Krimi-Autor Ian Rankin "Die Leser fragen mich, ob Rebus immer noch zu viel trinkt"

Im schottischen Edinburgh trifft man den Krimi-Autor Ian Rankin häufig in der Oxford Bar - auch der Stamm-Pub seiner Hauptfigur, Inspektor John Rebus. Ein Gespräch über Punk, Pensionierung und die Psyche einer Stadt.
Ian Rankin

Ian Rankin

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Mit seinen Romanen um den sympathisch-verschrobenen Polizisten John Rebus schrieb sich der schottische Krimautor Ian Rankin, 56, an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten. Jetzt erscheint "Das Gesetz des Sterbens", der 20. Band der Reihe. Dabei hatte Rankin seinen Polizisten eigentlich bereits 2007 in Rente geschickt. Inzwischen ist er, wie einst Sherlock Holmes, Berater der Polizei und hilft, einen drohenden Gangsterkrieg in Edinburgh zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Rankin, seit fast 30 Jahren schreiben Sie Romane mit dem Polizisten John Rebus. Sind Sie jemals morgens aufgewacht und haben gedacht: Heute ist der Tag, an dem ich Rebus umbringe?

Rankin: Ich habe ja versucht, ihn loszuwerden, "Ein Rest von Schuld" sollte definitiv der letzte Band der Reihe sein. Doch Rebus weigerte sich einfach zu verschwinden. Aber ihn gleich umbringen? Das erschien mir zu grausam.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Rebus vermisst, oder waren es Ihre Leser, die Sie unter Druck gesetzt haben?

Rankin: Ich habe, ehrlich gesagt, kaum an ihn gedacht, aber als ich 2012 die Idee für "Mädchengrab" hatte, wurde mir schnell klar, dass dieser Roman perfekt für Rebus wäre. Tatsächlich haben sich immer wieder Leser bei mir erkundigt, wie es Rebus so geht und ob er immer noch zu viel trinkt. Es ist wohl so, dass Rebus für meine Leser realer ist als ich. Sie kommen in die Oxford Bar, die nicht nur Rebus', sondern auch mein Stamm-Pub ist, um Rebus zu treffen…

SPIEGEL ONLINE: ...und dann sitzen da nur Sie...

Rankin: Genau, das muss eine große Enttäuschung für sie sein. Schließlich bin ich bei weitem nicht so interessant wie Rebus.

SPIEGEL ONLINE: Sogar das schottische Parlament hat sich ja mit Rebus' Pensionierung beschäftigt.

Rankin: Die Labour-Politikerin Helen Eadie wollte, dass das Parlament das Pensionsalter für Polizisten anhebt, damit Rebus noch nicht in Rente gehen muss. Das war zwar als Scherz gemeint, hat aber für einigen Wirbel gesorgt. Vor allem der ein oder andere Polizist war ziemlich sauer auf mich.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Romane sind nach Songs oder Alben von Bands wie den Rolling Stones, The Cure oder Joy Division benannt. Wie kamen Sie auf die Idee?

Rankin: Das hat damit zu tun, dass ich eigentlich ein verhinderter Rockstar bin. Wie viele Krimiautoren, die ich kenne, träumte ich früher davon, eine erfolgreiche Band zu haben. Ich habe mich als Sänger einer Punkband versucht, aber mit wenig Erfolg. Aber Punk hat mir damals gezeigt, dass man alles ausprobieren muss, worauf man Lust hat.

SPIEGEL ONLINE: Die musikalischen Anspielungen gehen über Buchtitel weit hinaus...

Rankin: In meinem Arbeitszimmer bin ich von Musik geradezu umzingelt. Und meine Sammlung wächst unaufhaltsam. Sobald ich auf eine Lesereise auch nur eine Stunde Zeit habe, zieht es mich in den Plattenladen. Und so bringe ich jedes Mal neue Musik mit, von Second-Hand-Vinyl bis zu brandneuen CDs.

SPIEGEL ONLINE: Hören Sie beim Schreiben auch Musik?

Rankin: Immer, vor allem Instrumentales wie Brian Eno oder Tangerine Dream. Für mich schafft Musik eine Blase, in der ich mich absolut konzentrieren kann. Deshalb höre ich eigentlich auch keine Songs. Außer Radiohead. Man versteht sowieso nicht, was Thom Yorke da singt.

SPIEGEL ONLINE: Rebus würde nie Radiohead hören, oder?

Rankin: Wohl nicht, wahrscheinlich besitzt er kaum ein Album, das nach 1972 herausgekommen ist. Er mag The Who und die Kinks, und in stilleren Stunden Van Morrison oder Leonard Cohen. Je nach Stimmung. Und das ist ein Grund, warum ich so viel Musik in meinen Büchern benutze: Weil man, ohne viele Worte zu machen, die Gefühlslage eines Menschen vermitteln kann, wenn man ihn einen bestimmten Song hören lässt.

SPIEGEL ONLINE: Rebus' deutlich jüngere Kollegin Siobhan hat ja mehrfach versucht, seine Hörgewohnheiten zu modernisieren, zum Beispiel indem sie ihm ein Album der schottischen Instrumentalband Mogwai geschenkt hat.

Rankin: Oh ja, und als sie ihn gefragt hat, wie es ihm gefallen hat, sagte er, dass er besonders die Texte mochte.

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Das Gesetz des Sterbens

Aus dem Englischen von Conny Lösch.

Manhattan;
480 Seiten; 19,99 Euro.

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SPIEGEL ONLINE: "Das Gesetz des Sterbens" heißt im Original "Even Dogs in the Wild", nach einem Song der heute fast vergessenen Achtzigerband The Associates.

Rankin: In dem Song geht es darum, dass selbst Tiere ihre Nachkommen besser behandeln als Menschen, und als ich ihn vor einiger Zeit wieder hörte, hatte ich die Eingebung, dass hier das Thema für mein nächstes Buch lag.

SPIEGEL ONLINE: In diesem Buch geht es viel um Familie, vor allem um schwierige Vater-Sohn-Beziehungen. Sie sind selbst zweifacher Vater, gibt es da einen Zusammenhang?

Rankin: Meine Söhne sind inzwischen junge Erwachsene und ziehen von zu Hause aus. Und ich fange an, mir die typischen Fragen zu stellen: Habe ich bei der Erziehung alles richtig gemacht? Habe ich Sie ausreichend auf die Welt da draußen vorbereitet? Ich hatte zwar nicht vor, ein Buch darüber zu schreiben, was es heißt, wenn ich meine Söhne ziehen lasse - aber am Ende ist es das wohl geworden.

SPIEGEL ONLINE: Die neuen Rebus-Romane sind immer auch melancholische Reflektionen über das Altern. Vor allem wenn Rebus auf seinen Erzfeind trifft, den früheren Gangsterboss Big Ger Cafferty.

Rankin: Beide sind zusammen alt geworden, ihre gemeinsame Geschichte verbindet sie. Sie sehen, wie die Welt um sie herum sich verändert und sie nicht mehr Schritt halten können. Und sie fürchten, in dieser neuen Welt keinen Platz mehr zu haben. Deshalb rücken sie zusammen. Ein bisschen sind sie wie zwei alte Boxer, die zeigen wollen, dass sie noch einen Punch setzen können.

SPIEGEL ONLINE: Aber eigentlich kann Rebus nicht mit einem Gangster befreundet sein, oder? Dafür ist sein Gerechtigkeitsgefühl viel zu stark ausgeprägt. Im neuen Roman heißt es über Rebus' Kampf für die Gerechtigkeit einmal: "Wenn das alles egal war, dann war er selbst das auch."

Rankin: Er stellt sich die Fragen, die wir alle uns stellen, wenn wir älter werden: ob wir etwas Wichtiges aus unserem Leben gemacht, der Welt unseren Stempel aufgedrückt haben. Solche Szenen sind wichtig, weil sie die menschliche Seite der Figuren zeigen. In meinen Romanen geht es nicht nur um die Aufklärung von Verbrechen, sondern um das wahre Leben. Und das besteht nicht aus Schießereien und Verfolgungsjagden.

SPIEGEL ONLINE: Die französische Krimiautorin Dominque Manotti hat einmal gesagt, dass sie angefangen habe Krimis zu schreiben, weil das die einzige Art von Literatur sei, um zu zeigen, wie unsere Gesellschaft funktioniert. War das bei Ihnen ähnlich?

Rankin: Was Kriminalromane so aufregend macht, ist ja, dass es immer darum geht, auch die Stadt, in der die Geschichten spielen, erlebbar zu machen. Krimis liefern einen tiefen Einblick in die Geschichte von Orten, in die Psyche einer Stadt. Chandlers Los Angeles, Ruth Rendells London das Stockholm von Maj Sjöwall und Per Wahlöö...

SPIEGEL ONLINE: ...und Ian Rankins Edinburgh.

Rankin: Von Anfang an wollte ich über das Edinburgh schreiben, das die meisten Menschen nicht zu Gesicht bekommen. In den Achtzigerjahren, als ich zum Studieren hierher kam, war die Stadt in keiner guten Verfassung: Es gab Probleme mit Drogen, Arbeitslosigkeit, Verbrechen und Aids. Und kaum einer schrieb darüber. Also begann ich, an einem Roman zu arbeiten und merkte irgendwann, dass die ideale Figur ein Polizist wäre, weil er Zugang zu allen Gesellschaftsschichten hat. Und so habe ich Rebus erfunden, der uns seit fast 30 Jahren durch die dunklen Seiten dieser Jekyll-&-Hyde-Stadt führt.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wird er das noch tun?

Rankin: Momentan arbeite ich an einem neuen Rebus-Roman, der noch dieses Jahr in Großbritannien erscheinen wird. Wenn Sie schon mal eine Ahnung haben wollen, worum es geht, hören Sie sich den Song "I'd rather be the Devil" von John Martyns Meisterwerk "Solid Air" an.

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