Kinderbuch von Saša Stanišić Magischer Quatsch

Die Fantasie steigt ein und braust los, die Vernunft bleibt zurück: Der Buchpreisträger Saša Stanišić hat ein Kinderbuch über Taxis geschrieben. Ein abgefahrenes Buch.
Illustriert hat das Buch Katja Spitzer

Illustriert hat das Buch Katja Spitzer

Foto: Katja Spitzer / Mairisch Verlag

»Es gibt wichtige Bücher und Bücher, die einem wichtig sind«, schreibt Saša Stanišić bei Instagram. »Das ist ein Buch, das mir sehr wichtig ist.« Stanišić hat für seinen Roman »Herkunft« 2019 den Deutschen Buchpreis gewonnen, nun hat er sich gemeinsam mit seinem Sohn Nikolai ein Buch mit Geschichten für Kinder ausgedacht. »Hey, hey, hey, Taxi!« heißt es.

Die Geschichten sind ab vier, sie sind aber nicht lehrreich, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, sie erklären die Welt nicht, sie verwirren sie eher. Es gibt einen lispelnden Drachen und einen König, der glaubt, die Erde sei der Kopf eines Riesen, der mit uns durch den Himmel spaziert, die Wälder, na klar, das sind seine Haare.

Brrrummm-Brrrummm-Brum-Brum-Brum

Foto: Katja Spitzer / Mairisch Verlag

Einmal steigt der Erzähler in ein Taxi, und die Ampeln sind weg, stattdessen stehen da grüne Gurken und rote Tomaten; vor einer gelben Paprika geht der Taxifahrer vorsichtshalber vom Gas. Ein anderes Mal öffnet der Erzähler die Motorhaube des Taxis, aber dort, wo der Motor sein sollte, ist ein Bett, darauf ein Mann, der ein Buch über Autos liest und dabei Autogeräusche macht, Brrrummm-Brrrummm-Brum-Brum-Brum.

Das alles ist schon sehr gaga, sehr surreal, aber Kinder werden sich nicht groß wundern, warum sollte man sich auch wundern, wenn sich die ganze Welt magisch anfühlt, wenn man in einem Alter ist, in dem die Antwort auf die Frage, »was machst du am liebsten?«, »Quatsch« ist. Diese Geschichten hier sind großer Quatsch, Quatsch mit Soße, Buchpreisträgerquatsch.

Die Fantasie steigt ein und braust los, die Vernunft muss zurückbleiben und mit ihr alle Gesetze der Natur, ein abgefahrenes Buch. Katja Spitzer hat das alles kongenial illustriert.

Einmal fährt das Taxi den Erzähler ins Mittelalter, ein anderes Mal nur schnell runter zur Elbe, zu einer Riesenwelle, »größer als fünfhundert Dachdeckerinnen, die einander auf den Schultern stehen«, als die Welle aufs Ufer trifft, nimmt sie ihren Schaumhut ab und fragt höflich: »Verzeihen Sie bitte, welche Stadt ist das?« In derselben Geschichte verwandelt sich das Taxi in ein U-Boot, so wie 500 weitere Taxis auch, und dann ziehen 500 U-Boot-Taxis ein Piratenschiff, das mit der Riesenwelle ans Ufer geritten ist, zurück in die Elbe.

Geschichten jenseits aller Routinen

Foto: Katja Spitzer / Mairisch Verlag

Vorlesen ist ein Ritual, das Kinder beruhigt, das ihnen hilft, sich der Bindung zu Papa und Mama zu vergewissern. Manchmal geht es gar nicht darum, was vorgelesen wird, sondern nur, dass. Und dagegen ist im Normalfall auch gar nichts zu sagen. Dieses Buch aber ist anders. Es ist ein Buch jenseits der Rituale, jenseits aller Routinen, ein aufregendes Buch.

Stanišić hat keine erbaulichen Botschaften im Sinn, Stanišić will überraschen. Sein Ziel: zum Miterzählen animieren – die Kinder, aber auch die Erwachsenen.

»Lies bitte meine Geschichten als lose Vorgaben für Deine und Eure Geschichten«, schreibt er im Vorwort. »Eigne sie Dir so an, wie sie für Euch passen. Ändere sie! Baue die Variablen Eurer Welt in diese meine.«

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Stanišić, Saša

Hey, hey, hey, Taxi!: Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2022 von der Kritikerjury in der Sparte Kinderbuch

Verlag: mairisch Verlag
Seitenzahl: 96
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Selbst aktiv werden beim Vorlesen? Das kann man natürlich anstrengend finden in Zeiten, in denen man im Homeoffice sowieso schon den Kitaerzieher und die Grundschullehrerin spielen muss. Soll man nun ernsthaft auch noch den Schriftsteller geben?

Wer sich darauf einlässt, wird belohnt. Weil sich wirklich eine Welt öffnet in Zeiten, in denen Kindern in der Welt da draußen so viel verschlossen bleibt.

Schule der Fantasie

Foto: Katja Spitzer / Mairisch Verlag

Da viele der Geschichten eine Beziehung zwischen Vorleser und Kind voraussetzen, bleibt einem am Ende aber auch gar nichts anderes übrig. Man improvisiert Details aus dem Lebensumfeld der eigenen Kinder: Was könnte ihnen in ihrem Stadtteil auf einer Taxifahrt begegnen? Man stellt Fragen ins staunende Publikum.

Stanišić hat ein Kinderbuch geschrieben für all jene, die keine Buchpreisträger sind. Sein Buch ist eine Schule der Fantasie.

Vielleicht muss man sich das Vorwort einfach vorstellen wie eine Regieanweisung. Und die Geschichten dann aufführen wie modernes Regietheater – möglichst frei.

Lesen ist Reisen im Kopf, heißt es, Vorlesen hingegen ist leider oft eine ziemlich lahme Sache, ein Abspulen. Nicht so bei diesen Geschichten: Sie machen einen Schriftsteller aus Papa und Mama.