Hörbuch des Jahres Kalte Fleischwurst für 30 Pfennig

Über seine Kindheit auf dem Dorf zu erzählen, ist nichts Ungewöhnliches. Es sei denn, man macht daraus, wie Peter Kurzeck, ein faszinierendes Gesamtkunstwerk aus Text und Hörspielelementen.

Von


Die große Erzählung beginnt mit der Ankunft im Dorf Staufenberg bei Gießen. Es ist das Jahr 1946, Peter Kurzeck ist drei Jahre alt, mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester ist er aus dem Sudetenland vertrieben worden, sie waren auf der Flucht, in Staufenberg sollen sie ein neues Zuhause finden. Die Mutter macht sich auf die Suche nach einem Zimmer, lässt beide Kinder beim Gepäck warten. "Man gewöhnt sich auf einer Flucht, auf einer Umsiedlung an, allem besonders gründlich nachzusehen, weil es sein kann, man sieht es nie wieder." Schließlich kommt die Familie bei "sehr freundlichen Leuten" unter, in einem Zimmer mit drei Fenstern, durch das hinaus Kurzeck noch viele Beobachtungen machen wird.

Kurzeck-Hörbuch: Mehr Jazzmusik als Roman

Kurzeck-Hörbuch: Mehr Jazzmusik als Roman

In 59 Miniaturen erzählt der Schriftsteller unter dem Titel "Ein Sommer, der bleibt" die Jahre seiner Kindheit in diesem Dorf, wobei "erzählen" fast ein zu geringer Ausdruck ist. Ohne Manuskript begibt sich Kurzeck in die Welt seiner Kindheit, lässt sich von Jahreszeiten und Orten leiten, von Geräuschen und Lichtstimmungen, er improvisiert, taucht ein, schweift ab und lässt auf diese Weise seine Zuhörer am Entstehen eines Kunstwerks teilhaben, das in seiner Form vielleicht mehr der Jazzmusik gleicht als einem Roman. Vor dem Auge des Zuhörers entsteht ein so lebendiges Bild vom Dorf, den Menschen, der Nachkriegszeit und den frühen fünfziger Jahren, dass man die fast fünf Stunden am liebsten in einem Rausch weghören würde.

Zum Glück ist dieses Wunderwerk von Peter Kurzeck gerade als Hörbuch des Jahres ausgezeichnet worden, weshalb hoffentlich noch viel mehr Menschen darauf aufmerksam werden.

Der Sommer ist Kurzecks Lieblingsjahreszeit, im Juni hat er Geburtstag, überhaupt der Juni, jener Monat, in dem der Sommer noch ein Versprechen ist und manchmal schon so warm, dass die Kinder in der Lahn baden können, die in der Nähe des Dorfes liegt. Am Ufer gibt es zu dieser Zeit des Jahres noch Tümpel, die Kinder vertrödeln hier ihre Tage. Sehr schön lebt das Gefühl der Langeweile auf, wie es nur der Kindheit gehört. Das Gefühl, ein Tag würde eine Ewigkeit dauern.

Wenn die Kinder Hunger haben, sammeln sie ihr Kleingeld. Zwei von ihnen machen sich auf den langen Weg ins nächste Dorf, wo der Metzger für 15 oder für 30 Pfennig kalte Fleischwurst verkauft. Der Weg führt über eine Brücke, vorbei an einem Gasthaus, einen Augenblick verweilt Kurzeck hier, beschreibt die Schnitzereien an der Veranda, und der Zuhörer folgt ihm gebannt auf Schritt und Tritt. Oft erzählt Kurzeck vom Licht, von dem in der Natur und vom elektrischen, das damals so viel spärlicher war, und es wird einem bewusst, wie grell beleuchtet die Welt ist, in der wir leben.

"Ein Sommer, der bleibt" bietet ungeheuer viele Nischen für eigene Erinnerungen, Bilder und Gedanken. Es ist eine mündliche Erzählung in betörendster Form.


Hörbuch "Ein Sommer, der bleibt - Peter Kurzeck erzählt das Dorf seiner Kindheit". Supposé Verlag, 4 CDs, 290 Minuten.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.