Intellektueller und Politiker Soziologe Ralf Dahrendorf gestorben

Der deutsch-britische Denker und Politiker Lord Ralf Dahrendorf ist tot. Er war ein bedeutender Gesellschaftswissenschaftler der Gegenwart - jetzt starb er im Alter von 80 Jahren an einer schweren Krankheit.


Freiburg - Er galt als ein Vordenker der Liberalen in ganz Europa und als unabhängiger Geist - aus der FDP trat er aus. Am Mittwochabend nun ist der deutsch-britische Soziologe und Politiker Lord Ralf Dahrendorf im Alter von 80 Jahren gestorben. Er erlag in Köln, seinem letzten Wohnort, einer schweren Krankheit. Das teilte am Donnerstag seine Sprecherin Birgit Hahn der Deutschen Presse-Agentur dpa mit. Nach Angaben der "Badischen Zeitung", für die Dahrendorf als Berater gearbeitet hatte, wird die Beerdigung voraussichtlich in London statt finden.

Dahrendorf galt als einer der wichtigsten Vertreter einer liberalen Gesellschafts- und Staatstheorie und hat die Entwicklung der deutschen Nachkriegssoziologie maßgeblich geprägt. Er wirkte in zahlreichen wissenschaftlichen und politischen Ämtern.

Seinen 80. Geburtstag Anfang Mai hatte Dahrendorf, von Krankheit schon gezeichnet, inmitten befreundeter Akademiker in Oxford verbracht. Mit Denkern wie Jürgen Habermas, Fritz Stern, Anthony Giddens, Timothy Garton Ash und anderen habe er dort über das Thema Freiheit diskutiert, so die "Badische Zeitung".

Er war Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Mitglied des Deutschen Bundestages von 1969 bis 1970 für die FDP, parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Mitglied der Europäischen Kommission, Direktor der London School of Economics and Political Science sowie Mitglied des House of Lords.

Dahrendorf wurde am 1. Mai 1929 in Hamburg geboren. Sein Vater war SPD-Politiker Gustav Dahrendorf. Ab 1947 studierte er Philosophie und klassische Philologie. Mit dem Thema "Der Begriff des Gerechten im Denken von Karl Marx" wurde er dort 1952 zum Dr. phil. promoviert. Bis 1954 dann weilte Dahrendorf zu Studien an der London School of Economics, wo der bedeutende Philosoph Karl Popper sein Lehrer war. Ein Aufenthalt Dahrendorfs am berühmten Frankfurter Institut für Sozialforschung von Max Horkheimer endete im gleichen Jahr abrupt.

Als Professor ging Dahrendorf zurück nach Hamburg. 1958 erschien sein Longseller "Homo Sociologicus." Nach einem Aufenthalt in Tübingen wechselte Dahrendorf 1966 an die neu gegründete Universität Konstanz und im darauf folgenden Jahr zog er für die FDP in den Landtag von Baden-Württemberg ein. Legendär ist seine Diskussion mit Rudi Dutschke am Rande des Freiburger FDP-Bundesparteitags. Sie fand auf einem Autodach statt.

1969 holte der damalige Außenminister Walter Scheel Dahrendorf als Staatsminister ins Auswärtige Amt. 1970 wechselte Dahrendorf zur Europäischen Kommission nach Brüssel. Dort schied er 1974 aus, um Rektor an der London School of Economics zu werden. 1982 erhielt Dahrendorf den Titel Sir, 1993 wurde er zum Lord ernannt.

Im Jahr 2002 erschienen Dahrendorfs Jugenderinnerungen "Über Grenzen", nach Worten des Historikers Paul Nolte ein "ungemein lesenswertes Buch".

Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle würdigte Dahrendorf anlässlich seines Todes nun als "liberalen Weltbürger und einen der ganz großen Intellektuellen Europas".

Dahrendorf hatte die Partei 1987 verlassen weil er, wie DER SPIEGEL damals meldete, der Partei "Perspektivlosigkeit" vorwarf. Die Liberalen erschöpften sich in Ämter-Schacher und seien unfähig, die Zukunft zu gestalten. Seine offizielle Begründung allerdings lautete: Nach seiner Übersiedlung nach Großbritannien habe die Mitgliedschaft im FDP-Ortsverein Konstanz keinen Sinn mehr.

sha/dpa/ddp



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