Roman über den Prenzlauer Berg  Kleiner Kosmos, große Dramen

Ein Roman, der mit Nostalgie souverän umgeht: Lea Streisand berichtet in "Hufeland, Ecke Bötzow" im Alltagssound vom Aufwachsen im Berlin der Wendejahre. Das ist amüsant - manchmal aber etwas träge erzählt.

Straßenschilder in Berlin: Heute ist die Gegend vor allem gediegen
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Straßenschilder in Berlin: Heute ist die Gegend vor allem gediegen


Wenn man heute durch den Kiez läuft, in dem "Hufeland, Ecke Bötzow" spielt, ist es da vor allem gediegen. Die Bötzow- und die Hufelandstraße sind die Lebensadern jenes Teils vom Prenzlauer Berg, der an den Volkspark Friedrichshain mit seinem wunderbaren Märchenbrunnen angrenzt.

Die Wohnungen sind über die letzten zehn, 15 Jahre teuer geworden. Die meisten Bewohner sind Zugezogene. Man kann alles kaufen, vom Kinderschuh bis zur Outdoorausrüstung. Es gibt eine japanische Izakaya, und am Eck hat Christian Kahrmann seine Kaffeebar. Richtig, Benny Beimer aus der Lindenstraße.

Und doch weiß man zumindest als Berliner um die Geschichte des Stadtteils. Insofern sind die Rahmenbedingungen dieses Buches nichts Neues: Wir lesen von einem Prenzlauer Berg, der noch nicht in allen Pastelltönen der Welt gestrichen ist - die Bauarbeiter rücken aber in der zweiten Hälfte des Buches an, um Fassaden zu sanieren, um Dachgeschosse zu setzen und Zentralheizungen einzubauen.

Diskussionen über eine bessere Zukunft

Lea Streisand ist selbst in diesem Wohnquartier aufgewachsen, insofern verwundert es nicht, dass sowohl die Anordnung der Schauplätze als auch jene der Charaktere völlig schlüssig wirken. Es ist ein abgezirkelter Schauplatz mit zunächst sehr klaren Koordinaten. Hier der Kohlehändler. Dort die Tierhandlung, da die Schule. In der Gegend wohnen viele von denen, die keine Lust auf die DDR-Regierung haben. Sie treffen sich in großen Altbauwohnungen und diskutieren über eine bessere Zukunft.

Autorin Lea Streisand
Gerald von Foris/ Ullstein Verlag

Autorin Lea Streisand

Streisand ist nicht die erste, die erzählt, wie all das zusammenbricht, aber man bleibt gern dran, wenn sie es tut, denn sie berichtet aus dem Erfahrungsschatz einer Kindheit: Im Zentrum der Handlung steht Franzi, ein Einzelkind mit lebhafter Fantasie, das gemeinsam mit seinen Eltern eine Altbauwohnung an der titelgebenden Straßenecke bewohnt. Gemeinsam mit einer Handvoll Freunde stromert sie durch einen eng abgezirkelten Aktionsradius.

Da ist Annabel, die beste Freundin, sie wird es bleiben. Rico, der Nachbarjunge, anfangs von den beiden Mädchen genervt, ihnen später durchaus zugetan. Und Matti, der kleine, zarte, der etwas abseits wohnt, in einem richtigen Hochhaus. Er hat ein Schrankbett im Kinderzimmer und ein Loch im Herz. Die Schule, ein paar Altbauwohnungen, ab und an ein Ferienlager - viel größer ist der Aktionsradius der kleinen Helden nicht, nicht, und doch spielen sich hier große Dramen ab.

Die Gefahr, in die Nostalgiefalle zu treten, besteht bei solchen Geschichten immer, vor allem, wenn sie eigene Erfahrungen mitverhandeln. Die Autorin geht mit diesem Risiko souverän um, legt die Gegensätze, die die Handlung prägen, deutlich an.

Hier die Eltern, gegenüber dem Regime kritisch eingestellt, 1989 engagieren sie sich für die Bürgerrechtsbewegung "Demokratie Jetzt!" Und dort die Tochter, die das historische Drama des langsamen DDR-Zusammenbruchs noch nicht versteht und sich stattdessen eine ganz eigene Welt erschafft, in der für vieles Platz ist. Für den Besuch einer christlichen Kindergruppe genauso wie für eine flammende Liebe gegenüber ihrer Rolle als Jungpionierin. Letzteres findet mit der deutschen Einheit sein natürliches Ende, wie so vieles in der DDR, etwa die Mangelwirtschaft.

In einer der besten Stellen des Buchs müssen sich Mutter und Tochter in einer ganz neuen Einkaufswelt zurechtfinden. Wo im DDR-Konsum früher ein frostiger Kasernenton herrschte, bemüht sich die Verkäuferin nach der Währungsunion um so etwas wie Freundlichkeit: "'Einen schönen Tag', schnauzte sie der Oma hinterher. Alle im Laden blickten auf und starrten entgeistert zur Kasse. Einen solchen Satz hatte man von einer Konsumverkäuferin nie zuvor gehört."

Preisabfragezeitpunkt:
28.10.2019, 10:11 Uhr
Ohne Gewähr

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Lea Streisand
Hufeland, Ecke Bötzow: Roman

Verlag:
Ullstein Hardcover
Seiten:
224
Preis:
EUR 20,00

Doch es gelingt der Autorin nicht immer, ihr Tempo zu halten. Gerade im letzten Drittel wird das Buch zu einem Coming-of-Age-Roman, der zwar mit dem Berlin der Mittneunziger in einem interessanten Möglichkeitenraum stattfindet, dem es aber an erzählerischem Sog mangelt. An der Sprache liegt das nicht, Streisand beherrscht einen unprätentiösen, angenehmen Alltagssound, setzt ihre Pointen geschickt und gibt ihren Charakteren jeweils eigene Ausdrucksformen mit - zumindest über weite Teile des Buches.

Gegen Ende, wenn es nicht mehr darum geht, dass die Umstände unklar sind, wenn das Ungesagte nicht mehr eine ebenso große Rolle spielt wie das Gesagte und Unsagbares gar nicht mehr existiert, verblassen die Handlungsstränge: Aus dem wunderlichen Kind ist längst eine Jugendliche geworden. Schlaghosen, Glöckchen, John Lennon. Dazu kommen allerhand Widrigkeiten im romantischen Bereich. Dass dann auch die Hufelandstraße für die meisten Protagonisten Geschichte ist - es hinterlässt einen eigenartig unbeteiligt.

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Marina aus Niedersachsen 03.11.2019
1. Hm?
Hallo Herr Overbeck ... Hm, ich weiß nach ihrer Beschreibung nicht so richtig, ob ich das buch eintüten soll oder nicht? ... Ich selbst habe noch einen schon leicht vergilbten Kultklassiker im Bücherregal ... 3.Auflage Dezember 1999, Lizenzausgabe 1977. "Die große Flatter" - Was aus der Siedlung kommt, sagen die Leute kann ja nichts Gutes sein. Deshalb gibt es auch so viele Probleme und jeder möchte abhauen, die große Flatter machen. Auch Schocker und Richy , die beiden Jungen aus den Baracken der Berliner Obdachlosensiedlung, wollen weg. Doch alles scheint schief zu gehen. Ihre Ausbruchsversuche ebenso, wie die Erfüllung ihrer Sehnsucht nach Liebe. ___ "Vieles" scheint sich bis heute in Berlin nicht verändert zu haben. Aufgrund Ihrer Leseempfehlung werde ich es noch einmal lesen. Wenn Sie Zeit und Lust haben, bitte ebenfalls lesen!!"!
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