Bestseller von Ibram X. Kendi Ein Leben als "Nichtrassist" ist unmöglich

Der amerikanische Historiker Ibram X. Kendi hat das Buch der Stunde über den Kampf gegen Rassismus geschrieben. Doch seine Analyse hat Grenzen.
Black-Lives-Matter-Demonstrantin in Kentucky: Kendi glaubt, eine Weltformel gefunden zu haben.

Black-Lives-Matter-Demonstrantin in Kentucky: Kendi glaubt, eine Weltformel gefunden zu haben.

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Chris Tuite / ImageSPACE / MediaPunch / AP

Es ist theoretisch sehr einfach, kein Rassist zu werden: Man muss jeden Menschen als Individuum behandeln. Und nicht als Angehörigen einer Gruppe oder als Träger bestimmter Eigenschaften, die man seiner Hautfarbe zuschreibt. Eigentlich banal.

Das Problem ist aber: Angenommen, alle Menschen würden sich so verhalten - wäre der Rassismus verschwunden aus unserer Welt? Eher nicht. Er steckt tief in Institutionen und ist verankert in den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen. Individuelles Wohlverhalten wird ihn nicht ohne Weiteres zum Verschwinden bringen. Wie mit diesem Umstand umgehen?

Das ist eine der großen Fragen unserer Zeit. Nicht nur in den USA, wo Rassismus die Gesellschaft spaltet wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch in Europa: Black Lives Matter ist längst eine europäische Parole, viele gingen nach dem Mord an George Floyd auch hier auf die Straße. Es gibt einen tiefen Wunsch, mehr über Rassismus zu wissen, unter Nichtschwarzen wie Schwarzen.

Deshalb dürfte "How to Be an Antiracist" des US-amerikanischen Historikers Ibram X. Kendi auch in Deutschland eines der Bücher der Stunde sein. In den USA stand es wochenlang auf der Bestsellerliste der "New York Times".

Ibram X. Kendi ist ein interessanter Typ. Er ist 38 Jahre alt und einer der Shootingstars der US-Geisteswissenschaften. An der Boston University baut er gerade das neue Center for Antiracist Research auf. Vor drei Jahren veröffentlichte er seine mehrfach ausgezeichnete Studie "Gebrandmarkt", eine große Geschichte des amerikanischen Rassismus.

Autor Ibram X. Kendi: Shootingstars der US-Geisteswissenschaften

Autor Ibram X. Kendi: Shootingstars der US-Geisteswissenschaften

Foto: Michael A. McCoy / The Washington Post / Getty Images

Anders als der Titel es suggeriert, ist "How to Be an Antiracist" aber keine Gebrauchsanweisung. Eigentlich besteht die Analyse aus zwei Büchern: einem klassischen autobiografischen Entwicklungsroman, der erzählt, wie ein junger afroamerikanischer Jedermann auf seinem Lebensweg lernt, seine rassistisch geprägte Sicht auf andere Menschen zu verstehen und abzulegen.

Darin eingebettet ist ein thesenhaftes Sachbuch, das zahlengesättigt vom amerikanischen Rassismus in Geschichte und Gegenwart berichtet. Wie er sich weigert, zu verschwinden und was dagegen getan werden muss. Kendi hat ein wichtiges Buch geschrieben - und gleichzeitig ein problematisches.

Im autobiografischen Teil erzählt Kendi, wie er als Kind der neuen schwarzen Mittelschicht aufwächst und immer wieder die gleichen Fehler macht: mit Angst auf vermeintliche Gangmitglieder schaut, die Kleinstadt-Schwarzen verhöhnt, als seine Familie von New York aufs Land zieht.

Bemerkenswerte Offenheit

Er beschreibt die Verachtung, die die Generation der Afroamerikaner, die durch die Bürgerrechtsära geprägt ist, für die Hip-Hop-Generation hat. Denen wirft sie vor, mit ihrer Vulgarität das Erbe in den Dreck zu ziehen - für Kendi eine "rassistische" Haltung, da ihr eine Abwertung aller Afroamerikaner zugrunde liege, denen der Aufstieg nicht gelungen ist. Kendi schildert auch die wechselseitige Abneigung von Afroamerikanern und afrikanischen Einwanderern.

Mit Offenheit und Ehrlichkeit spürt Kendi diesen Gefühlen nach - und weil er sich selbst als Durchschnittsmenschen beschreibt, ergibt sich ein Bild der US-Gesellschaft, die grundlegend vergiftet ist. Ob weiß, schwarz, hispanisch oder asiatisch, Mann oder Frau: Jede und jeder trägt den Rassismus in sich.

Das ist ein anderes Szenario, als es etwa Robin di Angelo in "White Fragility" zeichnet, dem anderen Erfolgsbuch der Black-Lives-Matter-Ära. Während di Angelo vor allem beim schlechten Gewissen der weißen Mittelschicht ansetzt und sich darauf beschränkt, den Rassismus als ewiges Übel in den Köpfen der Weißen zu verorten, hat Kendi eine umfassendere Sicht der Dinge.

Die Abneigung des Menschen gegen Fremde mag es schon immer gegeben haben. Dass sie sich an der Hautfarbe festmacht, ist eine europäische Erfindung des 15. Jahrhunderts. Damals entstand der Rassismus gemeinsam mit dem Kapitalismus, um den Sklavenhandel zu legitimieren. Er wurde zu einem Herrschaftssystem, das sich in fast alle Köpfe gefressen hat, auch in die von Menschen, die diskriminiert werden.

Für Kendi gibt es nur Rassismus und Antirassismus. Dieser Konflikt dominiere die Gesellschaft, in ihm sei keine Neutralität möglich, kein Leben als "Nichtrassist". Er sei überall, angefangen bei der Ausstattung der Schulen, die Schwarze benachteilige, er finde sich auch in den Tests, die über den Universitätszugang entscheiden. All das belegt Kendi mit Zahlen und historischem Hintergrundwissen.

Wie ein Krebsgeschwür habe sich Rassismus in den USA ausgebreitet, schreibt er - und weil Kendi sein Argument immer mit Geschichten aus seinem Leben illustriert, ist es auch seine eigene Krebserkrankung, die ihm als Bild dient. Inklusive der Chemotherapie, mit der er die Krankheit besiegt.

Aber hier wird das Buch problematisch. Denn wie gegen den Krebs würden auch gegen Rassismus nur schwerste Mittel helfen. Im Buch bleibt Kendi vage, wie diese Medizin aussehen könnte. "Teams" sollten ausgeschickt werden, um Rassismus aufzuspüren und zu bekämpfen.

In einem Beitrag für "Politico"  hat er allerdings neulich ausgeführt, was er genau meint: Die Regierung solle ein Antirassismus-Department gründen, das aus Experten bestehen würde und Einspruchsrecht gegen jede politische Entscheidung haben müsse - und auch disziplinarisch tätig werden dürfe. Dafür müsse die amerikanische Verfassung geändert werden.

Was eine ziemlich bizarre Fantasie ist: Eine Gruppe antirassistischer Politkommissare soll das letzte Wort im politischen Entscheidungsprozess bekommen? Revolutionsgarden beaufsichtigen amerikanische Parlamentarier bei ihrer Arbeit und bestrafen jeden, der sich weigert, ihren Vorstellungen nachzukommen? Solche Pläne knüpfen an das totalitäre Denken des 20. Jahrhunderts an.

Dass ein Misstrauen gegen die liberale Demokratie nicht schaden kann, wenn man die Geschichte des Rassismus in den USA betrachtet, ist verständlich - doch das Gute hat sich noch nie erzwingen lassen.

Und da ist noch etwas anderes. Aktuell wird die politische Gegenkultur in einem Maße von amerikanischen Ideen dominiert wie noch nie zuvor, nicht einmal 1968: Die sogenannte Identitätspolitik zum Beispiel ist ein Kind der amerikanischen Gesellschaft, die sich ja viel stärker als die europäischen Gesellschaften entlang von Communities organisiert. Die USA waren eben schon immer ein Einwanderungsland. Black Lives Matter ist eine Antwort auf den Rassismus, der in den USA eben tief mit der Geschichte der Sklaverei verbunden ist.

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Auf Europa lässt sich all das nur mit Schwierigkeiten übertragen. Auch hier gibt es Rassismus. Aber er hat eben eine ganz andere Geschichte als in den USA. Schwarze Deutsche sind im Westen häufig Kinder von amerikanischen Soldaten, im Osten häufig Kinder von afrikanischen Studenten. Oder sie sind Migranten.

Selbstverständlich sind sie Rassismus ausgesetzt - doch antischwarzer Rassismus ist nicht Grundlage des deutschen Gesellschaftsvertrags. Es gibt ihn und es gab ihn auch schon immer. Doch er wird durch viele andere Machtstrukturen durchkreuzt.

Tatsächlich wäre der größte Einwand gegen "How To Be An Antiracist", dass Kendi, dieser große Kritiker der USA, selbst nur die USA kennt. Auf die amerikanische Gesellschaft bezogen, geht seine Analyse auf. Doch immer wieder behauptet er, dass, was für Amerika stimme, auch anderswo gelte. Kendi glaubt, eine Weltformel gefunden zu haben - und die gibt es nicht.

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