Zukunftsvision "Ice Cream Star" Eine Welt ohne Altwerden

Eine 15-Jährige mit dem Namen Ice Cream Star zieht los, um ein Mittel gegen den frühen Tod zu finden - und gerät in einen Kampf: Sandra Newman hat für ihren Zukunftsroman einen Kunst-Slang gefunden.

"Ice Cream Star": Hautfarbe oder Geschlecht sind nicht der Kern ihrer Identität
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"Ice Cream Star": Hautfarbe oder Geschlecht sind nicht der Kern ihrer Identität

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In Buchrezensionen stehen gerne Varianten dieses einen Satzes: So etwas haben Sie noch nie gelesen. Hier also gleich vorweg: So etwas haben Sie noch nie gelesen. Doch diesmal ist damit eben nicht der Plot gemeint, nicht die Figuren, nicht die narrativen Tricks. Denn Sandra Newman hat für diesen postapokalyptischen Roman eine vollkommen neue Sprache entworfen. Ohne Übertreibung. Eine, die nicht aufgesetzt wirkt, sondern nach zwei Absätzen ganz normal. Deswegen auch gleich jetzt: Wie phänomenal die Übersetzerin Milena Adam für diesen Kunst-Slang eine deutsche Version gefunden hat, ist ziemlich unglaublich.

Damit alle verstehen, wovon die Rede ist, das hier ist die Stimme der Erzählerin, der 15-jährigen Ice Cream Star: "Ich hör das Feuer wie schnarchenen Schlaf." "Der Krach schreckt mich schwach." "Dann geh ich weiter, mit ner ziehigen Schüchternis in meim Fleisch." Nervös ist nerviös. Oktober ist Tober, November ist Vember, Dezember ist Zember.

So existenziell ist auch das Leben von Ice Cream Star, als wir sie treffen, wenn alles zwischen Schneeweiß und Kohlenschwarz eingefärbt ist. Die drei Teile (plus ein kleiner) folgen diesen drei Monaten (plus ein paar Tage Januar) und der Rettungsexpedition, zu der sie aufbricht. Nur mal kurz ihre Welt retten. Ihren Bruder, ihre Sengle-Leute, ein Universum aus Kindern. Bis sie in eine geradezu historische Position als Erlöserin katapultiert wird, in Patagonia-Jacke und Adidas-Schuhen. Schon ihr Name leuchtend meilenweit. Einer, den Kinder eben ihren Kindern geben.

Autorin Sandra Newman
George Baier

Autorin Sandra Newman

Mit dieser Sprache im Ohr ist klar: Sie wirft einen von der ersten Seite an in einen fremd-fernen Kosmos. 80 Jahre sind seit der Apokalypse in Nordamerika vergangen, die Gesellschaft ist in Gruppen zerfallen. Allianzen hängen ab von der Gefahr von Vergewaltigung, Sklaverei, Krieg, Hunger und Entführungen. Die Sengles sind die Ärmsten, verbündet mit Lowells und Christlingen. Die Nat Mass Army hält Mädchen als Sexsklavinnen, ist aber zur Not ein Partner. Und in der Ferne leben die marodierenden, gefürchteten Rou-Krieger - ihre Haut ist "weißlich wie ein Unglückshimmel". New York, Washington, all das existiert, aber wie eine Szenerie aus Blade Runner ohne den Techno-Futurismus. Hier wird jenseits der Städte mit Pfeil und Bogen gejagt.

Sandra Newman, Anfang 50, Autorin einiger leichtfüßiger literarischer Ratgeber ("Wie man KEINEN Roman schreibt") wollte mit diesem dritten fiktionalen Werk einen Jugendroman schreiben, aber das ist natürlich Quatsch. Sich von diesem futuristischen Dialekt umwerfen zu lassen, diesem Tonmix aus vernuscheltem Rap-Slang und Shakespeare, ist alterslos. Ja, das kriegerische Abenteuer, das folgt, hätte auch kürzer funktioniert, aber mei, Fantasy-Storys brauchen alle Wendungen, die sie kriegen können. Der Rest folgt wohl in Band zwei.

Jung ist zumindest das Ensemble: Erwachsene gibt es nicht. Mit 18, 19, 20 kommen die "Posies", wenn auf Husten bald schwarze Flecken und dann das Ende folgt. Auf einmal hustet auch Ices Bruder Driver. Ein Moment, der alles in Bewegung setzt: "ein fürchteriger Tag". Sie haben gerade einen Rou gefangen. Er ist 30. Es gebe ein Mittel gegen Posies, verrät Pascha Rou. Ice Cream Star beschließt, es bei den Rous zu organisieren. Um den Tod ferner zu halten.

Eine Figur, deren Hautfarbe keine Rolle spielt

Ein Leben, das mit 20 endet: Das ist die Perspektive der Figuren. Der Roman erzählt von einer Extremform der Endlichkeit und dem Versuch, das Sterben zu verschieben.

Somit werden Normen infrage gestellt: Was Tod ist, was Leben - und was Feindschaft. Wieviel Mut es braucht, solidarisch zu sein jenseits der eigenen Gruppe. Wie Sprache funktioniert. Wie christliche Storys um einen neuen Maria-und-Jesus-Kern aussehen können, einer der absurderen Schlenker. Und wie eine Art kultureller Aneignung gelingen kann, ohne anmaßend zu sein: Wenn eine weiße Autorin aus PoC-Perspektive schreibt und es gar auf einen Krieg Schwarz gegen Weiß ankommen lässt. Newman betont, nirgends gäbe es mehr alltägliche Sprachinnovation als in der afroamerikanischen Popkultur - und ohne diese hätte sie keinen Sengle-Dialekt erschaffen können.

Preisabfragezeitpunkt:
30.08.2019, 11:42 Uhr
Ohne Gewähr

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Sandra Newman
Ice Cream Star

Verlag:
Matthes & Seitz Berlin
Seiten:
667
Preis:
EUR 28,00
Übersetzt von:
Milena Adam

Vor allem aber: Ice Cream Star - wie all die anderen - ist eine Figur, deren Hautfarbe oder Geschlecht nicht der Kern ihrer Identität ist. Ice lässt sich nicht bullshitten, verschwendet keinen Funken daran, wieso sie als Mädchen keine Knarre haben, die Sergeant-Position von ihrem Bruder übernehmen oder in den Kampf losziehen sollte. "Is nich alles Deine Aufgabe", sagt sie zu Driver knapp. So wird sie zur Regentin über 800.000 Kinder, eine Maria mit Erlöserinnenjob, ein bisschen Artemis, Penthesilea, Antigone.

Auf der Suche nach jungen literarischen Heldinnen? Voilà, eine facettenreichere, furchtlosere als Ice Cream Star wird sich erst einmal schwer finden lassen.



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