"Hingabe" von Patti Smith Wie man sich vom "So macht man das" befreit

Patti Smith hat ihre erste Kurzgeschichte geschrieben. Es ist eine Parabel über Kreativität - versteckt in einem Werkstattbericht, in dem die Sängerin erzählt, wie sie arbeitet.

Patti Smith: Auf der Suche nach einer eigenen Sprache
Edward Mapplethorpe/ KiWi

Patti Smith: Auf der Suche nach einer eigenen Sprache

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Siehe, so entsteht eine Geschichte, sagt dieses schmale Buch. Siehe, hier sitzt die Autorin frustriert und uninspiriert in einem New Yorker Café. Siehe, hier geht sie für ein paar Tage lesereisend nach Paris und Südfrankreich und England, streift umher, durch Gassen und Friedhöfe. Siehe, die Fotos der Gassen und Friedhöfe. Siehe, ein Gedicht. Siehe, hier überkommt sie endlich wieder jenes "Schwindelgefühl, eine Zuspitzung des Abstrakten, eine Brechung der geistigen Luft". Siehe, schnell, sie nimmt Stift und Notizbuch und schreibt los, unterwegs in der Bahn.

Und siehe: Hier ist die neue Geschichte. Von einer, die auf Kufen Schlaufen ins Eis zeichnet und ihre eigene Geschichte aufschreibt. Und hier, seht, noch Fotos des Originals aus dem Zug, Seite um Seite.

Wie eine Montageanleitung inklusive Vorher-Nachher-Dokumentation legt Patti Smith in "Hingabe" alles offen. Die Kurzgeschichte, ihr erstes veröffentlichtes Stück Fiktion, wie versteckt mittendrin. Nun gibt es verschiedene Gründe, wieso man zu solchen Werkstattberichten greift. Entweder man möchte verstehen, wie genau jene Künstler ihre Arbeit machen. Wer Patti Smith weder als Sängerin leiden kann noch als Autorin von "Just Kids" und "M-Train", lässt dies hier also links liegen.

Woraus Kreativität sich speist

Oder man erfreut sich daran, wie irre verschiedene Kreativität funktioniert. Um sich selbst inspirieren zu lassen. Im Sinne der derzeitigen Kreativitätsprozess-Mode ist das Ganze Teil einer Vortrags- und Buchreihe, gewidmet dem Schreiben übers Schreiben. (Wer Inspiration sucht: Hier ist der Ur-Essay "Why I write" von George Orwell 1946, hier Joan Didions Version und die von Karl-Ove Knausgård.)

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Patti Smith
Hingabe

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
144
Preis:
EUR 18,00
Übersetzt von:
Brigitte Jakobeit

Wer nur zu ihrer Kurzgeschichte "Hingabe" blättert, wird darum nicht viel von diesem kleinen Band haben. Sie ist Teil des ganzen Dokuments, spiegelt wie eine Parabel Facetten von Smiths eigener Hingabe, eine eigene Sprache zu finden.

Sie demonstriert, wie sich ihre Kreativität aus der Kunst anderer speist. Für unterwegs packt sie ein Buch von Patrick Modiano ein, sie flaniert durch Paris umgeben von den Geistern anderer Kreativer, sie frühstückt im Künstlerwohnzimmer Café de Flore, packt Lavendel ein, wo Paul Valéry bestattet ist, und bringt ihn an Simone Weils Grab in England. Sie übernachtet in Albert Camus' Zimmer, blättert durchs handgeschriebene Manuskript seines posthum veröffentlichten Romans "Der erste Mensch".

Sie erschafft in Bewegung. Wie schon in "M-Train" lässt sie ihr Denken wandern, auf Reisen, in der Bahn, schlendernd. In einem Walzer-Schritt, mal hierhin, mal dorthin sich wiegend, aber sich zügig immer weiter treibend, als wäre ihr neues Sechs-Minuten-Stück "Ivry" der Soundtrack. "Warum schreiben wir? Ein Chor explodiert. Weil wir nicht nur dahinleben können."

Man folgt ihr zur Story

Das ist eine Entscheidung. So auch für die junge Eugenie, die Smith unterwegs im Zug einfiel. Die muss sich noch Papier vorne in die Spitzen stopfen, aber dann schnürt sie sich die Schlittschuhe und gleitet los. Erfindet auf diesem zugefrorenen Waldsee das Eislaufen neu, schraubt sich zu Sprüngen, schreibt Schlaufen auf die Fläche, für die Eislaufregeln keine Kategorie haben. Sie kennt ihre Eltern nicht, ihre Tante nahm sie auf der Flucht aus Estland mit in die Schweiz, zog sie auf, aber auch sie ist weg, abgehauen. Dann sieht ein Mann, mehr als doppelt so alt, die 16-Jährige auf dem Eis.

Und dann beginnt Smith eine Geschichte über paternalistische Verführung und Ausnutzung und Missbrauch, dass einem etwas übel wird. Aber man folgt ihr, zögernd, weil man ihr vertraut, vielleicht vertrauen will. Hin zu einer Story, in der sich die junge Frau in der radikalsten Form befreit. Von allem, was ihr als "So macht man das" geboten wird. Frei, sich ihr Leben und ihre Kunst selbst zu erschaffen.

"Warum fühlt man sich zum Schreiben berufen? Um sich abzusetzen, einzuspinnen, versunken in Einsamkeit", schreibt Patti Smith, die sich selbst stets "einen Takt außen vor" empfindet. Und so spiegeln sie und Eugenie und auch Camus den Versuch, sich abzusetzen von den Vorgängern, den Eltern oder Vorbildern, inspiriert oder auf Abstand.

Dieser schmale Werkstattband hat etwas von einem Beiboot, das neben ihren anderen Werken schaukelt. Nicht notwendig, nicht so funkelnd, aber hilfreich. Für die nächste Runde. Drei neue Alben sind angekündigt, das erste für Ende Mai, den Gedichten Artauds gewidmet, wen wundert's. Im September dann erscheint ihr nächster Memoirenband auf Englisch, "The Year of the Monkey". Sie war unterwegs, ein Jahr lang im Westen der USA, allein. Es war das erste Jahr von Donald Trumps Amtszeit.

"Die entscheidende Kraft für ein einzigartiges Werk ist der Ruf, zu handeln", schreibt Patti Smith in "Hingabe". "Und ich erliege immer wieder der Hybris, zu glauben, diesem Ruf folgen zu können." Es klingt, als sei sie ihm zu Recht gefolgt.

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
Hexavalentes Chrom 09.05.2019
1. Voller Hingabe
Ich glaube, dass die "Poetin" nichts dem Zufall überlassen hat. Ihre Einschreibung - outside of society - nimmt sie fortlaufend zurück mit ihrer künstlerischen Austrocknung und Anpassung an die Feuilletons des Gestrigen. Es steht zu vermuten: Alles war nur Pose. Voller Hingabe. Am Ende fliegt einem das alles um die Ohren.
nobody_incognito 09.05.2019
2.
Zitat von Hexavalentes ChromIch glaube, dass die "Poetin" nichts dem Zufall überlassen hat. Ihre Einschreibung - outside of society - nimmt sie fortlaufend zurück mit ihrer künstlerischen Austrocknung und Anpassung an die Feuilletons des Gestrigen. Es steht zu vermuten: Alles war nur Pose. Voller Hingabe. Am Ende fliegt einem das alles um die Ohren.
KünstlerIn kann man nicht sein wollen - man ist wenn man es ist. D.h. es ist eher ein Drang der dahintersteht, ein empfundenes / wahrgenommenes Sinnvakuum zu füllen und sich durch das künstlerische Ausagieren mehr oder weniger manische Erleichterung zu verschaffen. Deshalb wird Künstlern oft auch Manische-Depression attestiert, d.h. es mischt sich auch die Resonanz des Publikums und die Illusion in Gestalt einer fehlenden Wirksamkeit. Die Wirksamkeit findet aber nur auf der geistigen (Selbst-)Erkenntnis-Ebene statt.
sekundo 09.05.2019
3. Es mag ja sein,
dass diese "Sängerin" eine Poetin ist. Musikalisch betrachtet wird die Frau, was Stimmumfang, Timbre, fehlender Soul und miserabler Intonation nur von Lou Reed übertroffen! Aber die kommen auch aus dem gleichen "Stall"! Clever, wie beide sind, haben sie sich selbst zu avantgardistischen Stil- Ikonen erklärt und das Feuilleton und der gemeine Musik-Konsument fiel darauf herein. Ripp-Off, nothing else! Lasst sie Gedichte schreiben und gut isses!
nobody_incognito 09.05.2019
4.
Zitat von sekundodass diese "Sängerin" eine Poetin ist. Musikalisch betrachtet wird die Frau, was Stimmumfang, Timbre, fehlender Soul und miserabler Intonation nur von Lou Reed übertroffen! Aber die kommen auch aus dem gleichen "Stall"! Clever, wie beide sind, haben sie sich selbst zu avantgardistischen Stil- Ikonen erklärt und das Feuilleton und der gemeine Musik-Konsument fiel darauf herein. Ripp-Off, nothing else! Lasst sie Gedichte schreiben und gut isses!
Kunst hat m.E. viel mit Psycho-Therapie zu tun. Und dann hängt es ab, ob man sich mit den authentischen Sorgen des Künstlers identifizieren kann, oder auch mit seinem Narzissmus. An sich sind Künstler die man mag immer auch "Seelenverwandte", d.h. sie schreiben/singen/malen uns selbst zumindest teilw. aus der Seele.
Hexavalentes Chrom 09.05.2019
5. Delirien
Zitat von nobody_incognitoKünstlerIn kann man nicht sein wollen - man ist wenn man es ist. D.h. es ist eher ein Drang der dahintersteht, ein empfundenes / wahrgenommenes Sinnvakuum zu füllen und sich durch das künstlerische Ausagieren mehr oder weniger manische Erleichterung zu verschaffen. Deshalb wird Künstlern oft auch Manische-Depression attestiert, d.h. es mischt sich auch die Resonanz des Publikums und die Illusion in Gestalt einer fehlenden Wirksamkeit. Die Wirksamkeit findet aber nur auf der geistigen (Selbst-)Erkenntnis-Ebene statt.
Es ist, wie sicherlich alle Kunst, geschicktes Selbstmarketing. Als sie das Trunkene Schiff entdeckte, wusste sie, was zu tun war. Sie wurde Madame Rimbaud, was es ihr erlaubte, ihre Dilettanz als "maudit", vulgo "Punk", was sie nie war, auszuleben. Jesus died for somebody's sins but not mine. Mapplethorpe erschuf die Ikonagraphie dazu und dann erklang: Pissing in a river. Ihr trunkenes Schiff. Das erste Kirchenlied in ihrer Kathedrale. Hingabe war bei ihr stets gut getarnte Aufgabe. Es wirkte delirierend, und war doch nur Berechnung. Es ist alles vorbei.
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