Hörspiel-Boom Sounds, Sex & City

Die Regisseurin Johanna Steiner hat in Berlin das Hörspiel "Be My Match" realisiert - in Cafés, Kaufhäusern und auf der Straße. Die Produktionsfirma Audible setzt auf den Boom des gesprochenen Wortes.
Foto: Audible/ Ole Westermann

Manchmal kann Lärm beglückend sein. Die Regisseurin Johanna Steiner probt in der Berliner Oberwallstraße eine Szene des Hörspiels "Be My Match". Die beiden Singles Sophie und Jan, gespielt von Nora Jokhosha und Richard Barenberg, haben sich auf einer Dating-Plattform kennengelernt und treffen sich nun vor einem Café. Heute ist es hier lauter als sonst. Am Ende der Straße entladen Männer ein paar LKW, sie rufen sich zu, Metall schlägt gegen Metall, eine Hebebühne ächzt. Steiner ist begeistert. Diesen Sound hätte sie im Studio nicht hingekriegt.

Steiner will, dass die Stadt in dem Hörspiel die Musik macht. Die Instrumente: Rollkoffer, Fahrräder, Mopeds, Stöckelschuhe, Hunde. Die Musiker: völlig chaotisch. Die Partitur: so lebendig wie möglich. In "Be My Match" haben Sophie und Jan einen mächtigen Gegner, den Algorithmus, der ihnen verheißt, dass sie nicht zueinander passen. Doch in den zehn halbstündigen Folgen des Hörspiels geht es darum, dass kaum etwas wirklich berechenbar ist: weder die Liebe noch das Leben noch die Geräusche der Stadt.

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Hörspiele: Die Geräusche der Stadt

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"Be My Match" ist der erste Originalstoff, aus dem die Amazon-Tochter Audible ein Hörspiel macht. Die Firma produzierte bislang vor allem Hörbücher und hat im vergangenen Jahr rund 90 Millionen Stunden Audio-Inhalte verkauft. Zehn Hörspiele hat die Firma 2015 herstellen lassen, darunter eine Adaption von Shakespeares "Macbeth". Die Budgets betragen das Zehn- bis Zwanzigfache der Kosten eines Hörbuchs. Gerade wird eine neue Fassung des Science-Fiction-Films "Alien" vorbereitet.

Hörbücher boomen seit Jahren. Bestseller wie die "Harry Potter"-Romane verkaufen sich als Downloads millionenfach. Eine Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Emnid für Audible durchführte, ergab, dass rund ein Viertel aller Menschen, die in Deutschland mit Kopfhörern unterwegs sind, gesprochene Audio-Inhalte hören, ob in der U-Bahn oder beim Joggen. Eine Studie von ZDF und ARD zeigte, dass sich die Nutzung von Audio-Podcasts zwischen 2012 und 2015 verdreifacht hat.

Kino für die Ohren

Von diesem Boom des gesprochenen Wortes profitiert nun auch das Hörspiel, das viele Jahre lang im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein sorgsam gehegtes Nischendasein führte. Hörspiele, die auf Jugendbüchern wie "Die drei ???" basieren, verkaufen sich seit Langem erfolgreich. Doch nun nimmt die Bandbreite der Stoffe zu und reicht von literarischen Klassikern bis zu Hollywoodfilmen.

Kino für die Ohren, so wird das oft verkauft, als Erlebnis, das den Hörer in eine andere Welt versetzt, mithilfe von Tönen und Klängen, die vor dem inneren Auge Bilder entstehen lassen. Vielleicht ist das nicht die schlechteste Antwort auf den visuellen Overkill der Gegenwartskultur, die uns das Gefühl gibt, alles schon gesehen zu haben.

Darum geht es auch in dem Hörspiel "Be My Match", das Johanna Steiner nach einem Skript von Anna Basener inszeniert hat: um das, was man sieht und nicht sehen kann in der Liebe, um Sein und Schein, um das, was die Stimme verrät, wenn die Worte nicht die Wahrheit sagen. Steiner will den Gefühlen dieser Figuren nachgehen und hat sich deshalb entschlossen, aus dem Studio auf die Straße zu gehen.

"Be My Match" will zeigen, wie modern das Hörspiel ist, wie nah an der Alltagswirklichkeit der Menschen es Geschichten erzählen kann. Es gibt viele Sherlock-Holmes-Hörspiele, die mit knarzenden Türen und Gewitterdonner aus der Konserve Spannung und Grusel erzeugen wollen. "Be My Match" spielt im Berlin von heute, mitten im Leben. Vielleicht ist dies das größere Abenteuer.

"Be My Match" ist ab dem 14. Juli bei Audible hörbar.
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.