"Heimatkunde" in Ostdeutschland Aufbruch zum Abbruch

Was war das noch, die DDR? Martin Sonneborn war in der ehemaligen Ostzone als Hobby-Ethnologe unterwegs. Dort traf er auf Radikalnudisten, Wanderprediger und depressive Kampfhundbesitzer. SPIEGEL ONLINE präsentiert einen Auszug aus seinem Buch "Heimatkunde".

SMAC

Ich wanderte die Ostseite des Dämeritzsees entlang. Ein kräftiger Wind wehte vom Wasser her und ließ die Blätter der Bäume tanzen, die hier bis dicht ans Ufer standen. Noch war es ein schöner Sommerabend. Ob aber die Böen wieder abflauen oder in ein infernalisches Gewitter übergehen würden, war ungewiss. In das Rauschen der Blätter mischte sich das Geräusch eines startenden Bootsmotors, das nach Unheil verheißend kurzer Zeit erstarb. Ohrenbetäubend laute Schimpftiraden folgten. Dann war wieder das leiernde Startgeräusch eines traktierten Anlassers zu hören.

Ich bog vom Uferweg ab und sprang auf einen hölzernen Bootssteg, der ein gutes Stück parallel zum Land verlief, um dann im rechten Winkel in den See abzuknicken. An seinem äußersten Ende schaukelte ein kleines Motorboot im Wasser.

"Brauchen Sie Starthilfe?" Ich verstand zwar nicht das Geringste von Bootsmotoren, aber wenn jemand in Seenot ist, fragt man nicht lang, man handelt. Auf dem Boot befanden sich vier Passagiere. Drei Viertel der Besatzung waren schwer betrunken. Ein fideler, etwa 60jähriger Mann mit dichtem schwarzgrauen Haar fluchte. Eine vielleicht 40jährige Frau und ein gleichaltriger Mann in blauem Trainingsanzug starrten ihn mit glasigen Augen an. Einzig der jüngste an Bord, ein Mittdreißiger mit grüner Schirmmütze, schien das sichere Ufer nüchterner Denkleistungen noch nicht vollständig verlassen zu haben.

"Starthilfe? Ja, so was in der Art", sagte er und sah mich hoffnungsvoll an.

"Jemanden, der anschiebt?" Ich dachte, ein alter Seefahrerscherz könnte die sichtlich angeschlagene Stimmung auf dem havarierten Kahn nur verbessern.

"Anschieben ist schlecht, aber die Kerze ist verrußt oder irgendwas. Genau wissen wir es nicht. Wir sind nicht so firm, wir sind nur Fahrer."

Als wolle er das umgehend bestätigen, tappte der blaue Vollmatrose schwankend zur Rückbank, wo er wohl die Startbatterie des Bootsmotors vermutete, und machte sich dort zu schaffen.

Ich bot meine Hilfe an. "Motoren sind doch im Grunde alle gleich", erklärte ich, während ich an Bord kletterte.

Der Sturztrunkene im blauen Trainingsanzug zeigte mir den Motorenkasten unter der Rückbank und rückte zur Seite. Ich schob die Kissen beiseite und blickte in einen pikanten Kabelsalat.

"Aha, klare Sache", sagte ich. Obwohl ich keine Ahnung von Motoren habe, zog ich an einer Strippe und fummelte an einem schwarzen Kasten herum, dessen Funktion mir vollkommen unklar war.

"Richtung Heimat. Und das ist Go... Gosen."

"Gute Güte! Und wie kommen Sie zurück, wenn Sie das Ding nicht wieder ankriegen?"

"Na, das is jetzt die Frage, damit ham wir... uns überhaupt noch nicht befasst. Das is daserstemal, dass wir eine... Pa... Panne haben, daher sind wir ü-überrascht worden."



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Seite 1
Mulharste, 24.10.2010
1. -
Zitat von sysopWas war das noch, die DDR? Martin Sonneborn war in der ehemaligen Ostzone*als Hobby-Ethnologe*unterwegs. Dort traf er auf Radikal-Nudisten, Wanderprediger und depressive Kampfhundbesitzer. SPIEGEL ONLINE präsentiert einen Auszug aus*seinem Buch "Heimatkunde". http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,721362,00.html
Hab ichs nicht verstanden, oder ist das einfach belanglosester 'Blödsinn?
chefchen, 24.10.2010
2. vaaerv
Zitat von sysopWas war das noch, die DDR? Martin Sonneborn war in der ehemaligen Ostzone*als Hobby-Ethnologe*unterwegs. Dort traf er auf Radikal-Nudisten, Wanderprediger und depressive Kampfhundbesitzer. SPIEGEL ONLINE präsentiert einen Auszug aus*seinem Buch "Heimatkunde". http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,721362,00.html
Muß der SPON Seiten füllen? http://www.heimatkunde-der-film.de/ Der Film ist von 2008...
meisterschlau 24.10.2010
3. ...
wer schrieb die kommentare in der fotostrecke? fips asmussen?
mizrekh 24.10.2010
4. Vorurteile
Es macht mich ganz traurig, diesen Artikel zu lesen. Der "Osten" als stürmisches, dunkles, befremdliches Gelände, dessen Bevölkerung dumm, besoffen, häßlich und fett ist. Ich kenne den Dämeritzsee ganz anders. Idyllisch, am Rande von Berlin gelegen, angrenzend an das Villenviertel Hessenwinkel, wo die obere Bürgerschicht wohnt. Der Hobby-Ethnologe, sicherlich zugezogen und im Prenzlauer Berg wohnend, hat sich einmal getraut, mit der S-Bahn Richtung Osten bis zur Endstation Erkner zu fahren, um dort seine, von Vorurteilen vernebelte, Brille aufzusetzen und erstmalig die "wilde" Gegend zu erkunden. Und er trifft auf das, auf was der Wessi im Osten treffen will, schon erkennbar an den Fotos, die diesem Artikel beigefügt sind. Zerfall, Armut, Düsterniß und Dummheit. Es fehlt bloß noch der Brandenburger Nazi, den der Autor aber sicher in seinem Buch verarbeitet hat. Ich bin Ossi und habe im Westen studiert. Ich könnte einen Gegenentwurf zu diesem Buch schreiben, bloß andersherum. Meine ethnologischen Hobbystudien im Westen waren viel erschreckender als die Erlebnisse des Herrn Sonneborn. Der kulturelle Graben ist sehr tief. Der Beweis ist dieses Buch.
lemming51 24.10.2010
5. Wieder einmal !!!
Zitat von sysopWas war das noch, die DDR? Martin Sonneborn war in der ehemaligen Ostzone*als Hobby-Ethnologe*unterwegs. Dort traf er auf Radikal-Nudisten, Wanderprediger und depressive Kampfhundbesitzer. SPIEGEL ONLINE präsentiert einen Auszug aus*seinem Buch "Heimatkunde". http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,721362,00.html
Wieder einmal habe ich mich, in diesem Falle nach der Lektüre dieses "Machwerks"- auszugs, als gelernter Westdeutscher vor meinen ostdeutschen Landsleuten zutiefst geschämt. Woher nehmen die Westdeutschen eigentlich ihre unglaubliche Arroganz dem Osten gegenüber. Es ist ekelhaft,..........20 Jahre nach der Wende. Die Wessies sind ein wahres Schei**pack, jeden falls allzu viele.
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