S.P.O.N. - Der Kritiker Merkelschreiber fürs Merkelland

Braucht noch jemand einen Beweis dafür, wie bieder und bedeutungslos deutsche Literaten derzeit sind? Hier ist er: Der deutsch-ägyptische Publizist Hamed Abdel-Samad muss um sein Leben fürchten, weil er den Islam kritisiert hat. Und hierzulande herrscht Schweigen.

In München fürchtet ein Mann ermordet zu werden, seit vier Wochen schon. Sein Name ist Hamed Abdel-Samad, und sein Verbrechen war, als Publizist und Autor eine eigene Meinung zu haben. Kümmert das eigentlich einen der deutschen Staatsstipendiendenker?

Oder wie ist diese Ruhe zu erklären? Dieses Schweigen, das ein Skandal ist? Es geht hier nicht um das alte Lamentieren über die unpolitischen Schriftsteller oder um die Frage danach, wo der kritische Intellektuelle seine ewige Sommerfrische verbringt - es geht, so sind die Zeiten, längst um etwas anderes. Es geht um die grundlegende Entscheidung, wer wir sein wollen und welche Rolle die Literatur dabei spielt.

Das klingt existentiell, und das ist es auch. Das Problem ist ja, dass es in der deutschen Literatur meist nur dann existentiell wird, wenn es etwa um die Buchpreisbindung geht. Da herrscht dann gleich das Pathos, da gibt es dann auf einmal Alarm, da ist dann gleich das "Weltwunder" der literarischen Kultur in Deutschland in Gefahr, so stand es in der "FAZ".

Betriebsausflüge an den Wörthersee

Aber was ist denn dieses Weltwunder? Oder anders gefragt, zu was sind all die "Buchverlage, Buchhandlungen, Literaturfestivals, Literaturhäuser, Bibliotheken, Literaturpreise, Buchbeilagen und täglichen Buchbesprechungen in Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkredaktionen" gut - wenn dabei das Wesen der Literatur vernachlässigt wird: überleben.

Denn deshalb schreibt man doch. Weil man muss, weil man nicht anders kann, weil man sonst den ganzen Irrsinn, die ganze Anpasserei, die ganzen Lügen, die ganze Feigheit und Faulheit nicht ertragen würde. Dieses tiefe Uneinssein mit dem, was einen umgibt, aus dem der Zweifel erwächst, das Leiden und der Hass, am Ende aber auch das Mitgefühl und die Menschlichkeit, das ist ja der Trick der Literatur, dass sie im Idealfall Einsamkeit verwandelt in Gemeinsamkeit, manche nennen es sogar Engagement im Angesicht von Not und Ungerechtigkeit.

Aber damit braucht man den allermeisten deutschen Schriftstellern gar nicht zu kommen. Die machen ihre Betriebsausflüge an den Wörthersee, die üben sich in Autosuggestion und Simulationsliteratur, die würden sich wohl wirklich am liebsten zum Weltkulturerbe erklären, wie das neulich schon das deutsche Theater für sich gefordert hat, und würden es sich dann herrlich bequem machen in der eigenen Musealität. Um sich herum all die Kulissen, die sie zwischen sich und die Welt schieben und die sie Literatur nennen.

Die Welt ist ein Chaos

Weg mit all dem, kann man nur sagen, wenn man sieht, wie fett und träge, wie kalt und herzlos, wie leer und dumm sie geworden sind mit all dem "Weltwunder"-Kram, mit diesem Denken, dass ihr deutsches Literatursystem natürlich nicht nur das beste ist, das sich Menschen je ausgedacht haben, der BMW unter den Literaturen sozusagen, sondern im Grunde das einzig mögliche - "alternativlos", so nennt die Kanzlerin gern die Wirklichkeit und so nennen auch die dieses System, die es eigentlich besser wissen.

Denn was produzieren sie, im weltbesten Literatursystem: sehr viel Reinhard-Jirgl-Geheimnistuerei für 800 Leser, sehr viel Germanistenlangeweile, die in "Schichten" kommt oder in "Ebenen" wie eine Torte oder wie eine Murmelbahn, sehr viele Bücher, die einen mit ihrer Mittelmäßigkeit imprägnieren gegen das Leiden in der Welt und damit nichts anderes sind als Merkelliteratur fürs Merkelland, systemerhaltend um jeden Preis.

Unangenehm ist es dann nur, wenn mal jemand kommt, für den es um etwas anderes geht, zum Beispiel um alles. Für den eine Meinung nichts ist, was man trägt und ablegt wie einen Sommerhut. Für den Wahrheit überlebensnotwendig ist. Für den die Welt ein Ort ist, um den man kämpfen muss. Und weil seine Meinung, seine Wahrheit zufällig den Islam betraf und dessen Wahrheit, wurde Hamed Abdel-Samad zum "Ungläubigen" erklärt und von einem ägyptischen Prediger, einem politischen Verbündeten des Muslimbruders Mursi, mit einer Fatwa belegt.

Erinnert sich noch jemand an Salman Rushdie? Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Rushdie und Abdel-Samad? Hat Rushdie den Rummel und die Unterstützung nur bekommen, weil er Erster war? Weil er in England war? Weil so eine Fatwa damals neu und sexy war und heute, denkt man sich, sollte man sich gegen eine Fatwa doch langsam mal impfen können, so wie gegen Masern?

Die Welt ist ein Chaos, ein Irrwitz, eine Zumutung, und sie muss jeden Tag neu erobert werden, neu zivilisiert, beschrieben, bestaunt - wenn Literatur dazu nichts beiträgt, hilft auch die Buchpreisbindung nichts, dann wird sie untergehen.


Lesen Sie bitte hier auch einen Gastkommentar von Hamed Abdel-Samad zum Sturz des ägyptischen Präsidenten Mursi sowie hier ein Interview mit dem Publizisten zu dem Mordaufruf gegen ihn.

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