Interaktive Comics Als die Bilder laufen lernten

Blättern war gestern: Comics sind längst nicht mehr nur auf Papier konsumierbar. Interaktive Strips wie "Killer" oder "Hotel" demonstrieren im Internet, wie die Zukunft des Sprechblasen-Mediums aussehen könnte.
Von Frank Magdans

Comics, das sind gezeichnete Geschichten, die in einem fortlaufenden Fluss aneinandergereihter Bilder gelesen werden. Von Panel zu Panel entwickelt sich die Handlung, bis man umblättern muss. Umblättern? Klar, denn Comics sind, bis auf wenige Ausnahmen, reine Papiermedien. Doch wie in vielen Bereichen der Unterhaltungsindustrie eröffnet auch hier das Internet ungeahnte Wege der Fortentwicklung. Besonders aktiv sind die niederländischen Webdesigner vom SubmarineChannel.

"Wir wollen neue, interaktive Cross-Media-Formate kreieren, die die Möglichkeiten des Internets ausschöpfen. Zugleich können dabei auch Ideen anderer Formate wie Film und TV oder mobile Lösungen einfließen", sagt Remco Vlaanderen, Redakteur beim Internetportal SubmarineChannel, und definiert so das Ziel des Unternehmens mit Sitz in Amsterdam. Der "U-Boot-Kanal" ist ein Forum für Filmemacher und all jene Künstler, die eine hohe Affinität zum Internet haben und mit den Möglichkeiten des Webs experimentieren möchten.

Cinematischer Eindruck

Eine der ersten Serien, die die Niederländer produzierten, war "The Killer". Die anno 2001 animierte Version basierte auf der französischen Graphic Novel "Le Tueur" von Jacomon & Matz und wurde im 14-Tage-Turnus forterzählt. Das Projekt steht noch heute im Netz und ist für die Macher ein Meilenstein in der Unternehmensgeschichte. Bruno Felix und Femke Wolting, die SubmarineChannel gegründet haben, wollten nicht nur deshalb ausgerechnet dieses Werk in neue Form gießen, weil sie Gefallen an dem düsteren Sujet à la Film Noir fanden, sondern weil es sich schon in seiner ursprünglichen Form anbot.

"Die Wahl des Ausschnitts, der Einsatz der Sequenzen und sowohl die Close-Ups als auch die Farben hinterlassen beim Leser einen cinematischen Eindruck", sagt Vlaanderen. Entsprechend hat sich Animator Fons Schiedon so eng wie möglich an das Original gehalten. Das Ergebnis ist ein Hybrid-Produkt, ein wunderbar anzuschauender Zwitter aus Comic und Film mit einem coolen Soundtrack.

Sind derart animierte Comics im Internet die Zukunft für das Medium? "Wir mögen es zwar, mit neuen Formaten zu experimentieren", erklärt Vlaanderen, "aber die Leute werden weiterhin traditionelle Comics lesen, die mit Tinte aufs Papier gebracht wurden. Zusätzlich schauen sie sich eben Animationen im Internet an, gucken Videos auf dem iPod, spielen Games auf dem Handy und so weiter. All diese Technologien stellen neue Entertainment-Formate her, aber sie werden nicht die althergebrachten ersetzen." Unterdessen haben die Experimentierwütigen vom SubmarineChannel längst ihre erste DVD fertig gestellt. Der Querschnitt der bisherigen Produktionen erscheint dieser Tage. Eine Animationsserie ist ebenfalls geplant.

Gängige Kamerafahrten

An anderen Ecken tut sich ebenfalls etwas. Digitale Comics für mobile Plattformen gibt es auch bereits. Der japanische Videospielhersteller Konami beispielsweise hat zwei Titel für Sonys PlayStation Portable veröffentlicht; Mitte Mai erschien "Silent Hill – Experience", Ende September "Metal Gear Solid: Digital Graphic Novel". Beide Umsetzungen basieren auf einem jeweils zuvor erhältlichen Comic. Die Adaptionen sind dem Originalmedium entsprechend genauso ein Zwitter aus digitalisierten Zeichnungen und filmischen Elementen wie es "Killer" ist. Der Stoff vom Papier wird einfach mit gängigen Kameraeffekten wie Fahrt oder Zoom aufgepeppt.

Allerdings würden sich die japanischen Produzenten damit allein nicht zufrieden geben. Also werden typische Situationen aus der "Metal Gear Solid"-Reihe zusätzlich hervorgehoben. In spannenden Momenten setzt das Team um Produzent Noriaki Okamura, der unter einem Dach mit Mastermind Hideo Kojima (Schöpfer von "Metal Gear Solid") arbeitet, unterstützende Klangeffekte ein. Ansonsten würde es aber auch stinklangweilig werden, weil dem Anwender nämlich nichts anderes übrig bliebe, als die Texte in den Sprechblasen zu lesen.

Außerdem ist dem Betrachter möglich während des Abenteuers in manche Bilder hinein oder heraus zu zoomen, um auf diese Weise spezielle Bereiche und Punkte zu untersuchen, die für den Fortgang der Geschichte von Interesse sein können. Die dabei erfassten Bilder werden in einer Bibliothek von Hunderten ähnlicher Aufnahmen abgespeichert, was zum erneuten Spielen anregen soll. Schließlich richtet sich das Ganze an all diejenigen Jugendlichen und Erwachsenen, die auch die Games kennen.

Durch neue Technologien wie Flash werden Comics also zum Leben erweckt. Doch vergleicht man diese Entwicklung mit der Filmhistorie, dann ist es nichts anderes als eine weitere Stufe auf der Treppe zum bewegten Bild. Was früher mit aufwendigen Modellen inszeniert werden musste, kommt heute eben aus dem Computer – ganz so wie die zahlreichen Animationsfilme von DreamWorks und Pixar, die auch in diesem Jahr wieder für Kassenerfolge gesorgt haben.

Doch nicht nur in der Großindustrie Hollywoods sind die Rechenkapazitäten immens gestiegen, sondern auch im Heim-PC. Und wer - wie die 25- bis 37-jährigen Artisten vom SubmarineChannel - kreativ genug und mit der Flash-Technologie vertraut ist, dem dürfte es nicht schwer fallen, ähnlich ausgefallene Werke zu entwerfen. Remco Vlaanderen jedenfalls meint, "Killer" und andere Hybrid-Titel wie "Hotel" würden zwangsläufig dazu führen, dass man sich an der Basis, also bei den Zeichnern und Autoren neue Gedanken über das Medium Comic mache. Er könnte Recht behalten.

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