Imre Kertész in seinen eigenen Worten "Ich wollte meine Leser verletzen"

Er überlebte Auschwitz und fand nie mehr ins Leben zurück: Diese Woche ist Imre Kertész gestorben. Der Literatur-Nobelpreisträger hinterlässt Sätze von verstörender Klarheit. Sehen Sie hier.

Imre Kertész
Corbis

Imre Kertész


Imre Kertész war ein Holocaust-Überlebender. Im Sommer 1944 wurde er 14-jährig festgenommen und nach Auschwitz gebracht, später kam er nach Buchenwald. Bei seiner Gefangennahme habe er auf dem Hof einer Budapester Polizeikaserne eine halbe Stunde in den Lauf eines Maschinengewehrs geblickt, erzählte er hinterher.

Doch auch wenn er die Vernichtungslager überlebt hatte - etwas von ihm war dort zurückgeblieben. Folgt man den Gedanken des nun im Alter von 86 Jahren verstorbenen Nobelpreisträgers, scheint er die Fähigkeit zu einem lebenswerten Leben nach dem KZ verloren zu haben.

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Brutale Sätze: "Vom Glück der Konzentrationslager"
Kertész war ein der Welt, wie wir sie schön und wertvoll finden, Abgewandter. Er las Camus "Der Fremde" und fand in dem Buch "die Glückseligkeit, die aus dem Leid entsteht". Die Zeit zwischen 1982 und 1989 bezeichnet er 2013 in einem Interview mit Iris Radisch als seine einzigen glücklichen Jahre. Damals sei er immer verzweifelt gewesen, habe nie genug Geld gehabt - und hatte praktisch keine Leser. Doch er hatte bereits mit seinem 1975 erschienenen "Roman eines Schicksallosen" eine Sprache gefunden, um nach der Erfahrung des Holocaust, zu tasten und Schreckliches zu entdecken. In dem Buch ließ er seinen 14-jährigen Protagonisten mit naiver Bewunderung die kalte Funktionalität der Lager bestaunen. Am Ende schreibt er vom "Glück der Konzentrationslager". Ein Ungeheuer von einem Gedanken.

"Es ist fertig, ich bin noch da"

Ein Jahr, bevor er 2002 den Nobelpreis verliehen bekam, sagte er, er schreibe zwar über Auschwitz, "aber man hat mich nicht dazu nach Auschwitz gebracht, damit ich den Nobelpreis bekomme, sondern damit ich umgebracht werde." Als hätte die Möglichkeit eines richtigen Lebens mit seiner Befreiung geendet.

In "Letzte Einkehr", seinen Tagebüchern zwischen 2001 und 2009, sah er sich selbst als "Holocaust-Clown", nannte sich einen Darsteller seiner selbst. Im Interview mit Radisch sieht Kertész das Gedenken an die Massenvernichtung selbst zu einer Industrie verkommen und sich selbst zu einer Marke, "der Marke Kertész". Als Radisch ihn fragt, ob es nicht immer noch Augenblicke gebe, für die sich das Leben lohne, antwortet er: "Ich glaube, ich habe alle meine Augenblicke schon erlebt. Es ist fertig und ich bin noch da."

Nun ist er fort. Was bleibt sind seine einzigartig scharfen Sätze, seine Zitate, die Gedanken, die nur er hat denken können.

bma

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
DHH 02.04.2016
1. Ruhe in Frieden
Ein großer Autor und Mensch ist von uns gegangen; möge er in Frieden ruhen. Die vom "Spiegel" wiedergegebenen Zitate zählen nicht einmal zu seinen schärfsten. Viele sind in der derzeitigen Diskussionslage - und gerade bei Medien wie dem "Spiegel" - absolut tabu. Vera Lengsfeld zitiert in ihrer Würdigung des Verstorbenen auf ihrem Blog ein paar Beispiele aus Kertesz' Buch "Letzte Einkehr". Vertreter solcher Meinungen gelten in der heutigen verengten Diskussionskultur leider grundsätzlich als Pariahs.
lagoya 02.04.2016
2. Ich kenne da auch 2 Zitate
In seinem Buch , "Letzte Einkehr", das im Englischen passender "The Last Refuge", letzte Zuflucht heißt bringt der Holocaust-Überlebende und Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész auf den Punkt, was Europa 2015 heimsucht: "Europa wird bald wegen seines bisherigen Liberalismus untergehen, der sich als kindlich und selbstmörderisch erwiesen hat. Europa hat Hitler hervorgebracht; und nach Hitler steht hier ein Kontinent ohne Argumente: die Türen weit offen für den Islam; er wagt es nicht länger über Rasse und Religion zu reden, während der Islam gleichzeitig einzig die Sprache des Hasses gegen alle ausländischen Rassen und Religionen kennt." Kertész fährt fort: "Ich würde darüber reden, wie Muslime Europa überfluten, besetzen und unmissverständlich vernichten; darüber, wie Europa sich damit identifiziert, über den selbstmörderischen Liberalismus und die dumme Demokratie.. Es endet immer auf dieselbe Weise: Die Zivilisation erreicht eine Reifestufe, auf der sie nicht nur unfähig ist sich zu verteidigen, sondern auf der sie in scheinbar unverständlicher Weise seinen eigenen Feind anbetet." Jetzt bin ich aber auf die Zensur gespannt, es laufen Wetten mit mehreren Arbeitskollegen, dass meine Zitate nicht erscheinen...
karl_maria_renz 02.04.2016
3. Klare Worte
Nicht all seine Worte passen in die aktuelle Sprachregelung, wie diese: "Europa wird bald wegen seines bisherigen Liberalismus untergehen, der sich als kindlich und selbstmörderisch erwiesen hat. Europa hat Hitler hervorgebracht; und nach Hitler steht hier ein Kontinent ohne Argumente: die Türen weit offen für den Islam; er wagt es nicht länger über Rasse und Religion zu reden, während der Islam gleichzeitig einzig die Sprache des Hasses gegen alle ausländischen Rassen und Religionen kennt."
milpark 02.04.2016
4. Notwendige Ergänzungen
Es scheint nicht überflüssig, die hier vom Spiegel aufgeführten Zitate von Imre Kertesz durch einige weitere "Sätze von verstörender Klarheit" zu ergänzen, die aus einer aktuellen Besprechung [1] seines Buches "Letzte Einkehr" stammen, und damit das Bild des kürzlich verstorbenen ungarischen Literaturnobelpreisträgers zu vervollständigen. "Europa wird bald wegen seines bisherigen Liberalismus untergehen, der sich als kindlich und selbstmörderisch erwiesen hat. Europa hat Hitler hervorgebracht; und nach Hitler steht hier ein Kontinent ohne Argumente: die Türen weit offen für den Islam; er wagt es nicht länger über Rasse und Religion zu reden, während der Islam gleichzeitig einzig die Sprache des Hasses gegen alle ausländischen Rassen und Religionen kennt." Kertesz weiter "Ich würde darüber reden, wie Muslime Europa überfluten, besetzen und unmissverständlich vernichten; darüber, wie Europa sich damit identifiziert, über den selbstmörderischen Liberalismus und die dumme Demokratie. Es endet immer auf dieselbe Weise: Die Zivilisation erreicht eine Reifestufe, auf der sie nicht nur unfähig ist sich zu verteidigen, sondern auf der sie in scheinbar unverständlicher Weise seinen eigenen Feind anbetet." Kertesz habe immer "die mit knirschender Rührseligkeit verschleierte Lüge gestört, die Auschwitz umwitterte. Jetzt, da Europa sich offen zur Zerstörung Israels bekennt, zur Ausrottung der Juden, also eigentlich zu Auschwitz, hat sich die Luft gewissermaßen gereinigt." "Der Terror schüchtert Europa ein, und Europa kapituliert vor dem Terror wie eine billige Nutte vor ihrem prügelnden Zuhälter. So geht es, wenn Überheblichkeit und Feigheit die beherrschenden Charakterzüge sind." [1] http://vera-lengsfeld.de/2016/04/01/zum-tode-von-imre-kertes-europa-wird-untergehen/
einszweidreivierfünf 02.04.2016
5. Rip
Imre Kertesz hat mit die eindrucksvollste Literatur hinterlassen, die man sich vorstellen mag. Als ich "Roman eines Schicksalslosen" vor wenigen Jahren las, hat mich das verwundert und erstaunt; das Glück im Angesicht der Vernichtungslager, sowas hat es m.E. nie in der Form als formulierte Idee gegeben. Seine Essays sind großartig, die Romane stets verdichtet und keine ewiglangen Sprachergüsse, sondern knapp und präzise, zugleich sonderbar und aus einer anderen Welt. Bis bald.
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