Politthriller "Im Namen der Lüge" Gut, dass es nur ein Roman ist

Rechtsextremisten schieben einer wiederauferstandenen RAF Anschläge in die Schuhe, um den Staat zu destabilisieren? Das Szenario von Krimiautor Horst Eckert spielt auf aktuelle Gefährdungslagen an.
Prozess gegen die Gruppe "Revolution Chemnitz": Operationen unter falscher Flagge geplant?

Prozess gegen die Gruppe "Revolution Chemnitz": Operationen unter falscher Flagge geplant?

Foto: Sebastian Kahnert/ picture alliance/dpa

In den Thrillern des Schriftstellers Horst Eckert sind sogar Handyklingeltöne politisch. Der Song "London Calling" von der linken Punkband The Clash ertönt jedes Mal, wenn jemand auf Vincent Che Veihs Mobiltelefon anruft. Der Endvierziger ist Polizist in Düsseldorf, sozialer eingestellt als seine Durchschnittskollegen und darüber hinaus der Sohn einer Terroristin aus der zweiten Generation der RAF. Nicht gerade ideale Voraussetzungen also für eine Karriere im Staatsdienst.

Veih ermittelte bislang in drei von Eckerts Romanen. 2017 spekulierte er in "Wolfsspinne" über eine Beteiligung des Verfassungsschutzes am Tod der NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt, zwei Jahre zuvor nahm er in "Schattenboxer" die nie verstummenden Zweifel daran auf, dass die RAF den Mordanschlag an Treuhand-Chef Detlev Rohwedder tatsächlich begangen hat. Ein Thema, das bereits die Fantasie einiger deutscher Krimiautoren beflügelte: 2018 erschien André Georgis Thriller "Die letzte Terroristin".

Eckert schreibt Politthriller, keine Sachbücher. Das heißt, er mischt Fakt und Fiktion, verlässt bei aller genreüblichen Überspitzung aber selten den Boden der Plausibilität und bleibt nah an der Realität. So nah, dass sie ihn gelegentlich einholt. So wie bei "Im Namen der Lüge", seinem neuen Roman, den er, so sagt er dem SPIEGEL, bereits vor rund zwei Jahren begann, damals unter dem Eindruck der Machtdemonstration der Staatsgewalt beim Hamburger G20-Treffen und den Meldungen über die sogenannten RAF-Rentner, die seit Auflösung der Terrororganisation unerkannt im Untergrund leben.

Ehemaliger V-Mann im Visier

Was wäre, fragt Eckert in "Im Namen der Lüge", wenn es eine Verschwörung gäbe in Deutschland, mit der Absicht, den Staat zu stürzen oder ihn zumindest massiv zu verwunden? Eckert entwirft ein düsteres Szenario von rechten Milizen, die mit "Reichsbürgern", Bundeswehroffizieren und Verfassungsschützern kollaborieren, um ihre finsteren Pläne zu verwirklichen. Sie planen eine Reihe von Anschlägen, die sie linken Extremisten, einer angeblichen vierten Generation der RAF, in die Schuhe schieben wollen. Als Eckert seinen Roman geschrieben hat, gehörte diese Gemengelage noch weitgehend ins Reich der Fantasie, doch, so sagt der Autor, die Nachrichten hätten seine Spekulationen bestätigt. Die Mitglieder der Gruppe "Revolution Chemnitz" etwa, die gerade als mutmaßliche Rechtsterroristen vor Gericht stehen , sollen unter anderem solche sogenannten "False Flag"-Operationen geplant haben. Auch im Zusammenhang mit "Revolution Chemnitz" wirft die Rolle der Geheimdienste wieder Fragen auf: Kann es wirklich sein, dass der sächsische Verfassungsschutz ahnungslos war?

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Eckert, Horst

Im Namen der Lüge: Thriller (Ein Fall für Melia und Vincent-Reihe, Band 1)

Verlag: Heyne Verlag
Seitenzahl: 576
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Preisabfragezeitpunkt

08.02.2023 12.53 Uhr

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Derlei Fragen treiben Eckert um und so passt es, dass ein Leitmotiv in seinem Roman die formelhafte Politikerfrage "Sind wir in Deutschland auf dem linken Auge blind?" ist. Eine Frage, die Melia Khalid, eine Figur, die Eckert seinem Polizisten Veih zum ersten Mal an die Seite stellt, zu Beginn von "Im Namen der Lüge" mit einem eindeutigen Ja beantworten würde. Die Tochter einer Somalierin und eines deutschen Karrierepolitikers leitet beim Verfassungsschutz das Referat Linksextremismus. Sie ist zu fast allem bereit, um die linke Szene zu unterwandern, zumal ein Pamphlet kursiert, das vermuten lässt, dass die RAF rund 20 Jahre nach ihrer Auflösung wiederauferstehen will. Aktuell hat Khalid Jens Nickel im Visier. Der ehemalige V-Mann, der laut Khalids Kollegen unter anderem Wolfgang Grams ans Messer geliefert haben soll - hier war offensichtlich der echte Informant Klaus Steinmetz das Vorbild –, betreibt inzwischen einen kleinen Buchladen. Jetzt soll Nickel reaktiviert werden, um Informationen über die sich angeblich formenden neuen Stadtguerillas zu liefern.

Die Realität hat Eckert eingeholt

Khalid geht sogar noch einen Schritt weiter: Sie sorgt mit dubiosen bis rabiaten Methoden dafür, dass Nickels inzwischen verwanzte Buchhandlung sich zum Treffpunkt von Linken und Autonomen entwickelt. Doch nach einem Anschlag auf die Düsseldorfer Zentrale der AfD kommen Khalid Zweifel, ob hier wirklich linksautonome RAF-Nostalgiker am Werk sind – und sie selbst nicht vielleicht auf der falschen Seite steht. Nach einer klassischen Saulus-zu-Paulus-Wende stellt sich Khalid gemeinsam mit Vincent Veih, der parallel in einem Mordfall an einer früheren RAF-Terroristin ermittelt, gegen eine Verschwörung, die bis in höchste politische Kreise reicht und die Demokratie in Deutschland bedroht.

Mit "Im Namen der Lüge" ist Horst Eckert ein hochbrisanter und raffiniert konstruierter Thriller über die aktuelle Gefährdungslage gelungen. Wohin könnte sich unsere Gesellschaft entwickeln, wenn linke und rechte Gewalt weiterhin reflexartig gleichgesetzt und Letztere somit bagatellisiert wird, fragt Eckert mit seinem Roman implizit. Die Realität hat den Autor auch hier wieder eingeholt. Während der Terroranschlag auf eine Shisha-Bar in Hanau Eckerts düstere Vision auf erschreckende Weise bestätigt, trägt Innenminister Horst Seehofers anschließendes Statement, in dem er vom Rechtsextremismus als "größter Bedrohung in unserem Land" spricht, etwas Beruhigungspotenzial in sich. Dass aber zugleich Stimmen laut werden, die im Einsatz gegen rechts außen ausgerechnet den umstrittenen Verfassungsschutz weiter stärken wollen, stimmt weniger hoffnungsfroh. Zumal, wenn man gerade "Im Namen der Lüge" gelesen hat. Gut, dass es nur ein Roman ist.

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