige Art schildern

Die Geschichte kreist um fünf Freunde. In ihrem Mittelpunkt steht Tsukuru Tazaki. Ein Musterbeispiel an Selbstbeherrschung, hat Tazaki, der sich selbst für einen Langweiler hält, seine Gefühle und seine Bedürfnisse fast völlig verdrängt. Als seine Jugendfreunde aus Gründen, die er nicht kennt, überraschend mit ihm brechen, verliert er den Lebensmut - und kommt auch darüber hinweg. Einen letzten, besonders unberechenbaren und eigenwilligen Trieb allerdings kann er nicht völlig unterdrücken: seine Sexualität. Tazaki hat übermächtige Phantasien, mal verkehrt er im Traum mit zweien seiner früheren Freundinnen auf einmal, mal stößt eine dritte Person dazu, ein befreundeter Mann.

Sexualität auf beiläufige, schlichte Art und doch eindringlich zu schildern, war schon immer eine Stärke Murakamis. In "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" ist der Geschlechts- und Bindungsdrang schließlich der ausschlaggebende Moment für das, was im Titel Pilgerfahrt genannt wird - in Anspielung auf Franz Liszts Zyklus "Années de Pèlerinage", die sich wie ein Leitmotiv durch den Text zieht (und nach Erscheinen des Buchs in Japan in der entscheidenden Aufnahme ausverkauft war). Tazaki macht sich auf eine Reise, die ihn bis nach Finnland führt.

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" spielt in einer realitätsfern stilvollen Welt, wie sie in ihrer Makellosigkeit bei deutschsprachigen Autoren nur selten vorkommt: In Cafés, Schwimmbädern, Autohäusern bevölkert von Mittdreißigern, denen materielle Sorgen ebenso fremd sind wie ihre eigenen Gefühle.

In Murakamis Sprache findet diese Welt ihre Entsprechung: Sie ist ungewöhnlich klar. Nur einen Manierismus leistet er sich: Die detaillierte Beschreibung von Kleidung, bei keiner anderen Protagonistin so konsequent umgesetzt wie bei Sara.

Sie ist die entscheidende Figur des Buchs. Sie ist es, in die Tsukuru Tazaki sich schließlich verliebt, die er begehrt. Nicht allein aufgrund ihres Aussehens, sondern auch aufgrund ihrer Klugheit, ihres Geschmacks. Sie ist der Inbegriff des Murakami-Mädchens. Sie erst ist es, die dieses Buch zum Inbegriff eines Murakami-Romans macht. Zu einem Buch, das zeigt: Haruki Murakami ist weltweit konkurrenzlos. Und dieser Roman der verdichtete Beweis seiner Kunst.

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