Impressionen der Buchmesse Freie Liebe unterm Sofa in der langen Nacht der Alternativen

Wenn Verlage wirklich so kreativ und kunstsinnig wären, wie sie meistens behaupten, wäre wohl jede Buchmessenparty so wie die des internationalen Underground-Konsortiums im Frankfurter Hof. Ulrich Wickerts Anwesenheit ließ "Titanic"-Chef Martin Sonneborn indes um die alternative Messe-Kultur fürchten.

Von Daniel-Dylan Böhmer


Partygast Wickert: Mit "Titanic" verscherzt
DDP

Partygast Wickert: Mit "Titanic" verscherzt

Wenn Autoren wirklich so uneitel wären, wie sie meistens behaupten, dann hätten sie gestern alle bei Eichborn sein müssen. Denn fragt man die Deutschen Dichter nach den Messenächten, erklären sie meist, der falsche Glamour der Verlagsbälle sei ihnen zuwider. Sie seien freilich trotzdem fröhliche Menschen, natürlich feierten sie gerne mit Freunden - aber halt lieber nett und normal, ohne Schlips und Sektempfang. Die Party des Eichborn-Verlages zumindest war so etwas wie ein Frankfurter Stadtteilfest: Neben den Verlegern mit der Fliege feierten hier auch die Kollegen vom Fischer Verlag zusammen mit viel lokaler Prominenz. Und wenn es sich bei der Masse der Gäste im Live-Club "Südbahnhof" tatsächlich sämtlich um Verlagsmanager gehandelt hätte, dann um solche, die höchstens ihr Vordiplom absolviert haben. Angenehmerweise benahmen sie sich auch so, weswegen die Stimmung auf der Tanzfläche bei diesem Empfang die fröhlichste der gesamten Messe war. Ansonsten sah man hier nur die wirklich abgebrühte Prominenz, etwa die Autoren Josef Haslinger ("Opernball") und Alban-Nikolai Herbst sowie das Ex-RAF-Mitglied Hans-Joachim Klein.

Wenn Verlage wirklich so kreativ und kunstsinnig wären, wie sie meistens behaupten, dann wäre jede Buchmessenparty so wie die des internationalen Underground-Konsortiums gestern Abend im Frankfurter Hof: Die wahrscheinlich beste Buchmessennacht der letzten Jahre war ein Joint Venture der Verlage Canongate, Grove Press, Vasallucci, Avalon und Kiepenheuer & Witsch. In anderen Konstellationen haben die Partner schon in der Vergangenheit erfolgreiche Projekte derselben Sparte durchgeführt. Die Gemeinschaftsaktion dieses Jahres wurde von dem bereits bewährten Canongate-Verleger Jamie Bing geleitet, der Funk und Independent Rock der sechziger Jahre auflegte. Eine Mischung, die nicht nur anwesende Zeitzeugen der Warhol-Factory überzeugte, sondern vor allem ein junges Team von High-Potentials französischer, deutscher, englischer, italienischer und amerikanischer Literaturverlage.

Während die schönsten Frauen der Messe tanzten, lag Ex-Kulturminister Michael Naumann die meiste Zeit in einen Sessel hingebreitet und schien sich selig von irgendetwas zu erholen. Joachim Unseld und dtv-Chef Wolfgang Balk waren auch gegen 3 Uhr noch fit, und es ging das Gerücht, Alexander Kluge habe die Mitte der Tanzfläche erobert. Ulrich Wickert dagegen blieb am Rande der Party und hielt sich in der Bar auf. "Titanic"-Chefredakteur Martin Sonneborn ließ sich von der Bullenstimmung nicht zu übertriebenem Optimismus verleiten. Angesichts Wickert und Konsorten fürchtet er um die alternative Messe-Kultur: "Wenn Typen wie Wickert jetzt auch versuchen, auf unseren Partys aufzutauchen, dann brauchen wir doch noch Security-Leute." Wickert hatte sich die Sympathien des Hauses "Titanic" endgültig verspielt, als die "Tagesthemen"-Redaktion kürzlich ihr Freiabonnement des führenden Satire-Magazins kündigte. Hintergrund war angeblich ein Telefonat zwischen Wickert und Sonneborn, das der "Tagesthemen"-Anchorman fälschlich in dem Sinne interpretiert hatte, er habe den mit 125.000 Euro dotierten Breitbach-Preis gewonnen.

Dass jedoch Liebe und Harmonie durch die Macht der Musik auch gerade dort gedeihen, wo der Boden am unfruchtbarsten scheint, zeigte sich zuletzt hinter einem der Damast-Canapés in der "Author's Bar": Als jemand auf den Teppich kroch, um eine originale Taschenbuch-Ausgabe von "The Naked Lunch" bei Grove Press von 1969 wiederzufinden, entdeckte man im Scharlachlicht des frühen Morgens Ulla Rowohlt und Sex-Papst Günter Amendt in innigsten Verschlingungen jugendsüßer Wollust. Die Affäre war Insidern seit längerem bekannt, aus Sorge um rechtliche Konsequenzen jedoch bislang verheimlicht worden.



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