Horacio Castellanos Moyas "Der Traum von Rückkehr" El Salvador als Schnapsidee

Ein Rausch von einem Buch: Der Roman "Der Traum von der Rückkehr" erzählt von einem Säufer, Lateinamerika und beider Existenznöte.

Horacio Castellanos Moya: Irre Satzkaskaden
Iván Giménez

Horacio Castellanos Moya: Irre Satzkaskaden


Ohne Punkt und Komma zu reden ist nicht die Sache von Erasmo Aragón. Die Interpunktion, immerhin, hat der Journalist selbst im Vollrausch noch sicher im Griff.

Weit besser jedenfalls als seinen übersprudelnden Mitteilungsdrang - und im krassen Gegensatz zu seinem Leben, dessen Linie bedenklich ins Schlingern gekommen ist, nicht nur wegen all der Brandys, Gins und Bloody Marys, die sich der Tresenheld von morgens bis abends reinpfeift.

Sondern auch wegen der zerrütteten Partnerschaft mit Eva, der aufreibenden Suche nach angemessenem Ersatz für ihren "kaffeebraunen Wahnsinnskörper", und den vertrackten Beziehungen zu den verbündeten Genossen, die nichts eint außer die Opposition - kurz: Bis dieser Schwadroneur einmal zum Punkt kommt, hat er sehr viele Kommas gesetzt. Und dieser Punkt ist ein Weh.

Die Leber schmerzt, sie zwickt auch nach fünf Tagen Abstinenz und zwingt Aragón zum Arzt. Er leide an "Bedrängnis", erkennt der Heiler in obskurer Hellsicht, das Bauchweh sei eine Spätfolge der anthropologisch gewachsenen Tabus, die drängendste menschliche Not im Lager loszuwerden.

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Die verblüffende Diagnose findet der große Verdränger Aragón, für Ausflüchte aller Art zu haben, brillant, nicht nur, weil sie mit enormer therapeutischer Rücksicht seine Trunksucht ausspart: Aragón sieht endlich seine Existenznöte vor dem Hintergrund des Menschheitsganzen befriedigend erklärt. Denn zu Hause die Notdurft verrichten darf der Arme seit seiner Flucht ins mexikanische Exil nicht mehr, und überhaupt fühlt sich Aragón aus der Geschichte verstoßen. So drängt es den alten Kämpfer zurück in die Bürgerkriegsscheiße von El Salvador.

Man muss nichts wissen vom salvadorianischen Alptraum, dessen mörderische Realität bis heute anhält, um in Aragóns Heimkehrtraum eine Schnapsidee zu erkennen - und in Horacio Castellanos Moyas "Der Traum von Rückkehr" großartig berauschende Literatur.

Elfmal lässt er Aragón ansetzen, um Klarheit über sein verpfuschtes Leben zu gewinnen, elfmal versucht der wortwitzige Macho, sich seinen gesammelten Lebenslügen in irren Satzkaskaden zu entwinden - rasend komisch, rasend vor Angst -, und schraubt sich immer höher in eine schwindelerregende Ausweglosigkeit über dem Abgrund eines Lebens, das dieser Roman auffängt: ein von Stefanie Gerhold glänzend übersetzter Einstieg in das Werk eines Autors, der, von Roberto Bolaño verehrt, im spanischen und englischen Sprachraum längst berühmt ist.

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Hans-Jost Weyandt



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