Weltkriegsroman "Neue Zeit" Der leise Landser

Sanfter Zweifler in den Sümpfen Russlands: Hermann Lenz' "Neue Zeit" erzählt mit traumwandlerischem Realismus von den Grausamkeiten der Front, der Vulgarität der Nazi-Zeit und den Außenseitern der "Volksgemeinschaft".

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Hermann Lenz' Roman "Neue Zeit" ist ein Roman über die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg, doch er beginnt nicht mit dem Geschrei und Getöse, das man mit dieser Zeit verbindet, er beginnt ganz leise: Jungs und Mädchen umkreisen sich schüchtern, lange Gespräche, Treffen mit Freunden, sogar mit den Eltern des Mädchens - alles, was über Sympathie und Sehnsucht hinaus geht, wird nur zart angedeutet. Einer jener Liebesromane, in dem Zurückhaltung und Träumerei noch immer die sichersten Tricks sind, die Person des Herzens zu gewinnen - befände man sich nicht im Deutschland der dreißiger und vierziger Jahre.

Und so wird Eugen Rapp, Hauptfigur des Buchs und gleichzeitig Alter Ego des Schriftstellers Lenz, als Student erst zur militärischen Grundausbildung eingezogen, dann, nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, Soldat der Wehrmacht, größtenteils an der Ostfront. Seine Freundin Hanni ist - als dem nationalsozialistischen Rassenverständnis nach Halbjüdin - ständig bedroht. Die beiden schreiben sich, können sich nur noch während Rapps seltenen Fronturlauben treffen.

Hermann Lenz (1913-1998) veröffentlichte "Neue Zeit" erstmals 1975. Das Buch ist Teil einer einzigartigen autobiografischen Romanreihe, die beinahe Lenz' gesamtes Leben abdeckt und den Autor bekannt gemacht hat. Peter Handke widmete ihm seinen, Teil der bundesdeutschen Literaturgeschichte gewordenen, Aufsatz: "Tage wie ausgeblasene Eier. Einladung, Hermann Lenz zu lesen".

Dass "Neue Zeit" nun wiederveröffentlicht wurde, verdankt das Buch vordergründig dem 100. Geburtstag des Autors - interessant aber wird "Neue Zeit" aufgrund seiner neuerlichen Aktualität: In einem Jahr, in dem die Fernsehserie "Unsere Mütter, unsere Väter" den Vernichtungsfeldzug der deutschen Armee mit den Mitteln von Zuspitzung und Verklärung dargestellt hat, ergibt sich bei Lenz ein anderes Bild.

Nazi-Aliens

In "Unsere Mütter, unsere Väter" sind die Verbrechen der Wehrmacht und des NS-Regimes das Werk weniger, wie Aliens über die Welt gekommener Nazibösewichter. Für die Masse der Deutschen dagegen stehen die Hauptfiguren: Trotz einiger, auch schwerwiegender Verfehlungen sind sie letztlich anständig geblieben, den animalischen Horden der Roten Armee überlegen - Herrenmenschen, könnte man meinen. Die schlimmeren Antisemiten in dieser Serie sind die Polen. Und die Hauptfigur jüdischer Konfession wird fast ebenso in den Kriegsalltag verstrickt wie ihre Verfolger.

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"Unsere Mütter, unsere Väter": Inakzeptabel, ein solcher Film
Hermann Lenz, der im Gegensatz zu den Machern von "Unsere Mütter, unsere Väter" nicht nur Zeitzeuge war, sondern als Kriegsteilnehmer und späterer Ehemann einer Frau, deren Leben während des Nationalsozialismus bedroht war, auch Teil der Täter- und Opfergeschichte der NS-Zeit, hätte es bei der Niederschrift des Buchs wohl leicht fallen dürfen, seine eigene Rolle zu heroisieren. Das bekannteste Grundmuster für einen Antihelden, der die Nazis mit überlegener Geste vorführt, hatte Günter Grass schon 1959 in der "Blechtrommel" geliefert. Was dem später folgte, ist bekannt.

Auch Lenz stilisiert sein Alter Ego Eugen Rapp in diesem Buch, doch verzichtet er auf Überheblichkeit, Pathos oder Selbstentschuldigung, ebenso wie auf die verzerrte Darstellung von Nationalsozialisten oder gegnerischen Soldaten. Abschreckende Nazifiguren kommen kaum vor - doch ist die Ideologie des Regimes, vor der es den Erzähler "graust", allgegenwärtig.

Außenseiter in der "Volksgemeinschaft"

Rapp ist kein Nazisympathisant. Ebenso wenig aber leistet er Widerstand. Er hat sich, während er in den Sümpfen Russlands Dienst tut, zurückgezogen in ein Zwischenreich der Träumereien, lebt statt in der titelgebenden "Neuen Zeit" innerlich in alten Zeit, der Vergangenheit. Ein sanfter Zweifler, der aus seinem Wissen über die Vernichtungsmaschinerie der Deutschen allerdings keine Konsequenzen zieht: "Wozu machst du hier mit? Damit sie hinten ungestört Menschen zu Seife machen können und den Seifenmachern nichts passiert..."

Nur eine Beförderung schlägt er unter einem Vorwand aus und denkt: "Als Offizier hatte er die Bauernknechte, Arbeiter, die Zimmerleute undsoweiter in den Tod zu führen. Das willst du jedenfalls nicht..." Derartige kurze innere Monologe sind ebenso typisch für Lenz Roman, wie der traumwandlerische, sprachlich süddeutsch grundierte Realismus, der die Geschichte trägt.

"Neue Zeit" ist ein leises Buch, das die Vulgarität und Grausamkeit der NS-Zeit ganz beiläufig einfängt - und ohne aufzutrumpfen. Seine Figuren sind keine Klischeegestalten, sondern Individuen. Außenseiter und Individualisten in einem System, in dem die Devise gilt "Du bist nichts, Dein Volk ist alles."

Eine ausdrückliche moralische Position, eine Handlungsalternative leitet Lenz daraus nicht ab. Und das macht die Stärke dieses Romans aus.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Kurt Krömer: "Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will", Paul Auster, J.M. Coetzee "Here and Now", Joey Goebels "Ich gegen Osborne", David Bainbridges "Wir Middle-Ager",Christoph Höhtkers "Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens an meiner Seite", Rainer Merkels "Bo", Fritz Rudolf Fries' "Last Exit to El Paso", Clarisse Thorns "Fiese Kerle", James Fenimore Coopers "Der letzte Mohikaner"

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PJSchepp 26.06.2013
1. Filme muss man nicht nur sehen, sondern auch verstehen.
Zitat: "In "Unsere Mütter, unsere Väter" sind die Verbrechen der Wehrmacht und des NS-Regimes das Werk weniger, wie Aliens über die Welt gekommener Nazibösewichter. Für die Masse der Deutschen dagegen stehen die Hauptfiguren: Trotz einiger, auch schwerwiegender Verfehlungen sind sie letztlich anständig geblieben, den animalischen Horden der Roten Armee überlegen - Herrenmenschen, könnte man meinen. Die schlimmeren Antisemiten in dieser Serie sind die Polen. Und die Hauptfigur jüdischer Konfession wird fast ebenso in den Kriegsalltag verstrickt wie ihre Verfolger." Schlimm, wenn es so wäre. Ist es aber nicht. Es trifft zu, dass die "Protagonisten" des Films sich "schwerer Verfehlungen" schuldig machen. Die Stärke des Dreiteilers war aber zu zeigen, dass ganz durchschnittliche Menschen, nachdem sie Unverzeihliches verbrochen haben, mit dieser Last weiterleben, mit ihrem Leben irgendiwe weitermachen müssen. Die "Verfehlungen" erscheinen dem Zuschauer ohne Distanz verzeihlicher, als sie sind, weil er die Charaktäre begleitet. Wenn man sich objektiv anschaut, was die deutschen "Protagonisten" tun, nämlich Kriegsgefangene erschießen, sich zum eigenen Vorteil bei Parteifunktionären anbiedern, Juden ausliefern und Zivilisten ermorden, dann wirken diese Taten ganz und gar unverzeihlich. Die Charaktäre, die sich am Ende als barmherzig erweisen, sind die polnischen Partisanen und die russische Ärztin. Die "Protagonisten" haben sich mit schwerster Schuld beladen und müssen mit dieser leben, wovon ein Charakter durch Selbstmord Abstand nimmt. Vielleicht schauen Sie sich den Film noch einmal an.
fortelkas 26.06.2013
2. Weltkriegsroman
"Neue Zeit" ist ein leises Buch, das die Vulgarität und Grausamkeit der NS-Zeit ganz beiläufig einfängt-ohne aufzutrumpfen." (Zitat) Das war eben der Alltag unter dem NS-Regime, das war der "ganz gewöhnliche Faschismus". Die Verbrechen des NS-Regimes und der Wehrmacht (ich rede nicht von SS oder Sondereinsatzkommandos) waren eben nicht nur das Werk weniger, es gab Tausende "williger Vollstrecker". Die Wehrmacht ist eben auch nicht anständig geblieben, das soll uns nur immer wieder weisgemacht werden. Nur ein Beispiel: Leningrad: Die Wehrmacht belagert die Stadt und lässt mindestens 900.000 Menschen elend verhungern! Und zum Antisemitismus: Natürlich gab es in Polen und in der UDSSR Antisemitismus. Schon im Mittelalter gab es in ganz Europa Antisemitismus! Nur: Das Deutsche Reich und sein Führer haben es vermocht, 6 Millionen Juden mit bürokratischer Gründlichkeit zu ermorden, unter tätiger Mithilfe von bürokratisch geschulten, teilweise an besten deutschen Universtäten ausgebildeten "willigen Vollstreckern"! Diese historische Schuld ist nicht zu tilgen! Erwin Fortelka
O.L. 27.06.2013
3. Nach wie vor wirkt die Propaganda...
Die Bilder die wir heute von der NS-Zeit im Kopf haben sind nach wie vor von stetig reproduzierter Propaganda geprägt. In zahlreichen Dokumentationen, Doku-Dramen und Filmen werden die ewigen Ikonen nach wie vor abgespielt. Eine Frage wird selten gestellt: Warum brauchte das NS-System eine derartige Propaganda, wenn die so genannte "Volksgemeinschaft" so systemkonform war? Vergessen wird all zu oft, dass auch diese Gesellschaft differenzierter war, als man heut gern zugeben mag. Sicherlich haben sich die meisten in der Diktatur eingerichtet und viele auch durch die antijüdischen Aktionen profitiert. Die Filmreihe aber derart zu verreißen halte ich für unangebracht. Sicherlich haben die Teile ihre historiografischen Schwächen, doch sind diese dem Medium geschuldet. Nun, diese Kritik nach der Ausstrahlung in Polen halte ich für einen typisch deutschen Reflex: Oh, da sind ja noch unsere Nachbarn. Die kritisieren das. Jetzt rudern wir alle zurück und dürfen das nicht mehr so toll finden. Obwohl die Feuilletons die Reihe als großen Wurf feierten. Tatsache ist jedoch, die Wehrmacht machte sich ebenso schuldig machte wie SS und andere Institutionen. Hier sei kurz an den Kommissarbefehl und den Kriegsgerichtsbarkeitserlaß erinnert. Die Landser mussten sich innerhalb ihrer gelebten Hölle auch psychologische Nischen suchen, um nicht durchzudrehen. Für viele war der Feldzug aber auch ein großes Abenteuer...
Antoninus 28.06.2013
4. Eine seicht-rechtaberische Rebirth-Proklamation!
Hermann Lenz war jung genug, dass er schon zur Nazizeit veröffentlichen konnte; und zwar nicht schlecht; vgl: "Das Blatt In ein gerolltes Weinblatt möchte' ich kriechen, Sein mürbes Sterben knistern hören, um In Spinnenfasern lässig hinzusiechen Bei einer Wespe brüchigem Gebrumm. (…)" Ihm, dem sanft-lyrischen Lenz, obszön-grell aufzuleuchten gegen den TV-Dreiteiler oder gegen Grass "Die Blechtrommel" ist unsinnig. – Es ist zweierlei Maß, das da herrschen muss für solche kriegerisch-gewalttätigen UnZeiten: Einmal "Neue Zeit", ein andermal epische Kreigsbildern (mit vielen, vielen Facetten der sozialen Entwicklungen: hin zu den Nazis (als Verhängnis) und von den Nazi weg (als Befreiung).
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