"Heimwärts" am Schauspiel Köln Den Tod aussitzen

Am Schauspiel Köln hat Stefan Bachmann "Heimwärts" von Ibrahim Amir uraufgeführt. Das Roadmovie transportiert eine lebende Leiche von Wien nach Syrien - den umgekehrten Weg der Flüchtlinge.

Tommy Hetzel

Von Andreas Wilink


Von den oft wehmütigen Heimat-Definitionen, die den unbestimmten Sehnsuchtsort im 'noch nicht' oder 'nie mehr', in der Sprache oder Erinnerung beschwören, ist die Auslegung des Österreichers Thomas Bernhard die bündigste und garstigste: "Heimat ist, wo man sich aufhängt." Das ergibt eine schöne Leich'. Eine solche - und sogar mehr als die eine - findet sich bei Bernhards halbem Landsmann Ibrahim Amir.

Der kurdischstämmige Autor wurde 1982 im syrischen Aleppo geboren und an der dortigen Universität zwangsexmatrikuliert. In Wien, seiner zweiten Heimat, wo er als 20-Jähriger ein Medizinstudium aufnahm und nun als Arzt praktiziert, hat er mit seinem Debüt "Habe die Ehre" den österreichischen Theaterpreis Nestroy gewonnen.

Mit dem Schauspiel Köln fand er ein Theater, das seine Stücke schätzt oder sie in Auftrag gibt. Zum zweiten Mal inszeniert Intendant Stefan Bachmann selbst, nach dem Ehrenmord-Slapstick "Habe die Ehre" nun das Roadmovie "Heimwärts". Dazwischen lag "Stirb, bevor du stirbst" (Regie Rafael Sanchez), das unsere Angst vor Glaubenskämpfern im Namen des Islam mit sanfter Sufi-Weisheit und derbem Spott mischt. Amirs mit Flüchtlingen entwickeltes Projekt "Homohalal" wiederum wurde zum kleinen Kulturskandal, weil das Volkstheater Wien als Heimspielort die Uraufführung absagte, die dann das durch Pegida kampfgestählte Staatsschauspiel Dresden übernahm.

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Lachen, so fürchtet etwa der blindgläubige Mönch Jorge in Umberto Ecos "Der Name der Rose", rüttelt an Hierarchien und macht den Menschen frei, indem er den autoritären Charakter überwindet. Vorurteile, Stereotypen, Phobien, moralische Verdikte, die ironische Betrachtung der eigenen Selbstzensur werden von Amir auf der Halde für political correctness munter entsorgt. Dabei könnten seine Brandsätze auch fehlzünden.

Amirs Komödien-Personal kombiniert sich setzkastenhaft aus diversen Ethnien. Der Migrationshintergrund wird aufgezogen wie ein Theatervorhang, um dahinter die Verklappung von Klischees vorzunehmen und die Figuren im Schwank durchzuschütteln. In "Heimwärts", worin Heimat vom nationalistischen Wahn bis zur Identität mit dem Körper-Ich reicht, sind es der türkisch geborene Arzt Osman aus Wien, die österreichische Krankenschwester Simone, die früher ein Simon war, und der kurdische, ehemals in Aleppo lebende Khaled. Das Trio wird zum Quartett - durch einen Toten.

Die (noch nicht ganz im Jenseits angekommene) Leiche von Hussein, Onkel des Khaled, soll wunschgemäß bestattet werden in der verlorenen syrischen Heimat. Route rückwärts: Man nimmt den umgekehrten Weg der Flüchtlingszüge. Aus dieser Gegenbewegung allerdings macht Amir nichts.

Eine Geschichte kann mit einem Sarg beginnen und trotzdem oder gerade deshalb Komödie sein. Man denke an Billy Wilders zum Schießen komischen Film "Some like it hot". Tote reisen nicht - schon überhaupt nicht in die Türkei ein - ohne Pass und Herkunftsnachweis. Aufgehalten in der Transitzone, trifft die Gruppe erstens auf einen peniblen Grenzbeamten und zweitens auf Bekir, den verkappten "Sheriff" der autoritären Türkei, der in ihnen Aktivisten vermutet. Im Moment des Putsches (das Wort klingt hier fast wie Hausputz) stellt der fanatische Bekir sich in den Dienst von Volkes Stimme, bis ihn die Farce einholt und den Kopf kostet.

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"Heimwärts" am Schauspiel Köln: Flüchtlings-Roadmovie rückwärts

Stefan Bachmann macht im Kölner Schauspiel-Studio am Offenbachplatz das Einfachste, was in dem Fall das Beste ist: Er hält das thematisch dickleibige, aber dramatisch dünne "Heimwärts" still und lässt es aussitzen. Die vier hocken auf Plastikstühlen vor bröckelndem Putz neben einem graugrünen Kontrollhäuschen (Bühne: Joki Tewes / Jana Findeklee).

Da ist ein Platztausch schon Ereignis, ein angedeuteter Box-Fight und eine Mini-Hypnose erst recht. Die Dialoge sind genau gearbeitet, Situationskomik wird durch Typisierung (Bart, Brille, Perücke) wenn nicht beflügelt, so doch gehoben, wobei Peter Miklusz als Khaled in seiner Art langmütig duldsamer Panik das Prädikat extra dry verdient. Legt der Bluthund Bekir (Niklas Kohrt) mit Gewalt los, swingt die Inszenierung stilvoll formalisiert, sieht aus wie Kölsches Hänneschen-Theater und choreografiert sich in die Kunst-Ecke.

Was hier nicht alles hineinspielt: eine Tante, die KZ-Aufseherin war; türkisches Daumen-Hoch für einen Österreicher namens Hitler; Wiederkehr der Toten (bei tickender Uhr); die aggressive Paranoia des Machthabers vom Bosporus; Schwulsein und Transsexualität, politisches Engagement, Gastarbeiterschicksal in Deutschland; und dann reimt sich auch noch "cook" auf "cock". Das geht auf keine Landkarte, aber ausgezeichnet ins deutsche Theater.

Vergleichsweise sind Yael Ronens Aufrisse frecher, krasser und zugleich verhafteter auf dem Boden der Tatsachen. Dass unser Dasein grotesk, sogar ein Diktator nur eine Marionette und Glück nicht von dieser Welt ist, taugt als - auch interkulturelle - Erkenntnis immer. Insofern sind die Figuren in "Heimwärts" am Puls der Zeit, bis dieser Indikator des Vitalen bei ihnen allen stillsteht. Der Tod bleibt die österreichische Spezialität, auch wenn Amir mit "Sachertorte und Melange" endet.

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