Heinz Helles Palaver-Roman Talkshowniveau statt Tiefenschürfung

Heinz Helle lässt in seinem Roman "Die Überwindung der Schwerkraft" einen Kulturpessimisten zu Wort kommen, der über die Schlechtigkeit der Welt sinniert. Doch wussten wir von der nicht schon vorher?
Kneipenszene (Symbolbild)

Kneipenszene (Symbolbild)

Foto: Hero Images/ Getty Images/Hero Images

Heinz Helles Figuren sind fast immer in Bewegung. Ob physisch oder gedanklich - sie bleiben nie stehen, sondern sind unentwegt am Ringen mit sich und der Welt, die ihnen zunehmend fremd erscheint. Um auch den Leser in diese Haltlosigkeit hineinzumanövrieren, bedient sich der 1978 geborene Autor zumeist des Bewusstseinsstroms. Es kreisen die Gedanken, es überschlagen sich die Wörter. Und zu alledem kommt ein wenig Philosophie und Gesellschaftskritik.

In seinem neuen Roman "Die Überwindung der Schwerkraft" ist die Mixtur kaum anders. Im Zentrum steht diesmal eine Leerstelle: Nachdem sein großer Bruder gestorben ist, sinniert der jüngere über wichtige, gemeinsame Begegnungen. Vor allem die letzte, eine verzechte Kneipennacht In München, hat sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt.

Man erzählt über Familie, das Verlieben, Weltschmerz. Je mehr Alkohol fließt, desto mehr vermag der Ich-Erzähler in das Innere seines Gegenübers vorzudringen. Dabei werden wir eines heillosen Melancholikers gewahr, der nie seinen Platz im Leben gefunden hat. Dessen Studium der Historik könnte man als verzweifelten Versuch ansehen, das Chaos des Daseins doch noch in einen sinnvollen Rahmen zu betten. Man dürfe, so der große Bruder, "Geschichte nicht als etwas Vergangenes (...) betrachten, für ihn sei sie immer viel mehr gewesen als eine Rückschau aus sicherer Entfernung, im Gegenteil, Geschichte (...) sei der jeden Tag in jedem Gehirn stattfindende Prozess, eine Ordnung herzustellen zwischen den bereits irgendwo abgelegten und verschieden schnell verblassenden Eindrücken sowie dem neuen, immerzu einströmendem Jetzt".

Indirekt erklärt Helle hiermit ebenfalls die Struktur seines Werks: Vergangene Gespräche, die man einstmals als Nebensächlichkeiten verbucht hatte, werden noch einmal ans Tageslicht gefördert und im Lichte der Gegenwart reflektiert. Ein zusammenhängendes Ganzes stellt sich hingegen nicht her, was wohl der unklaren Anlage des Textes selbst geschuldet ist.

Ambitionierte Denk-Etüden

Denn Helle lässt den Verstorbenen in den Retrospektiven einen ganzen Wust an Themen auf den Tisch packen: Selbstjustiz, Mitläufertum, Egoismus, Nationalismus, die grassierende Dekadenz, den Fall des Serienmörders Marc Dutroux. Obwohl der Held von trauriger Gestalt vor seinem Tod noch Vater geworden sei, ging ihm ständig die Frage durch den Kopf: Kann man in diese Hölle aus Verrohung und fehlender Courage Kinder setzen?

Weder sind die angerissenen Grundsatzdebatten neu, noch gelingt es dem Autor, eine plausible Logik in all dem unausgegorenen Stückwerk aufzuzeigen. Wir haben es mit einem Palaver sondergleichen zu tun, das sich zwar beharrlich als geistige Tiefenschürfung geriert, aber nicht über Talkshowniveau hinausreicht.

Dabei hat Helle durchaus hin und wieder gute Ideen. Zum Beispiel die vom Panpsychismus, der Vorstellung, dass alle Dinge der Natur über eine Seele verfügten oder die Überlegung, inwiefern die Utopie einer selbstlosen Liebe dazu in der Lage wäre, die misslichen Verhältnisse zu überwinden - ambitionierte Denk-Etüden, welche dann im Lärm unzähliger Stimmen und Dissonanzen wieder untergehen.

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Helle, Heinz

Die Überwindung der Schwerkraft: Roman

Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 208
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28.11.2022 13.51 Uhr

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Wie in seinem letzten Werk "Eigentlich müssten wir tanzen" (2015), einem spätmodernen Postapokalypse-Szenario, spürt man erneut das Vorbeben des Untergangs. Diesmal findet es seinen Widerhall im Herzschlag einer einzigen, heimatlosen Figur.

Ihren mentalen Kosmos zu rekonstruieren, erinnert ein wenig an Thomas Bernhards epochales Buch "Korrektur" (1975), worin sich ein Ich-Erzähler aus einem Puzzle aus Notaten das vergangene Leben eines Mannes namens Roithamer nachzuerzählen bemüht. Vom kompositorischen Raffinement des österreichischen Klassikers ist "Die Überwindung der Schwerkraft" mit seiner alten, kulturpessimistischen Leier aber weit entfernt.

Als Leser rutscht man ständig aus den Zeilen und verliert sich in den Sprüngen und Abschweifungen - womöglich, weil dieses ins Uferlose geschriebene Buch zu wenig hermacht, als dass es unsere Aufmerksamkeit spürbar für sich gewinnen könnte.

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