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Tehmina Durrani: Die Löwin von Lahore

Foto: Hasnain Kazim

Gesellschaftskritikerin Durrani Die Störenfriedin

"Pornografisch", "obszön" - so zeterte die Presse in Pakistan, als Tehmina Durranis erstes Buch erschien. Darin klagte sie ihren reichen Ex-Mann an, der sie wie eine Sklavin gehalten hatte. Ihre Story wurde zum Weltbestseller. Dann knöpfte sich die Autorin den Islam vor. Und jetzt Amerika.

Hunderte wollen sie sehen, wollen hören, was sie zu sagen hat. Sie verehren sie wie einen Popstar, viele ihrer Fans denken wie sie, fühlen wie sie. Nur traut sich kaum jemand, die Dinge so offen auszusprechen oder gar aufzuschreiben wie sie. Tehmina Durrani, 60, ist die Stimme der Unterdrückten, der Entrechteten und Misshandelten in Pakistan.

In ihrem Weltbestseller "Mein Herr und Gebieter. Ich war die Begum des Löwen vom Punjab" beschrieb Durrani Anfang der Neunziger ihre Ehehölle mit einem pakistanischen Großgrundbesitzer und Politiker. Sie verfasste zwei weitere Bücher, begann zu malen, setzte sich für Opfer von Säureattentaten ein. Vor zehn Jahren zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück - um nachzudenken, wie sie sagt.

Nun erhebt sie ihre kritische Stimme wieder: Im Frühjahr trat sie bereits bei Literaturfestivals in Karatschi und Lahore auf. Die Menschen drängten sich in den Sälen, harrten trotz stickiger Luft aus, wollten Fotos und Autogramme. Durrani wirkte verunsichert, lächelte verlegen. Das Rampenlicht ist nicht ihre Sache.

Vor ihrem Haus in Gulberg, einem noblen Stadtteil der pakistanischen Kulturmetropole Lahore, stehen bewaffnete Sicherheitsleute. Sie öffnen erst nach telefonischer Rückfrage bei "Lady Tehmina" die Schranke. Durrani ist seit ein paar Jahren mit Shahbaz Sharif verheiratet, Regierungschef der Provinz Punjab. Es ist ein heißer Tag im Juli, die Klimaanlage läuft, aber selbst hier, im Reiche-Leute-Viertel, fällt ständig der Strom aus. Dann klettert die Raumtemperatur innerhalb weniger Minuten auf über dreißig Grad, ein Hausangestellter muss den Generator anwerfen.

Durrani sitzt auf der Couch ihres weiß gehaltenen, elegant eingerichteten Wohnzimmers, an den Wänden hängt moderne pakistanische Kunst. Sie erzählt von ihrem Mitgefühl und ihren Sympathien für das Volk der Paschtunen, sie gehört ja selbst dazu, halb zumindest. "Ich strebe keinen Literaturpreis an. Ich will politisch etwas bewegen. Ich will auf das Schicksal der Menschen in Afghanistan aufmerksam machen. Ihnen leihe ich meine Stimme", sagt sie.

Gehalten wie eine Sklavin

Für "Happy Things in Sorrow Times", so heißt ihr neues Buch ("Fröhliche Dinge in traurigen Zeiten"), hat sie nun also wieder das ungeliebte Rampenlicht betreten. Es geht um Afghanistan, um die Kinder dort und darum, wer die Misere zu verantworten hat. Durrani erzählt darin von Basrabia, einem Mädchen, das vor dem Krieg flüchten muss, in ein Lager nach Pakistan. Und von Sher Khan; einem übermütigen Jungen. Basrabia verehrt ihn in ihren Träumen, nach nur einer Begegnung. Jahre später kehrt sie zurück nach Afghanistan und muss feststellen, dass er sich den Taliban angeschlossen hat.

Die Männer kommen nicht gut weg bei ihr, ebensowenig die Amerikaner, die Bomben auf ein seit drei Jahrzehnten kriegsgeschundenes Land fallen lassen. "Alle Welt redet über Afghanistan", sagt Durrani. "Aber niemand versteht das Land wirklich. Wer Frieden will, erreicht ihn nicht mit Gewalt." Ihre Botschaft an die Welt: Afghanistan nicht fallenzulassen.

Entstanden ist das Buch aus Tagebüchern, in denen Durrani notierte, was zu Zeiten der sowjetischen Besatzung ab Ende der Siebziger passierte. Sie dokumentierte auch Bürgerkrieg und Taliban-Herrschaft in den Neunzigern, später den Krieg nach 9/11. "Als die USA 2001 begannen, Kandahar zu bombardieren, bin ich hingefahren", erzählt Durrani. Ihr Großvater emigrierte einst von dort nach Pakistan. "Ich wollte mit eigenen Augen sehen, was geschieht." Sie hat ihre Erlebnisse auch in Aquarellen festgehalten, die das Buch illustrieren.

Anfang der Neunziger, als Durrani, eine Tochter aus wohlhabendem Hause, ihr erstes Buch veröffentlichte, hatte sie sich gerade von Ghulam Mustafa Khar, einem der reichsten Landbesitzer in der Provinz Punjab, scheiden lassen. In "Mein Herr und Gebieter" erzählt sie, wie er sie geschlagen, belogen, wie eine Sklavin gehalten hat. Durrani verbarg selbst vor ihren Eltern, was ihr widerfuhr, wissend, dass Ehre und Ansehen der Familie in der pakistanischen Gesellschaft mehr gelten als das Wohlergehen einer Frau. 13 Jahre lang hielt sie aus. Bis 1989. Ihr Buch war ein Tabubruch in einem Land, in dem die Mächtigen glauben, man könne Probleme lösen, indem man sie ignoriert und gegen jene vorgeht, die es nicht tun.

Der Islam als Machtinstrument

Durrani, die sich selbst als "Autorin, Künstlerin und Aktivistin" bezeichnet, ist überzeugt davon, das Richtige getan zu haben. "Mir ging es ja nicht darum, meinen Ex-Mann fertigzumachen, sondern auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam zu machen: dass die Reichen und Mächtigen in Pakistan tun und lassen können, was sie wollen. Sie stehen über den Gesetzen." Geradezu skandalöse Worte aus dem Munde einer Frau, die selbst einer reichen Politikerfamilie entstammte. Aber auch faszinierend: Da redet eine, die es wissen muss.

Durrani zahlte einen hohen Preis: Die pakistanische Presse verriss das Buch als "obszön" und "pornografisch", ihr Ex-Mann bedrohte sie, Durrani musste untertauchen, ihr Vater erklärte öffentlich, er verstoße und enterbe seine Tochter. "Ich war ganz alleine", sagt sie. "Dass ich in der Öffentlichkeit verurteilt wurde, ertrug ich, ich brauche keine öffentliche Anerkennung. Aber dass meine Eltern nichts mehr mit mir zu tun haben wollten, tat weh. Ich fühlte mich wie jemand, der sich mitten im Ozean befindet, aber nicht schwimmen kann. Also musste ich um mein Leben strampeln."

Anerkennung erfuhr sie dennoch, im Ausland: Ihr Buch wurde ein Welterfolg, es erschien in 39 Sprachen, Durrani reiste rund um den Globus. Sie schloss sich Abdul Sattar Edhi an, einem alten Mann, der die größte soziale Organisation Pakistans auf die Beine gestellt hat. Drei Jahre lang begleitete sie ihn bei seiner Hilfe für die Armen und schrieb seine Biografie.

Ende der Neunziger folgte "Blasphemy", ein Roman, in dem Durrani den Machtmissbrauch islamischer Geistlicher beschreibt, ihre Forderung nach Unterwerfung und ihre sexuellen Phantasien. "Die meisten Menschen können den Koran nicht lesen und sind auf die Auslegung durch Geistliche angewiesen", sagt sie, die sich als selbst als "spirituell" bezeichnet. Der Islam, sagt sie, liege ihr am Herzen. "Aber in vielen Auslegungen wird der Islam als Machtinstrument missbraucht."

Abdul Sattar Edhi half seiner Biografin Durrani bei der Versöhnung mit ihren Eltern. "Sie ist ein gutes Mädchen, bitte vergebt ihr", bat er sie. Mit der Familie Khar, der Sippschaft ihres Ex-Mannes, wollte sie hingegen nie wieder etwas zu tun haben. Doch dann kippte ein Sohn ihres Ex-Mannes aus einer früheren Ehe, Bilal Khar, seiner Frau Fakhra Younas im Frühjahr 2000 Säure ins Gesicht, weil sie ihn verlassen wollte. Nur knapp konnten die Ärzte ihr Leben retten.

Durrani half der jungen Frau, die Operationen zu finanzieren und ein neues Leben in Rom zu beginnen. Ihre Wunden verheilten jedoch nie, weder die inneren noch die äußeren - im Frühjahr 2012 stürzte Younas sich von ihrem Balkon in den Tod. Bilal Khar läuft bis heute frei herum. "So ist das in diesem Land", sagt Durrani. "Und deswegen dürfen wir nicht aufhören, unsere Stimmen zu erheben."

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