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Sachbuch: Der Tod der Haie gegen das Leben der Surfer

Foto: Ilona Habben

Debatte über Tierrechte Mein Käse, die Kuh und Kant

Dürfen wir Rehe aus Tradition jagen? Sind Tierversuche für den medizinischen Fortschritt moralisch vertretbar? Die Journalistin Hilal Sezgin hat ein Buch über diese Fragen geschrieben und begründet philosophisch, warum wir dringend unser Leben ändern müssen.

Manchmal schwappen die Fragen vom anderen Ende der Erde hierher. Ist es in Ordnung - ist so eine Frage, die sich beim Nachrichtenlesen stellt -, wenn vor der australischen Küste Haie getötet werden, um die Sicherheit von Surfern zu erhöhen?

Und wie das so ist mit Fragen - die erste führt zur zweiten und die wieder zur nächsten. Und das alles führt von Australien zum eigenen Frühstückstisch und zu der Frage: Ist der Käse auf dem Brötchen so wichtig, dass er das Leiden der Kühe rechtfertigt, das die Milchproduktion mit sich bringt? Wann ist es in Ordnung, dass Tiere zum Vorteil des Menschen leiden? Immer? Nie? Kommt drauf an? Oder anders gefragt: Welche Rechte haben eigentlich Tiere? Und welche moralischen Pflichten hat der Mensch?

Die Journalistin Hilal Sezgin hat ihr Buch "Artgerecht ist nur die Freiheit" für alle Menschen geschrieben, die sich manchmal diese Art von Fragen stellen und eine profundere Antwort wollen als das intuitive ungute Gefühl, das sich so beschämend leicht ignorieren lässt, wenn es um die schönen Winterstiefel aus Leder geht oder den schaumigen Latte macchiato im Lieblingscafé. Sezgin hat vor einigen Jahren ihren Job in Frankfurt gekündigt und ist in die Lüneburger Heide gezogen. Mitten aufs Land. Von den Nachbarn hat sie eine kleine Schafherde übernommen. Für die "Berliner Zeitung" schreibt sie seitdem eine regelmäßige Kolumne über Tierrechtsfragen und ihr Leben mit ihren Tieren.

In der Sackgasse

"Artgerecht ist nur die Freiheit" fügt sich in eine Reihe von Büchern, die unser Verhältnis zu Tieren hinterfragen, wie "Zoopolis", Karen Duves "Anständig essen" und natürlich Jonathan Safran Foers Buch "Tiere essen", das vor einigen Jahren zum Bestseller wurde. Sezgins Buch wäre die gleiche Aufmerksamkeit zu gönnen, weil es dort weitermacht, wo Foer aufhört, und unsere Alltagsgewohnheiten hinterfragt. Denn wir essen nicht nur Tiere. Wir quälen sie, töten sie, halten sie in Gefangenschaft, ängstigen sie, ziehen unseren Nutzen aus ihnen. Im Dienste der Grundlagenforschung, der Tradition, der Bequemlichkeit. Wir testen Arzneimittel an ihnen, Lebensmittelzusatzstoffe, Kosmetika und Putzmittel. All das wissen wir im Prinzip und ziehen erstaunlich wenig Konsequenzen daraus. "Irgendwie stecken wir in einer Sackgasse", schreibt Sezgin, "weil das, was derzeit offenbar legal ist oder am Rande der Legalität als Routine geduldet wird, so gar nicht unseren moralischen Vorstellungen und unserem Bild von einer zivilisierten Gesellschaft entspricht".

Anders als Foer aber schreibt Sezgin nur am Rande über persönliche Entwicklungen. Sezgin findet ihre Antworten mit Hilfe der Philosophie. Die Autorin argumentiert, dass empfindungsfähige Lebewesen moralische Rechte genießen - ganz gleich, ob sie ein Ich-Bewusstsein haben oder nicht. Sie erkennt eine milde Form des Speziesismus an, der bedeutet, dass wir Menschen anders behandeln als Tiere, weil wir ihnen näher sind - so wie wir auch Mitglieder unserer eigenen Familie anders behandeln als fremde Menschen, weil sie uns näher sind. Aber sie argumentiert sehr logisch durch, warum unsere Beziehung zu Tieren moralisch nicht zu rechtfertigen ist.

Streng in der Logik, sanft im Ton

So klar Sezgins eigene Schlussfolgerung ist, so angenehm unaufdringlich ist dieses Buch. Es ist weder anklagend noch bevormundend. Es ist kein Aufruf zum Medikamenten-Boykott und auch keine Kampfschrift. Es ist einfach ein sehr kluges und sehr nachdenkliches Buch. Es ist zwar streng in seiner Logik, aber sanft im Ton. So schreibt Sezgin etwa, sie sei vor der Recherche für das Buch davon ausgegangen, dass es überzeugende Gründe für die Notwendigkeit medizinischer Tierversuche geben müsse: "Wenn ich mich nur genügend in die Materie vertiefte, würde ich diese guten Gründe finden, die Tierversuche zwar als etwas Tragisches, aber dennoch moralisch Zulässiges, sogar Notwendiges erscheinen ließen. Es kam anders." Und so ist dieses Buch das ideale Buch für Leser, die glauben, dass es gute Gründe für alle möglichen Ausnahmen gibt. Und bereit dafür sind, dass es anders kommt.


Hilal Sezgin: Artgerecht ist nur die Freiheit - eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen. C.H. Beck, München; 304 Seiten; 16,95 Euro (bei Amazon  erhältlich).

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