Streit über Identitätspolitik Und wo stehst du?

Diskussionen über Indianer-Faschingskostüme und Gendersternchen werden mittlerweile hochaggressiv geführt. Das Buch "Trigger Warnung" analysiert aktuelle Identitätspolitik - und will verhärtete Fronten wieder aufbrechen.

Kind mit Indianerkostüm: Gab es die am letzten an Fasching Ihrer Kinder noch?
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Kind mit Indianerkostüm: Gab es die am letzten an Fasching Ihrer Kinder noch?

Von Jan-Paul Koopmann


  • Wann haben Sie zuletzt das N-Wort ausgeschrieben gelesen?
  • Irritiert Sie das Gendersternchen noch?
  • Und gab es Indianerkostüme beim letzten Fasching Ihrer Kinder?

Die Debatte über Identitätspolitik hat die linke Blase lange verlassen, sie wird am Stammtisch und im noch bürgerlichsten Feuilleton geführt. Es geht - grob gesagt - um die Perspektiven von Minderheiten und Marginalisierten und darum, wie sich Machtverhältnisse durch Sprache festsetzen. Breit diskutiert wurde etwa Eugen Gomringers Gedicht "Avenidas" an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule: die Bewunderung von "Blumen und Frauen" sei sexistisch, kritisierten Studierende, und stehe in der künstlerischen Tradition, Frauen als Objekt zu begreifen.

Dabei tritt auf allen Seiten zunehmend eine Aggressivität an den Tag, die vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen wäre - und die auch irritieren muss, wo doch die ganze Zeit von Schutzräumen gegen verbale Gewalt die Rede ist. Sprache macht Wirklichkeit, haben die Sozialwissenschaften vor einem halben Jahrhundert herausgefunden, im Handgemenge wird heute klar, wie entschieden es dabei auch um unser aller Alltag geht. Weil sich die Betroffenen heute tatsächlich zu Wort melden, wenn sie verletzt und diskriminiert werden. Gleichzeitig ist die achtsam konstruierte Sprache auch ein Erkennungszeichen unter Gleichgesinnten: Wer das "innen" gegenüber Zuhörer*innen scharf betont, zeigt damit eben auch, wo er oder sie steht.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
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Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel (Hg.)

Hengameh Yaghoobifarah
Trigger-Warnung: Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen (Edition Bildungsstätte Anne Frank)

Verlag:
Verbrecher
Seiten:
270
Preis:
EUR 18,00

Um solche Verortungen geht es nun dem Band "Trigger Warnung". Darin umkreisen 20 Autorinnen und Autoren verschiedene Ausprägungen identitätspolitischer Diskursfelder, die - auf den ersten Blick - gar nicht so viel miteinander zu tun haben. Da wären etwa die Debatten über "Cultural Appropriation" (wenn Weiße die Kultur unterdrückter Minderheiten unkritisch übernehmen: Dreadlocks oder eben Indianerkostüme), strukturellen Antisemitismus - und natürlich die Frage, wie man es als Linker mit dem Islam hält.

Die Herausgeber kommen, wie auch ein großer Teil der Autoren, aus der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, die neben einem Lernlabor zur NS-Geschichte auch Beratung für Betroffene von Diskriminierung und Gewalt anbietet. Erstaunlich ruhig ist der Ton der Beiträge. Von Beißreflexen ist hier keine Spur, selbst die gelegentlichen Spitzen zur Selbstversicherung kommen ohne Schaum vorm Mund aus. Das erklärte Programm des Bandes lautet: wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, dann aber entschieden Positionen beziehen.

Die große Linie der Beiträge verläuft in etwa so: Die Erfolge linker Identitätspolitiken seien erst einmal anzuerkennen. Was Schutzräume und Empowerment für verschiedenste Minderheiten gebracht haben, war wichtig und wäre ohne die konkrete Arbeit an der Sprache nicht zu haben gewesen. Wer heutige Übertreibungen (der Band spricht von "vulgärer Identitätspolitik") allein mit Häme wegwischt, fällt hinter diese Errungenschaften zurück, etwa hinter die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung.

Ergiebige linke Selbstkritik

Erst unter Anerkennung dieser Erfolge gilt es, übersteigerter Identitätspolitik inhaltliche Fehler nachzuweisen. Der titelstiftenden "Trigger Warnung", dem Versuch also, Gewalt- und Diskriminierungsopfern Retraumatisierungen durch unbedachten Umgang mit Darstellungen vergleichbarer Taten zu ersparen, nimmt sich etwa Markus Brunner an. Der Co-Leiter eines Psychologie-Master-Studienschwerpunkts an der Sigmund Freud Universität Wien kritisiert die Übernahme psychotherapeutischer Konzepte in die kulturelle Debatte.

Ein Trigger, so Brunner, sei nicht zwingend die inhaltliche Darstellung etwa einer Vergewaltigung, sondern können auch "äußerst subtile Wahrnehmungsmomente" umfassen: bestimmte Gesichtszüge, ein spezielles Parfüm. Brunner, und das gilt für weite Teile des Buchs, zieht sich hier nicht auf Besserwissen zurück, sondern nimmt den Gehalt der Kritik konstruktiv auseinander: Statt Quellen und Kunstwerke zu sperren, müsste es vielmehr darum gehen, Lehrkräfte für den fachlich angemessenen Umgang mit möglicherweise Traumatisierten zu sensibilisieren.

Anstatt mit eigenem Regelwerk um die Ecke zu kommen, wirbt "Trigger Warnung" für die Auseinandersetzung mit sehr unterschiedlichen Spezialfragen. Dass und wie sich identitätspolitische Fragen in alle möglichen Lebensbereiche verzweigen, macht das Problem ja gerade aus.

Pseudo-subversive Tabubrüche

In ihrem Beitrag zum Antisemitismus-Skandal um die Echo-Nominierung von Deutschrapper Kollegah im vergangenen Jahr kritisieren Céline Wendelgaß und Tom David Uhlig pseudo-subversive Tabubrüche im Gangster-Rap. Nur richtet sich ihre Kritik dann auch gegen den Conscious-Rap, "wie ihn zum Beispiel prominent Sookee vertritt". Die Autoren analysieren, wie die Selbstkritik zum Selbstzweck werde: Die Rapperin Sookee macht einen Song über die Diskriminierung von Schwulen und Lesben und kassiert dafür den Vorwurf, andere Diskriminierte auszuschließen, singt sie über toxische Männlichkeit, unterstellt man ihr wiederum Transfeindlichkeit und so weiter. Sookee reagiert betroffen, sagt Konzerte ab, veröffentlicht selbstkritische Songs. "Vor lauter Moral der Geschichte", heißt es aber im Buch, "werde die Geschichte selbst vergessen".

Die Autoren von "Trigger Warning" sind sich längst nicht immer einig, wo genau Identitätspolitik nun übertrieben ist - und wo zwingend notwendig. Einig sind sie sich aber darin, dass man sich in jedem Einzelfall diese Frage stellen muss. Ein großer Gewinn ist in diesem Sinne auch, dass es die linke Keimzelle der Identitätspolitik selbst ist, die sich hier zu Wort meldet.

Denn in ihrem gründlichen Abwägen von Fürs und Widers ist diese Selbstkritik dann doch erheblich ergiebiger als weite Teile der liberalen und konservativen Beiträge - die nicht selten noch ganz andere Rechnungen mit dem vermeintlichen Gutmenschentum auf dem Zettel haben.



insgesamt 31 Beiträge
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bestrosi 26.05.2019
1. ich sehe kein Problem
Jeder ist für seine Identität selbst verantwortlich, nicht die Gesellschaft. Ständiges Beleidigtsein hilft da nicht weiter.
geri&freki 26.05.2019
2. Parallel-Welten
Wenn man diesen Beitrag, gespickt mit einer Unzahl bislang völlig unbekannter Termini, so liest, kommt man um die Überzeugung nicht umhin, dass es abseits unseres Alltages irgendwo ein Parallel-Universisum geben muss.
archi47 26.05.2019
3. Ich verstehe diese Entwicklung nicht
Oberstes Gebot sollte doch Toleranz und die Akzeptanz des Anderen sein. So wie er ist. Jeder hat eine eigene Agenda von Geburt an. Teils genetisch, teils Elternerziehung, teils Umwelt und die gemeinschaftliche Sozialisation in Freundeskreis, Kindergarten, Schule und Beruf, Kultur und Organisation. Muß man das den Splitter im Auge des Anderen suchen? Ich will gar nicht unterstellen, dass ein Balken im eigenen Auge lauert, obwohl mir manch einseitige Weltsicht so vorkommt. Ist es nicht so, dass die jeweils eigene Identidät sich doch subjektiv unterscheiden muß und dass es für die eigene Entwicklung gut sein kann, wenn es so ist? Kann es das friedenstiftend und sinnstiftend sein, sich in Gruppen zusammen zu schließen, um die eigene "richtige" Sichtweise gegen die "falsche" der Anderen durchzusetzen? Da wächst wieder zunehmend in Teilen eine Generation heran, die sehr selbstbezogen Probleme sieht, die nicht der Rede wert sind. Gemessen an denen, die wir wirklich haben und die auf uns zukommen werden. Manch einer, der um sein Überleben kämpft, wird dann auch noch via (a)soziale Medien damit beglückt und bedrängt. Wenn es denn Privatsache wäre und bliebe, dann wäre es ja gut. Aber es wird zur "Glaubensfrage" hochstilisiert. Wie von früher bis in die Jetztzeit der Glauben, wo sich jede Gruppe ihr eigenes "Herrgottle" gebaut hat, welches natürlich nur in ihr Schächtele paßt und welches natürlich nur das einzig richtige ist. Anscheinend können viele nicht anders. Wer keine anderen Sorgen einsieht, der macht sich diese. Wenn die Religion kognitiv überwunden scheint, dann muß ein Substitut her ...
Milkyslice 26.05.2019
4. Identitätspolitik sorgt für das was sie bekämpfen will
Das Ziel sollte es immer sein das jeder machen und lassen kann was er will solange es im Gesetzlichen Rahmen ist. Zu oft driftet die Identitätpolitik selbst in Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und all die anderen Buzzwörter ab. Ein überaus großer Schutz oder Förderung von Minderheiten kommt meist mit Diskriminierung anderer einher. Es geht soweit das diese Leute Minderheiten als schwächere, leistungsunfähigere Menschen ansehen die selbst keine Stimme erheben können. Gutgemeinter Rassismus . Man kann soweit links driften das man rechts wieder rauskommt. Am besten war der Aufruf von Melissa Milano aufgrund eines Abtreibungsgesetzes keinen Sex mehr mit von männlichen Partnern zu haben - exakt das was Abtreibungsgegner immer gesagt haben (davon ab das es eh nur die betreffen würden die wahrscheinlich Abtreibung befürworten).
marenghi 26.05.2019
5. Fakten und Demokratie statt Ideologie und Agression 1
Anscheinend - ich habe das Buch nicht gelesen, kann mich also täuschen - gehen dessen Autoren aber immer noch von der Prämise aus, eine - übrigens völlig undemokratische und sich der gleichen agressiven Mitteln bedienende Identitätspolitik (IP) wie die patriarchalische autoritäre Politik, die sie eigentlich bekämpfen will - sei prinzipiell sinnvoll, weil sie ja vermeintlich für einige Erfolge gesorgt hat. Warum sie das nicht ist, haben mittlerweile schon genügend Staatsrechtler, Philosophen, Politikwissenschaftler usw ausgeführt. Auch kann bezweifelt werden, dass es speziell eine IP war, anstatt eine demokratische, von Wissenschaft und Konsens getriebene gesellschaftliche Entwicklung, die sich natürlich die Fragen nach Gerechtigkeit stellt und Fortschritte erzeugt - aber halt nicht im framework von IP. Zweiter Punkt, der mit IP als einer Ideologie zusammenhängt: Wie alle Ideologien ist sie nicht evidenzbasiert, sie verlässt den Boden der Tatsachen zugunsten von willkürlich gesetzten ideologischen Axiomen, zB "alle Menschen sind gleich", einer falschen emprischen Aussage, (anstatt "gleichwertig", einer ethisch-moralischen). Das wird an vielen Beispielen deutlich: In der Genderdebatte mit dem Irrtum, alle Geschlechtsunterschiede, auch abseits körperlicher Art, seien AUSSCHLIESSLICH umweltbedingt. Wir haben tonnenweise wissenschaftliche Evidenz aus empirischen Natur- und Sozialwissenschaften (vs größtenteils nicht-empirischen, theoretischen Genderwissenschaften), dass dem nicht so ist. Beispielsweise: Je GRÖSSER die gender equality, desto GRÖSSER die Geschlechtsunterschiede in Persönlichkeitseigenschaften und Berufswahl - das gender equality paradox. https://en.wikipedia[Punkt]org/wiki/Gender-equality_paradox Bei der Forderung nach "Triggerwarnungen" und Viktimisierungswahn, bei dem die bis dato wenige Forschung dazu deutlich zeigt, dass sie kontraproduktiv sind für Nicht-Erkrankte - und Erkrankte ganz andere Hilfe brauchen. Triggerwarnungen sind nämlich Teil eines concept creep https://science.sciencemag[Punkt]org/content/360/6396/1465 - auch das eine in Experimenten belegtes Phänomen - das ohne Reflektion und Achtung gemeinschaftlicher gesetzter Definitionen dazu führt, dass, wenn Rassimus, Sexismus, Gewalt, Viktimisierung objektiv weniger wird, sie automatisch immer weiter ausgedehnt werden. Bis hin dazu, dass Leute violette Punkte als grün (!), neutrale Gesichter als agressiv, http://www.danielgilbert[Punkt]com/LEVARI2018COMPLETE.pdf und Fragen nach der Herkunft IMMER AUSCHLIESSLICH als (wenn es nicht "zugegeben" wird, dann als "verdeckten, unbewussten") Rassismus bezeichnen. Der in uns stecke, weil unser aller Vorfahren, weiße Missionare, auch Leute (PoC) ausfragten. Sowas druckt tatsächlich eine (ehemals?) seriöse Tageszeitung ab www.zeit [Punkt] de/campus/2019-02/herkunft-identitaet-diskriminierung-rassismus-selbstbestimmung
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