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Historienromane: Busen beben, Blicke töten

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Historienromane Whisky und Degen auf den Tisch!

Wir haben nichts gegen Romane, die Historisches beschreiben - wir wollen nur keine historischen Romane lesen! Jenseits des Genre-Kitschs gibt es Bücher, die so schlau wie farbenprächtig aus vergangenen Jahrhunderten erzählen. SPIEGEL ONLINE stellt die interessantesten Neuerscheinungen vor.

16. Jahrhundert: "Wölfe" von Hilary Mantel

Auf der illustren Liste der Monsterregenten rangiert Englands Heinrich VIII. seit rund 500 Jahren in der absoluten Spitze: Wer an den Zündler Nero und den schrecklichen Iwan denkt, gelangt geradewegs zu dem unersättlichen Frauenvertilger Heinrich.

Das Leben dieses schillernden Monarchen ist ungezählte Male erzählt, besungen, dramatisiert worden, von Shakespeare bis zur Fernsehserie "Die Tudors", die jüngst in sagenhaften 38 Folgen noch einmal die Röcke rascheln, Busen beben, Blicke töten und Köpfe rollen ließ, und wer diese gut 30-stündige Royal Soap überstanden hat, könnte angesichts der Nachricht, dass der Stoff neuerlich literarisch frisch aufgebügelt worden sei, nur müde abwinken - und verpasste mit Hilary Mantels großem Roman nicht nur handwerklich perfekte Literatur, in der brillanter Stil mit funkelndem Witz den melancholischen Grundton der Sprache aufhellt. Sondern nichts weniger als ein ideengeschichtliches Drama: das Heraustreten des modernen Geistes aus hoffnungslos veralteter Kulisse in die große Leere.

Jahrelang hat die 58-jährige Autorin an ihrem Meisterwerk, für das sie 2009 den Booker-Prize erhielt, gearbeitet: den Stoff vom konventionellen Mantel-Degen-Herz-und-Krone-Plunder befreit und die Figuren, ihre Motive und Abhängigkeiten analysiert; die Perspektive geöffnet, weit über den Hof, London, Britannien hinaus, bis nach Deutschland, nach Antwerpen und Rom, und dabei eine Welt entdeckt, die aus den Fugen zu geraten droht, in der längst rationaler Zweifel und effiziente Banken ihren Siegeszug angetreten haben. In diesem kontinentalen Szenario schrumpft der Schauplatz des Romans zu einer "kleinen Insel vor der Küste, arm und kalt" , die sich im Nichts auflöste, zählte "er" nicht zu ihren Bewohnern: Thomas Cromwell, die aus einfachen Verhältnissen aufgestiegene graue Eminenz am Hof Heinrich VIII.

Er ist die alles überragende Figur dieses Romans, ein Held ohne heroische Züge und erkennbare Ziele. Seine Macht ist die Sprache, der Roman besteht fast ausschließlich aus Dialogen, und um seine Omnipräsenz zu unterstreichen, verzichtet die Erzählerin darauf, Cromwell mit Namen einzuführen, "er" ist immer schon da: gleich einem Medium, das alle Interessen versteht, übersetzt, bündelt und lenkt. Sein Intellekt kennt keine Verbote - wie das moderne Kapital, um dessen Dynamik er weiß, keine Dämme; beides ist König und Hof unbegreiflich, und dass die Herzöge keine Spur ihres dynastischen Besitzstanddenkens bei Cromwell wiederzuerkennen vermögen, lässt diesen Technokraten der Macht unangreifbar erscheinen. Natürlich ist er einsam und findet Trost nur in seiner Familie, nicht aber in einer Idee eine eigene Perspektive. So bleibt er ein Diener, dem sein Herr blindlings folgt, bis er ihn dem Scharfrichter übergibt. Hans-Jost Weyandt

18. Jahrhundert: Robert Louis Stevensons "Der Master von Ballantrae"

Das Feuer lodert, der Whisky steht bereit - nehmen Sie Platz, gleich wird der Hausherr selbst den Saal betreten, um uns in dieser klirrend kalten Winternacht zu unterhalten mit einer Schnurre, so unerhört, wie wir sie selten vernommen haben.

Es ist die Geschichte des Masters von Ballantrae. Die hat alle Qualitäten einer jener Begebenheiten, die man sie sich früher wohl am Kamin erzählte. Aufgeschrieben aber hat sie Robert Louis Stevenson - sie ist ein Werk seiner Phantasie und seiner Erzählkunst.

Stevenson (1850-1894) war schon berühmt geworden mit "Die Schatzinsel", mit "Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde", als er sich 1887 an den "Master von Ballantrae" machte. Die Grundzüge dieses heute fast in Vergessenheit geraten Romans nehmen das Motiv von "Jekyll and Hyde" auf - zwei grundverschiedene Charaktere, diesmal nicht in einer einzigen Person, aber doch in einer einzigen Familie. Die Hauptfiguren, der Master und Mr. Henry, sind Brüder; zuerst entzweit, dann geradezu höllisch verfeindet.

Die Geschichte spielt in den Jahren nach 1745, fast 150 Jahre vor ihrer Niederschrift. So wirkt der Roman heute doppelt historisch: In der Vergangenheit angesiedelt, der Vergangenheit entstammend - in der neuen Übersetzung von Melanie Walz in ein schlackenloses Deutsch gebracht, das die Lektüre durch keinerlei Verzopftheiten hindert und dabei doch den Zauber dieser wunderlichen Geschichte bewahrt.

Zwei sich mit fast allen Mitteln bekämpfende Adlige auf einem schottischen Schloss des 18. Jahrhunderts - das würde dem heutigen Leser womöglich genügen. Nicht aber Robert Louis Stevenson. Und so führt er den Leser in eine Wunderkammer, die selbst jene zeitgenössischen, exotischen Szenerien, von denen Beat Wyss in seinem neu erschienen Band "Bilder von der Globalisierung - Die Pariser Weltausstellung von 1889" (Insel Verlag) schreibt, in den Schatten stellt. Was sind die Sklavenvölker aus 17 Kolonien gegen das Personal, das Stevenson auffährt?

Piraten mit rußgeschwärztem Gesicht, ein enigmatisch schweigender Inder, Indianer; dazu die Kunst, einen Menschen lebendig zu begraben, um ihm dann doch wieder Leben einzuhauchen, eine gefallene Frau, ein Agent. Und auf dem Höhepunkt des Buchs ein so knapp wie eindringlich geschildertes Duell mit dem Degen. "Der Master von Ballantrae" mag als traditionelles Familiendrama in einem Herrenhaus an der schottischen Westküste seinen Lauf nehmen. Dann aber entwickelt sich die Geschichte zu einem von erzählerischem Aberwitz getragen Widerhall der historischen Globalisierung der vergangenen Jahrhunderte.

Es ist, als ob der Erzähler seine Zuhörer recht zügig weg vom sicheren Platz am Kaminfeuer wegbitten würde - in eine Mischung aus Panoptikum, Spiegelsaal und Gruselkabinett, nach deren Verlassen man nur noch einen Wunsch hat: Einen Whisky bitte, sonst werde ich nie wieder nüchtern. Sebastian Hammelehle

19. Jahrhundert: Peter Careys "Parrot und Olivier in Amerika"

Peter Careys Lebensthema ist die Anmaßung. Kein Thema ist dem zweifachen Booker-Prize-Gewinner zu groß, um es nicht in Weltliteratur zu verwandeln: Weder hat er vor dem australischen Nationalhelden Ned Kelly Halt gemacht noch sich bei seiner Variation von Charles Dickens' "Große Erwartungen" verhoben. Auch die Bücher selbst werden von anmaßenden Menschen bevölkert: Careys Helden sind allesamt Hochstapler und Trickbetrüger, Emporkömmlinge und Künstler. Er liebt sie, weil sie alte Ordnungen über den Haufen werfen - oder es zumindest versuchen. Wo könnte sein neues Buch "Parrot und Olivier in Amerika" also besser spielen als in dem Land, das sich anmaßt, die neue Welt zu sein?

1830 machen sich der englische Diener Parrot und der französische Adlige Olivier auf die Reise in die Vereinigten Staaten. Offiziell soll Olivier das amerikanische Strafsystem untersuchen, inoffiziell will ihn seine Mutter vor der nächsten Revolution in Frankreich retten und stellt ihm Parrot als Spion und Beschützer zur Seite. Schon auf dem Schiff kriegt Olivier einen Vorgeschmack darauf, was ihn in Amerika erwartet. Als er einer Malerin bei ihrem Handwerk zuschaut, ist er empört: "Kam dieses sogenannte Porträt nicht meinem Albtraum von der Demokratie gleich - ein als große Dame daherkommendes Fischweib, ein als edler Lord posierender Bankier? Was dies nicht ebenjene rotklauige Kreatur, vor der ich flüchtete? Eilte ich nicht in ihre offenen Arme? An einen Ort, wo man mir zumutete, die Kabine mit meinem Diener zu teilen?" Und so erreicht das ungleiche Paar das Land, das die Gleichheit erprobt.

Alexis de Tocquevilles Untersuchung "Über die Demokratie in Amerika" hat unverkennbar Pate bei Parrots und Oliviers wilder Reise gestanden. Doch damit sind die literarischen Vollen, aus denen sich Carey bedient, nicht erschöpft. Für Parrot entwirft er eine Kindheit, die Dickens-haft grausam ist. Mit großem Zeichentalent gesegnet, muss der einfache Arbeitersohn sein Leben doch als Diener fristen: Sein erstes Geld verdient er sich, indem er den Nachttopf eines Geldfälschers entsorgt. Oliviers Geschichte lässt Carey hingegen einer Voltaire'schen Farce gleichen. Von Natur aus schwächlich, muss der Aristokrat feststellen, dass auch sein sozialer Status versehrt ist: Die neue Heimat will nichts von Kultur und Königen wissen.

Beide Biografien stückelt Carey auf und lässt die Helden abwechselnd berichten, was ihnen zuhause und in der Fremde widerfährt. In der Collage verbinden sich die verschiedenen Sprachen und Blickwinkel von Parrot und Olivier zu großer Komik: Wo sich der eine in höchster Not wähnt, sieht sich der andere seiner Befreiung nahe.

Gleichzeitig verkörpern Parrot und Olivier auch die verschiedenen Perspektiven, aus denen der Rest der Welt bis heute auf die USA blickt: die eine hoffnungsvoll, die andere defätistisch. In der Frage, welche nun die richtige ist, legt sich Carey natürlich nicht fest. Dafür ist ihm ein Land, das Großes vorhat, zu sympathisch - auch wenn es die meiste Zeit scheitern mag. Hannah Pilarczyk

Am Mittwoch, 24. November, finden Sie an dieser Stelle die Krimis des Monats.
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