Auschwitz-Überlebender Otto Dov Kulka "Am genauesten trifft es das Wort 'Endlösung'"

Otto Dov Kulka findet in seinen Erinnerungen eindringliche Formulierungen für seine Kindheit in Auschwitz. Nun erhält er den Geschwister-Scholl-Preis. Im Interview spricht er über die Gefahr des Rassismus, einen Abschied für immer und erklärt, warum er das Wort "Holocaust" unpassend findet.

AFP

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Dem Leser Ihres Buches "Landschaften der Metropole des Todes" bleibt ein ungewöhnliches, fast irritierendes Bild von Auschwitz im Kopf. Sie beschreiben die nächtlichen Lichterketten des Lagers.

Kulka: So ist es in meiner Erinnerung, der Erinnerung eines Jungen von zehn Jahren, der in einem Zug aus Theresienstadt in der Nacht langsam in das Lager hineingefahren ist. Man sah die Lichterketten auf Stacheldraht entlang der Gleise. Das war für mich erfrischend, fast bezaubernd. Meine Mutter dagegen hat verstanden, was das bedeutet: Man kommt hier nicht mehr raus. Das war der Satz, den sie sagte. Diese Erinnerung ist mir geblieben, ich wollte sie nicht weiter erforschen. Wissen Sie, es gibt zwei Ebenen der Erinnerung: das Staunen des kleinen Jungen und das reflektierte Denken des Historikers. In diesem Fall begebe ich mich auf die Ebene des staunenden Erinnerns.

SPIEGEL ONLINE: In einer anderen Passage Ihres Buches beschreiben Sie, wie Ihre Mutter sich in Auschwitz endgültig von Ihnen verabschieden muss - und sich beim Weggehen nicht mehr umdreht.

Kulka: Das war für mich die schwierigste Entscheidung: über diese Erinnerung zu sprechen. Ich dachte, ich würde nie dazu fähig sein. Aber dann habe ich es doch gewagt. Ich schildere den Abschied von meiner Mutter, wie sie sich langsam entfernt und nicht einmal den Kopf gedreht hat, bis sie nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne war. Das habe ich nicht verstanden. Diese Härte. Meine Zuflucht war dann der Mythos von Orpheus und Euridike: Darin dreht Orpheus, gegen die Warnung des Herrscher des Hades, sich um, um Euridike anzusehen, daraufhin verschwindet sie langsam im Totenreich. Ich weiß nicht, wer da von uns beiden Orpheus und wer Euridike war. Diese mythologische Geschichte sagte mir, dass es unmöglich gewesen wäre, meine Mutter zu retten. Das machte den persönlichen Schmerz zu etwas Schicksalhaftem.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr war Ihnen als Kind in Auschwitz überhaupt klar, dass Ihnen der Tod drohte?

Kulka: Ich habe es zuerst nicht richtig wahrgenommen. Nach kurzer Zeit aber wussten wir ganz genau, dass wir nur noch drei Monate zu leben haben. Der Transport, mit dem ich im September 1943 in das sogenannte Familienlager in Auschwitz-Birkenau kam, wurde nach genau einem halben Jahr, im März 1944, in den Gaskammern ermordet. Und trotzdem wurden von den anderen jüdischen Häftlingen dieses Lagers humanistische Werte gepflegt bis zum letzten Augenblick. Ich selbst bin dann nur durch einen Zufall am Leben geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Nachgeborenen stellt sich immer wieder die Frage, warum die Gefangenen nicht versucht haben, sich zu wehren.

Kulka: Sich zu wehren... - wie kann man sich gegen den großen Tod wehren? Der Gedanke an eine Befreiung hatte etwas völlig Phantastisches. Aber es war auch eine Art Auflehnung, der Verzweiflung nicht nachzugeben, sondern bis zuletzt die Würde zu bewahren.

SPIEGEL ONLINE: "Der große Tod" ist einer der Begriffe, die Sie in Ihrem Buch für Auschwitz verwenden.

Kulka: Ich versuche im Buch, eine andere Sprache zu sprechen, nicht das Leiden des Einzelnen zu schildern. Klischees sind fast unumgänglich, wenn man von dieser Art Leiden spricht. Ich versuche, Metaphern zu verwenden für das, was sich ereignet hat: "Das unabänderliche Gesetz des Todes", "Der große Tod", "Metropole des Todes" - das sind Metaphern dafür, dass der Tod allgegenwärtig war.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, Ihre Erinnerungen aufzuschreiben?

Kulka: Ich hatte mich für den anderen Weg entschieden, den der Geschichtsforschung, nicht dafür, das Persönliche aufzuschreiben. Aber in meinem Arbeitszimmer an der Universität von Jerusalem hatte ich ein Tonbandgerät, mit dem ich schließlich aufgenommen habe, was mir seit Jahrzehnten im Kopf herum ging. Als ich das viel später wieder abgehört habe, hat es mich selbst überwältigt. Aber ich wollte meine Geschichtsforschung nie mit meinem persönlichen Erinnern vermischen. Ende der neunziger Jahre bekam ich dann eine Krebsdiagnose, und man sagte mir, dass ich nur noch zwei, drei Jahre habe. Da habe ich mich entschlossen, die Aufnahmen abzuschreiben. Bis zur Veröffentlichung dauerte es noch einmal über zehn Jahre - ich wollte zuerst meine großen Forschungsprojekte abschließen.

SPIEGEL ONLINE: In der Dankesrede für den Geschwister-Scholl-Preis, den Sie am Montag erhalten, sagen Sie, Auschwitz sei der Höhepunkt des nationalsozialistischen Versuchs, die jüdisch-christliche Tradition zu vernichten, aus der sich die säkularen Werte der westlichen Zivilisation entwickelt haben. Demnach wäre der Begriff der rassischen Verfolgung viel zu eng.

Kulka: Ja. Die Grundgedanken des Judentums, nämlich die Einheit der Welt und die Gleichheit der Menschen, die sich dann in der judeo-christlichen Zivilisation verbreiteten und in säkularer Form als universalistische Ideen der Demokratie, des Liberalismus und des Sozialismus manifestiert haben, waren der nationalsozialistischen Weltanschauung diametral entgegengesetzt: deren Glauben an die Ungleichheit der Rassen sowie dem ewigen Überlebens- und Vernichtungskampf der Völker. Das Ziel der Vernichtung des sogenannten jüdischen Geistes und seiner Träger, der Juden, fand in der Metropole des Reiches des Todes - Auschwitz in der Zeit seines Bestehens - seinen historischen Höhepunkt

SPIEGEL ONLINE: Sie benutzen in Ihren Texten nicht die Begriffe "Shoa" oder "Holocaust", sondern schreiben von der "Endlösung".

Kulka: Das hebräische "Shoa", Katastrophe, ist ein amorpher Begriff. "Holocaust", wörtlich aus dem Griechischen "Brandopfer", betont etwas Unzulängliches. Auf das Genaueste trifft es das deutsche Wort "Endlösung", "Endlösung der Judenfrage": Das Ende der historischen und physischen Existenz der Juden und der mit dem Judentum identifizierbaren Werte. Einige meiner israelischen Kollegen haben zu mir gesagt: "Das ist doch ein Nazi-Begriff." Ich sagte: "Ja. Die 'Endlösung' war schließlich auch eine Nazi-Tat und in der Ideologie des Nationalsozialismus verankert."

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich ist diese Ideologie noch? Eine Untersuchung der EU hat ergeben, dass die europäischen Juden sich von wachsendem Antisemitismus bedroht fühlen.

Kulka: Mein Forschungszeitraum als Historiker, der sich auf viele Jahrhunderte erstreckt, endet 1945. Aber als denkender Bürger empfinde ich Antisemitismus als Gefahr, wenn er sich zu einer fanatischen Ideologie einer Staatsmacht weiterentwickelt. Konkret sehe ich diese Gefahr im Moment in Europa nicht. Allerdings ist Antisemitismus, und im allgemeineren Sinn der Rassismus, etwas, dem die Menschheit seit Generationen ausgesetzt ist. Wenn man glaubt, dass sich das mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geändert hat, ist das beschränkt. Was sich einmal in der Geschichte ereignete, kann wieder geschehen.



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