Literarische Wiederentdeckung "Ich bin bezaubernd originell"

Ihr liebstes Forschungsgebiet war sie selbst: Im Jahr 1901 führte die junge Amerikanerin Mary MacLane Tagebuch - so ungestüm und großmäulig, dass ihre Energie bis heute in den Seiten konserviert ist.
Im Gefühlstaumel: Mary MacLane

Im Gefühlstaumel: Mary MacLane

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Alamy/ Alpha Stock/ mauritius images

Vom Umschlag des Buchs schaut den Leser eine junge Frau mit bockigem, herausforderndem Blick an: Mary MacLane war 19 Jahre alt, als sie "Ich erwarte die Ankunft des Teufels" schrieb. Es war das Jahr 1901, und sie lebte in einer kleinen Stadt in Montana, USA, in einer trostlosen Bergbauregion mit vielen Steinen, viel Staub, spärlichen Bächen und wenig Grün. Doch Mary MacLane fantasierte sich in ein Leben hinein, das gegensätzlicher nicht sein könnte. Sie sehnte sich nach Fülle - nach Ruhm, nach Glück und Überwältigung.

Ihr nun erstmals auf Deutsch erschienenes Tagebuch ist ein Text, in dem sich eine junge Frau großmäulig, ungestüm und mitreißend selbst erfindet. Über drei Monate hinweg, von Januar bis April 1901, notierte sie fast täglich auf mehreren Seiten ihre inneren Stimmungen. Die Form des Tagebuchs lieferte ihr den idealen Rahmen, um sich ausgiebig selbst zu bespiegeln. Nur ein Eintrag während dieser drei Monate beschäftigt sich mit anderen Menschen, mit den Bewohnern der kleinen Stadt, in der sie lebt, mit den "verrunzelten Bergmännern", Indianern und Squaws, die aus "flohgeplagten Reservaten" geflohen sind, mit "ausgehungert wirkenden Chinesen".

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[MacLane, Mary]

Ich erwarte die Ankunft des Teufels

Herausgeber: Reclam, Philipp, jun. GmbH, Verlag
Seitenzahl: 206
Übersetzt von: Ann Cotten
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Am 3. Februar notiert MacLane: "Das Städtchen Butte bietet jemandem, der die Menschheit und die menschliche Natur studieren will, ein herrliches Forschungsgebiet." Ihr gelingen Miniaturen, die vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden und in Erinnerung rufen, dass die Vereinigten Staaten eine Einwanderernation sind – mit Menschen, die von überall herkamen und sich heute in vierter, fünfter Generation Amerikaner nennen. 

Dokument eines Lebens ohne Ablenkung

Doch MacLanes liebstes Forschungsgebiet ist sie selbst. Mit großer Hingabe verfolgt sie das Auf und Ab ihrer Stimmungen, die schwanken zwischen dem Glauben an die eigene Genialität, der Freude am "feinen, femininen Körper" und dem Leiden an der "Erbärmlichkeit", die sie umgibt. Aus MacLane spricht eine junge Frau, die den Furor der Pubertät noch nicht abgestreift hat. Sie ist verliebt in ihre Lehrerin von der Highschool und nennt sie "meine Anemonendame", weil es poetisch klingt.

Dass sie für MacLane unerreichbar ist, macht sie zum idealen Liebesobjekt, denn die 19-Jährige möchte sich am Überschwang des eigenen Gefühls berauschen. An die Anemonendame denken zu können, ist ihr genug, weil sie sich selbst genug ist. Jeden Tag aufs Neue eröffnet sich ihr in der Auseinandersetzung mit sich selbst ein Kosmos. Gleichzeitig verliert sie sich in Fantasien von der Begegnung mit dem "Mann-Teufel": "Und er wird mich mitnehmen an einen Ort, wo es feucht und grün ist (...) keinerlei Beschränkung. Und tagelang werde ich glücklich sein – glücklich – glücklich." Um der Ödnis, die sie umgibt, zu entkommen, folgt sie freudig ihren Hirngespinsten.

Ein Lebenshunger, der auf die Leser überspringt

Dieses Tagebuch ist auch das Dokument eines Lebens, das keinerlei Ablenkung kennt, keine Filme, keine Musik, höchsten mal den Genuss einer Olive. Beobachtung ist alles für MacLane. Dass die junge Schriftstellerin dafür die passenden Worte findet und Sätze, die einem mitreißenden Takt folgen, zeigt ihr literarisches Talent – das sie an guten Tagen selbst mindestens für außergewöhnlich hält. "Ich bin bezaubernd originell. Ich bin herrlich erfrischend. Ich bin eine schockierende Bohémienne."

Nur die Schönheit der Natur ist ihr dann ebenbürtig. Der rote Himmelsstreifen, der nach dem Sonnenuntergang am Horizont leuchtet; die Erinnerung an den Duft von Minze und Weißdorn, der sie bei einem Sommerspaziergang anwehte. Einen Tag später empfindet sie unter Umständen die "tiefsten Abgründe der Trauer" – Elend, Trübsal, Hoffnungslosigkeit. Ann Cotten hat diesen Gefühlstaumel großartig ins Deutsche übertragen und ihm ein kenntnisreiches Nachwort hinzugefügt, das durch einen Aufsatz von Juliane Liebert ergänzt wird.

Der Lebenshunger Mary MacLanes springt auch heute noch auf den Leser über, es ist beeindruckend, dass ein Text über hundert Jahre hinweg so viel Energie konservieren kann. Die Wiederentdeckung von "Ich erwarte die Ankunft des Teufels" – des Buchs, das MacLane tatsächlich so berühmt machte, wie sie es für sich erhoffte – gewährt einen Einblick in das Wesen einer jungen Frau, die weder durch Erziehung noch durch Etikette davon abgehalten wurde, sehr laut "Ich" zu sagen.