Heinz Helles "Eigentlich müssten wir tanzen" Fünf Freunde müsst ihr sein

Der eiskalte Roman "Eigentlich müssten wir tanzen" stand auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Völlig zu Recht.

Autor Heinz Helle: Eine Sauftour unter Männern führt in die Katastrophe
Juergen Bauer

Autor Heinz Helle: Eine Sauftour unter Männern führt in die Katastrophe


"Eigentlich müssten wir tanzen" ist ein Katastrophenroman, aber welche Katastrophe sich ereignet hat bleibt bis zum Schluss unklar. Das lässt die Katastrophe im Kopf des Lesers größer und größer werden.

Heinz Helle erzählt in 69 knappen, wortkargen Kapiteln die Geschichte von fünf Schulfreunden, die gemeinsam aufgewachsen sind und nun, längst berufstätig, noch einmal ein Wochenende zusammen verbringen wollen: eine Sauftour unter Männern, auf einer Berghütte in Tirol. Die Kälte, der Schnee, die lebensfeindliche Natur draußen, so ihre Idee, soll sie drinnen umso näher zusammenschweißen.

Aber so lebensfeindlich, wie die Natur ihnen am Ende des Wochenendes gegenübertritt, so nah, wie diese Natur sie schließlich zusammenzwingt, hatten sie sich es dann doch nicht vorgestellt. Denn als die fünf ins Tal zurückkehren, stoßen sie auf verlassene Häuser, ausgebrannte Autos, verkohlte Leichen. Sie müssen Wurzeln essen, Knospen, Tannennadeln; gefundene Geldscheine haben nur noch einen Brennwert.

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Die Freunde drohen zu erfrieren, und wie sie frieren, das schildert Helle in einer runtergekühlten Prosa, frei von Aufregung. Er beschreibt viel, erklärt wenig, moralisiert gar nicht. In 69 knappen, wortkargen Kapiteln reiht er Beobachtung an Beobachtung - und dann und dann und dann. Umso rätselhafter, bedrohlicher stellt sich die Szenerie dar. Helles Endzeitroman, der völlig zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, stellt die klassische Frage vieler Endzeitromane: Was bleibt von der Menschlichkeit, wenn die Zivilisation weg ist? Die Antwort: nicht viel.

Die Freunde finden eine Frau und vergewaltigen sie, einer nach dem anderen. Sie finden ein Kind und ziehen weiter, ohne auch nur darüber nachzudenken, dem Kind zu helfen. Sie sind frei von Empathie und Emotion, kühle Analytiker: "Das Kind ist noch recht gut genährt, es wird bestimmt noch eine Woche überleben". Als sich einer der ihren den Fuß bricht, ist die Anteilnahme kaum größer: Sie lassen ihn zurück, ohne Tränen, auch ohne Abschiedsworte. Sie tun, was getan werden muss.

"Wir haben einfach noch keine Lust, zu erfrieren", sagt der Icherzähler einmal, "warum, können wir auch nicht genau sagen, wir wissen nicht, worauf wir warten oder was wir zu finden hoffen auf unserem Marsch durch eine Landschaft, die nichts weiter ist als eine ständige Erinnerung daran, dass nichts mehr so ist wie früher." Und so stellt Helles Roman noch eine weitere Frage, und diese Frage hebt ihn über andere Endzeitromane hinaus: Was ist die Welt dem Menschen ohne den Menschen? Die Antwort: nichts.

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