Familiengeschichte aus Indien Die Buddenbrooks von Kalkutta

Der Nachkomme einer Papierfabrikanten-Dynastie als Gerechtigkeitsguerillero - und der Rest der Familie macht auch Sorgen: Neel Mukherjees Roman "In anderen Herzen" entfaltet seine Faszination sukzessive.

Studentenproteste in Kalkutta, 1969
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Studentenproteste in Kalkutta, 1969

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"Das Geräusch, das aus Supratik dringt, ist nicht zu beschreiben". Die Sprache zerfällt, in diesem Satz. Mitten in den präzisesten Folterszenen, die man seit langem gelesen hat. "Die abgeschälte Haut, ein dünner schmaler nasser roter Lappen, hängt noch [...] fest."

Supratik, der Gefolterte, Hauptfigur in Neel Mukherjees "In anderen Herzen", ist nur noch Sein, kein Denken mehr. "Tränen, Rotz, Speichel, alles läuft ihm über Gesicht und Kinn hinunter, die Zeit für Würde oder die Wahrung einer abweisenden Fassade ist längst vorbei."

Im Original heißt der Roman "The Lives of Others" - was den Kern präziser trifft, auf Deutsch aber schon anderweitig besetzt ist (Hiermit: "Das Leben der Anderen" ). Daher noch mal ganz deutlich: Dass der deutsche Titel "In anderen Herzen" nach Schmonzette mit Techtelmechtel-Facetten klingt, ist gelinde gesagt irreführend.

Denn Mukerhjee, der mit dieser überbordenden Geschichte 2014 zurecht auf der Shortlist des prestigeträchtigen Booker-Preises stand, erzählt uns die Leben anderer - und trickst jeden beim Lesen in einen Zustand der Empathie, wie man ihn selten hat bei einem Buch: Diese "anderen", das ist man selbst.

Autor Neel Mukherjee
Nick Tucker

Autor Neel Mukherjee

Und Supratik Gosh, geboren 1946, ein Jahr vor der Unabhängigkeit Indiens, vorne im Buch am äußersten Winkel des verzweigten Familienstammbaums eingezeichnet, Sohn von Adinath und Sandhya, Enkel von Papierfabrikgründer Prafullanath und dessen Frau, der alles überwachenden Mater Familias Charubala, Neffe von vier Geschwistern, die alle zusammen mit Frauen, Kindern, Köchen und anderen Bediensteten in einem verwinkelten, mehrstöckigen Haus in Kalkutta leben, mit einer imposanten Dachterrasse, von der aus man die wesentlichen Dinge ringsum bis zu den Nachbarn beobachten kann, dieser Supratik also hat sich den Leben jener "anderen" verschrieben. "Ma, ich bin erschöpft vom Konsumieren, vom Nehmen, Raffen und Verbrauchen", schreibt er, dann haut er ab.

Es ist Ende der Sechziger, die Zeit großer Hungersnot, Bomben, Studentenrevolten. Supratik also zieht sich raus aus dem Lauf der Dinge seiner wohlhabenden Familie, um das ganze schiefe soziale Gefüge seines Landes wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Er kämpft gegen die Ausbeutung, mit den linksextremen Naxaliten, einer Guerilla-Bewegung, die von Landarbeitern ausging. Und er nimmt am Ende einen Weg, bei dem jeder Schritt überrascht - auch ihn selbst.

Die Faszination entfaltet sich Kapitel für Kapitel

Wer 640-Seiten-Brocken nur liest, wenn der Sog der Story einen bis zum Morgengrauen nicht loslässt, der ist hier falsch. Denn bei dieser Geschichte entfaltet sich die Faszination Kapitel für Kapitel. Das Gesamtbild entsteht sukzessive, als würde man langsam aus einem Pointillismus-Gemälde rauszoomen: Jeder Abschnitt zeigt einzelne Eindrücke aus der Gegenwart der Sechziger und der Kindheit der Elterngeneration, kleine Schlaglichter auf die Figuren dieses fast Krieg-und-Frieden-verdächtigen Familiennetzes, ein Kammerstück in einem Haus.

Der eine Sohn ein Alkoholiker, der nur heimlich trinkt, der andere Thronfolger in der Papierfabrik, aber lieber Architekt geworden wäre, die Tochter, die als einzige in die englische Schule geschickt wird, und keinen hat, der diese fremde Welt versteht, und irgendwer hört Grateful Dead.

Dazwischen geschoben: Die Protokolle von Supratik selbst, wie er von seiner Zeit mit den anderen Gerechtigkeitsguerilleros im Untergrund auf dem Land erzählt, mit Maos "Rotem Buch" im Gepäck, jahrelang sät, erntet, pflügt, hungert und lebt mit den Ärmsten. Das Gestern in der Gegenwart, erzählt als zwei Geschichten, ineinander verflochten (ähnlich ist übrigens auch Mukherjees Debüt "A Life Apart" gebaut).

Der Lauf der Dinge: Das sind Mond, Regenzeit, und die Kluft zwischen Reich und Arm, Satt und Hungrig. "Ich wollte mich außerhalb der Welt hinstellen und einen gigantischen Holzprügel schwingen und damit den Planeten zu winzigen Krümeln zerschlagen", schreibt Supratik. "Ich wollte die Luft zerbrechen, den Wind zerreißen, das Wasser zerschmettern."

Aber das mit der archimedischen Perspektive klappt nicht: Die betörende Dynamik des Buchs entsteht, als Supratik heimkehrt - seine Familie, zuvor vereinzelt wie Atome, gerät in einen entropischen Strudel.

Der Schmerz wird spürbar

Er habe mit seinem Roman versucht, in Dialog mit Thomas Manns "Buddenbrooks" zu treten, erklärte Neel Mukherjee in einem Interview etwas breitbeinig. Und dass der Aufkleber "Epischer Familienroman" nerve, so rede man nur über Storys vom "Subkontinent". Ok, die Goshs sind die indische Version einer gutbürgerlichen Fabrikantenfamilie, die abgekoppelt scheint vom Jetzt - allerdings ohne jenen krebsgeschwürigen Zerfall, den Mann so subtil inszeniert.

Zugleich muss man Mukherjee entgegenhalten, dass das Genre "Generationenüberspannende Geschichte, die zugleich Historie und Gesellschaft des Landes miterzählt", in Indien nicht gerade unbekannt ist. Dafür braucht man den westlichen Kanon wirklich nicht. Aus dem Kopf fallen da sofort vier große Werke ein: "Eine gute Partie" von Vikram Seth, "Der Gott der kleinen Dinge" von Arundhati Roy, "Das Gleichgewicht der Welt" von Rohinton Mistry und, natürlich, "Mitternachtskinder" von Salman Rushdie.

Dies nun ist ein Roman, der uns zugewandter machen kann. Supratik zu folgen, wie er sich bemüht, zweifelt, sich schämt, scheitert, ist augenöffnend. Er versucht zu begreifen, was das heißt: der absolut Andere zu sein. Er jagt der "Idee hinter den Dingen" nach, dem Sinn hinter dem "Käfiggitter der Wörter", bis alles im Schmerz zerfällt. Fatalistisch bis zur letzten Buchseite.

Mukherjee wirft den Leser in eben jene Position: Er setzt uns dem Sein dieser anderen aus. "Wer Schmerz empfindet, hat Gewissheit", schrieb die Literaturwissenschaftlerin Elaine Scarry einmal, "von Schmerz zu hören, ist mit Zweifel verbunden." Doch hier wirkt alles so direkt, als spürte man es selbst. Das muss man aushalten.

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spon-facebook-10000110190 25.04.2016
1. ist es so schwer??
Die Vorstellung des Buch mag ein guter Wille dahinter stecken, aber mehrfach im Text den Namen des Protagonisten falsch zu schreiben?? Wir werden GHOSH geschrieben, nicht Gosh.... Kopfschüttelnd... Indronil Ghosh
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