Rachel Kushner über ihren Frauenknast-Roman "Nicht im Gefängnis zu landen, ist vor allem Glück"

Zwei Mal lebenslänglich plus sechs Jahre: Das Strafmaß von Rachel Kushners Romanfigur ist schwer vorstellbar. Hier erzählt die US-Autorin, dass es ein reales Urteil ist - und sie spricht über die Härte der US-Justiz.

Rachel Kushner
Sophie Bassouls/ Sygma/ Getty Images

Rachel Kushner

Ein Interview von


Zur Person
    Rachel Kushner, geboren 1968, ist eine US-Autorin. Ihre vorigen Romane "Telex aus Kuba" und "Flammenwerfer" waren Bestseller und nominiert für den National Book Award, "Ich bin ein Schicksal" landete auf der Shortlist des Man Booker Prize. Sie ist aufgewachsen in San Francisco und lebt nun in Los Angeles.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kushner, wenn Sie über Ihren Gefängnisroman "Ich bin ein Schicksal" in Deutschland sprechen - haben Sie oft den Eindruck, Ihr Gegenüber ist überrascht von der Absurdität und Brutalität des US-Justizsystems, das Sie zeigen?

Kushner: Die Leser hier sind kaum weniger überrascht als privilegierte Mittelklasse-Amerikaner. Meine eigene Lektorin sagte: Rachel, ich weiß, Du hast eine wundervolle Fantasie - aber Du musst ein paar Stellen abschwächen, sie klingen einfach zu erfunden.

SPIEGEL ONLINE: Was etwa?

Kushner: Etwa dass die Gefangenen an Thanksgiving Emufleisch bekommen. Oder die Regel, dass Insassinnen nur 1400 Kalorien am Tag bekommen dürfen. Ich sagte ihr: Das stimmt alles. Es blieb alles drin.

SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie die Blase derer, die das nicht sehen, aufpieken?

Kushner: Das ist doch keine Motivation, um einen Roman zu schreiben. Nach meinem vorigen Buch - "Flammenwerfer" spielt in den Siebzigern - wollte ich mich einem Stoff von heute widmen. Und als Kalifornierin wollte ich über Kalifornien schreiben. Dieser Staat signalisiert die Richtung, in die sich die ganze Gesellschaft bewegt. Wir sind die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, wir haben die höchste Armutsquote in den USA und unfassbare Naturwunder, die Hälfte aller Lebensmittel des Landes und die ganze Technologie kommt von hier. Und dieser Staat hat in 23 Jahren, zwischen 1980 und 2003, 23 Gefängnisse gebaut. In der Zeit stieg die Zahl eingesperrter Frauen um 700 Prozent.

Sogenannte Chain Gang im Frauengefängnis Estrella in Phoenix, Arizona: Die Gefangenen sind bei ihrem Arbeitseinsatz aneinander gefesselt
Jim Lo Scalzo/ picture alliance/ dpa

Sogenannte Chain Gang im Frauengefängnis Estrella in Phoenix, Arizona: Die Gefangenen sind bei ihrem Arbeitseinsatz aneinander gefesselt

SPIEGEL ONLINE: Zugleich hat Kalifornien ein Image als sehr liberaler, progressiver Staat. Wie passt das zu der Situation der Justiz, die Sie abbilden?

Kushner: Es ist eine komplizierte Geschichte - aber nicht die Geschichte meines Romans.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Grundlage - Hauptfokus ist das Leben der Gefangenen Romy Hall in Stanville, angelehnt an Chowchilla, das als größtes Frauengefängnis weltweit gilt.

Kushner: Nein, nicht wirklich. Man kann doch keinen Roman darauf aufbauen, dass es in Kalifornien so viele Gefängnisse gibt. Das taugt eher als Zeitungsbericht. Meine Verbindung ist persönlicher, tiefer. Es ist ein Roman über Kalifornien und seine Widersprüche. Ein Buch über die Welt, aus der ich komme. Und ein Mittel, echte Menschen zu verewigen, über die sonst nie geschrieben worden wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wie Ihre Protagonistin Romy Hall: Sie wurde verurteilt zu zwei Mal lebenslänglich plus sechs Jahre. Wie schreibt man über ein Leben, das keine Zukunft hat?

Kushner: Früher hat mich die Vorstellung von "lebenslänglich" bedrückt - nun habe ich mich daran gewöhnt, leider. Man vergisst nach dem ersten Schock leicht, was einem genau den Atem genommen hat. Etwa, dass du nach einer Woche im Gefängnis nach einem Herzinfarkt sterben kannst oder 60 Jahre dort leben - und der Staat würde beides Mal sagen: Du hast dein Soll erfüllt. Im christlichen System gibt es Gnade, im strafrechtlichen nicht. Romys Strafmaß sprengt jede Vorstellungskraft. Es ist eine Spur des Realen: Es war das Urteil einer Freundin - sie sitzt ein, seit sie 15 ist. Dieses Strafmaß stand am Anfang, daraus entwickelte sich der Rest: Was bedeutet das, was tust du dann?

SPIEGEL ONLINE: Und?

Kushner: Aus meinen Gesprächen mit Gefangenen weiß ich: Es gibt Tage, an denen du denkst, du schaffst es, dir dort ein Leben aufzubauen. Und an anderen Tagen ist es wirklich hart, weil du dir deiner Umstände gewahr wirst. Am Ende des Romans geht es für Romy darum, wie sie in diesem Leben Sinn finden kann.

SPIEGEL ONLINE: "Für Dich wäre alles anders gekommen", adressiert Romy einmal ein abstraktes Gegenüber - und verweist auf die Umstände, in die sie geboren wurde. Sie selbst wuchsen im gleichen Viertel in San Francisco auf wie Romy, sind aber nicht im Gefängnis gelandet. Doch nicht nur Schicksal?

Kushner: Ich hatte liebende Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Das reicht?

Kushner: Sie waren gebildet, das macht den Unterschied. Das war bei den meisten, mit denen ich aufwuchs, anders. Es fällt Mittelklasse-Amerikanern schwer, Gefängnis als etwas anderes zu sehen als einen Ort für Schuldige. Sie denken, sie haben es geschafft, nicht dort zu landen, weil sie gute Menschen sind. Dabei hatten sie vor allem Glück. So wie ich auch.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht zynisch, jenen, die weniger Glück hatten, zu sagen, sie müssen ihr Schicksal umarmen?

Kushner: Aber das sagt doch keiner. Auch nicht in meinem Buch. Romy will die Möglichkeit, ein Leben in Würde zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Schicksal bringt etwa mit sich, dass sie keinen guten Anwalt hat.

Kushner: Aber sie hat auch einen Typen brutal ermordet. Das sollte man nicht vergessen, sie ist ja nicht unschuldig. Wie auch die vielen Menschen im Gefängnis, mit denen ich zu tun habe.

SPIEGEL ONLINE: Wieso fingen Sie an, sich für das Justiz- und Gefängnissystem zu interessieren? Sie engagieren sich etwa bei der Organisation Justice Now, die für die Abschaffung von Gefängnissen kämpft. Wie kam es zu Ihrer Mitarbeit? Nicht um zu recherchieren, oder?

Kushner: Ich wollte helfen, wollte mit dieser Organisation arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Man kann sich ja in vielen Bereichen ehrenamtlich einbringen. Wieso dort?

Kushner: Das hat nichts mit meinem Roman zu tun. Das ist mein Privatleben. Ich arbeite viel mit Menschen im Gefängnis.

Preisabfragezeitpunkt:
26.06.2019, 15:17 Uhr
Ohne Gewähr

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Rachel Kushner
Ich bin ein Schicksal

Verlag:
Rowohlt Buchverlag
Seiten:
400
Preis:
EUR 24,00

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist der Stoff, aus dem Sie für Ihren Roman schöpfen.

Kushner: Es ist nicht wie die Entscheidung, stricken zu lernen. Das Thema hat mich ebenso ausgesucht wie ich das Thema. Ich wohne in L.A. in Laufnähe vom Gerichtsviertel, den Gefängniskomplex kann ich vom Fenster meines Arbeitszimmers sehen. Das gehört zu meiner Alltagsrealität. Ich hatte immer Menschen in meinem Leben, die ins Gefängnis mussten, seien es Freunde meiner Eltern oder Leute, mit denen ich aufgewachsen bin.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich eingebracht?

Kushner: Ich lernte, wie ich Insassinnen mehr über Menschenrechte im Gefängnis beibringen kann, half bei Schriftsachen. Es hat mich immer umgetrieben, dass komplette Verhandlungen bis zur Urteilsverkündung öffentlich zugänglich für alle sind - und dann steigen die Verurteilten in einen Bus und werden vom System unsichtbar gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Engagement: Gehört das zu Ihrer Verantwortung als Mitbürgerin jenen gegenüber, die unsichtbar sind?

Kushner: Bürgerin zu sein bedeutet mir nichts, weil so viele, die in Kalifornien leben, keinen Status als US-Bürger haben. Ich gehe nicht mal wählen, ich bin Antikapitalistin. Ich will, dass mein Leben eine möglichst diverse Gruppe an Menschen einschließt. Und wenn man sieht, dass jemand auf der Straße stolpert, hilft man. Man tut es einfach, ohne nachzudenken wofür.

Szene aus der TV-Serie "Orange is the New Black"
JoJo Whilden/ Netflix

Szene aus der TV-Serie "Orange is the New Black"

SPIEGEL ONLINE: Neben Ihrem Buch lenken andere Formate den Blick auf Widersprüche im US-Justizsystem, etwa die TV-Serie "Orange is the New Black" oder die NPR-Podcaststaffeln "Serial". Wie ändert diese Aufmerksamkeit auch das System selbst?

Kushner: Ich kenne das alles nicht. Ich habe keine Zeit zum Fernsehen. Und außerdem: Ich wollte auf keinen Fall aus Versehen aus dieser Serie klauen. Wenn ich klaue, dann doch von Augustinus, Dostojewski, vielleicht John Cheaver, von einer echten Größe - nicht von irgendeiner Sendung, wie erbärmlich. Es ging mir um gewichtige, fundamentale Fragen zu Gerechtigkeit, Gnade, die Natur des Gesetzes. Das ist Literatur eher wie bei "Die Brüder Karamasov" von Dostojewski, auch wenn das etwas großspurig klingen mag. Trotzdem, ja, es gibt mehr Aufmerksamkeit fürs Gefängnissystem - ob das etwas ändert, keine Ahnung. Ich habe gerade ein superlanges Stück für das "New York Times Magazine" über die Bewegung geschrieben, die Gefängnisse abschaffen will. Die Geschichte wurde veröffentlicht - nicht weil sie sich so sehr für dieses radikale Konzept interessieren, sondern weil ich es geschrieben habe. Ich habe es in das Magazin reingezwungen. Mir wurde gesagt, es sei einer der am weitesten verbreiteten Texte aller Zeiten des Magazins. Auf einmal ist das Thema keine radikale Randidee mehr, sondern Teil des Mainstream-Diskurses. Wie damals, als die Sklaverei abgeschafft werden sollte.

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