Französischer Liebesroman Mach mir ein Kind für deine Frau

Leihmutterschaft in Zeiten des Krieges: Hélène Grémillons psychologischer Roman "Das geheime Prinzip der Liebe" erzählt eine raffiniert konstruierte Geschichte aus dem Paris der vierziger Jahre. Mögen die biologischen Fakten auch klar sein - die Frage nach Täterin und Opfer bleibt spannend.

Autorin Hélène Grémillon: Stück für Stück vom Charakter-Mosaik
Claude Gassian

Autorin Hélène Grémillon: Stück für Stück vom Charakter-Mosaik

Von Karoline Meta Beisel


Nach dem Tod ihrer Mutter sitzt Camille vor einem Stapel Kondolenzbriefe: Ein Schreiben ist dabei, das nicht zu den anderen passt. Eher das erste Kapitel eines autobiografischen Romans - keine traurigen Worte darüber, was es bedeutet, die geliebte Mutter zu verlieren. Oder doch?

Denn gerade um Mutterliebe geht es in diesen Zeilen. Der Absender nennt sich Louis, Camille kennt niemanden, der so heißt. Doch in den folgenden Wochen treffen weitere Teile der Erzählung ein, und je mehr Camille liest, umso sicherer ist sie, dass sie ein Teil dieser Geschichte ist. Louis erzählt in diesen Briefen von seiner großen Liebe Annie, einem Teenager im Frankreich der dreißiger Jahre, und von Madame M., ihrer wohlhabenden Gönnerin. Madame M. kann keine Kinder bekommen. Annie bietet ihr Hilfe: ihren Leib.

Im französischen Original heißt das Debüt der jungen Autorin Hélène Grémillon "Le Confident", der Vertraute. Der deutsche Titel betreibt dagegen eine gewisse Irreführung: "Das geheime Prinzip der Liebe" ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern zugleich ein psychologischer Thriller. Denn natürlich geht das nicht so einfach, seinen Körper einer anderen zu leihen. Für die eine bedeutet es, das eigene Kind herzugeben - Annie zeugt ihre Tochter mit dem Mann ihrer Gönnerin.

Wer ist Täter und wer Opfer?

Für Madame M. bedeutet es, mit dem Misstrauen und der Eifersucht zu leben: Ist ihr Mann ihr auch im Herzen untreu gewesen? Die Form des Romans spiegelt die verschiedenen Perspektiven wider: Louis erzählt nicht nur über sich, seine Briefe geben auch Schilderungen der Leihmutter Annie wieder. Camille, die Empfängerin der Briefe, kommt zu Wort. Madame M. schließlich ist die vierte Ich-Erzählerin in "Das geheime Prinzip der Liebe", der in Frankreich bereits mehrere Preise gewonnen hat.

Der Zweite Weltkrieg, zu dessen Zeit der Großteil der Geschichte spielt, ist da allenfalls die Kulisse, vor der Madame M. ihren egoistischen Plan ausführt: "Alles war geschlossen. Ich konnte nicht mehr ausgehen." Während ihr Mann als Soldat einberufen wird, täuscht Madame M. mit Tüchern um den Bauch die eigene Schwangerschaft vor, und während die Deutschen in Paris einmarschieren, wird Annie mehr und mehr zum Spielball der einstigen Vertrauten. Dass Camille selbst das Kind aus dieser unglücklichen Liebesgeschichte ist, bleibt dabei nicht lange ein Geheimnis. Dennoch ist stets unklar, und dadurch bleibt Hélène Grémillons Roman trotzdem spannend, wer hier der Täter und wer das Opfer, wer schuldig und wer wirklich die Gute ist.

Mit jedem Erzählerwechsel fügt die 35-jährige Grémillon, die in Frankreich bislang vor allem als Lebensgefährtin des Chansonniers Julien Clerc bekannt war, fehlende Teile in das Charakter-Mosaik der Protagonisten ein. Wie in einem Spielfilm erzeugt die Autorin, die auch Drehbücher schreibt, durch die Schnitte von einem Erzähler zum nächsten ein Tempo, das den Roman zur leichten Lektüre macht - wenn auch nicht zu leichter Kost.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Felicitas Hoppes "Hoppe", Rayk Wielands "Kein Feuer, das nicht brennt", John Burnsides "In hellen Sommernächten", Miranda Julys "Es findet dich" und Mark Z. Danielewskis "Only Revolutions".



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.