Interaktive Kinderbücher Alles mal antatschen 

Vorlesen 2.0: Die Stimme kommt aus dem Off, Text ploppt auf dem Bildschirm auf, mit einem Fingertippen lassen sich die Figuren bewegen. Bei interaktiven Bilderbüchern verschwimmt die Grenze zwischen Buch und Spiel. Aber ist auch sinnvoll, was technisch möglich ist?

Ronan Badel/ Peter Hammer Verlag

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Ja, das iPad ist mit seiner Touch-Funktion ideal für Kinder, ebenso wie natürlich alle anderen Tablet-Computer und Smartphones. Dass man mit dem Finger auf dem Bildschirm Dinge bewegen und verändern kann, begreifen auch Kleinstkinder sofort.

Insofern ist es fast zwingend, dass die Verlage Kinderbücher für Tablets adaptieren oder direkt dafür konzipieren. Inzwischen gibt es Enhanced E-Books (Bilderbücher mit Ton und ein bisschen Interaktivität), Apps (mit den um interaktive Elemente angereicherten Buchinhalten und zusätzlichen Spielen wie Puzzles) oder aus Büchern entwickelte Spiele (zum Beispiel "Prinzessin Lillifee - Lernerfolg Vorschule").

Und wie sieht das konkret aus? Gerade hat der Oetinger Verlag den Klassiker "Kleiner Eisbär, wohin fährst du?" von Hans de Beer als iPad-App herausgebracht. In der App gibt es ein Puzzle und Spiele, in denen Eisbär Lars zum Beispiel Fische fangen muss. Das digitalisierte Buch selbst besteht aus den Originalillustrationen, in denen sich aber immer etwas bewegt. Ein sehr angenehmer Sprecher liest den Text vor, den man aus- und einblenden kann. Die Worte, die er gerade liest, leuchten rot auf - für Kleinkinder, an die sich das Buch richtet, ist das allerdings vollkommen sinnfrei.

Auf dem Bildschirm lässt sich mal der kleine Eisbär hin- und herschieben, mal kann man die Hinterbeine des tauchenden Eisbärvaters wackeln lassen. Das ist nett und einfach gemacht, aber welchen Sinn es nun hat, Lars auf seinem Fass hin- und herwackeln zu lassen, erschließt sich nicht wirklich. Manchmal haut das Ganze auch nicht so richtig hin: "Lars taten die Pfoten weh, als er über den heißen Sand lief", liest der Sprecher, und auf dem Bildschirm ist ein Nilpferd zu sehen, das so verlockend auf und ab dümpelt, dass man darauf tippen muss. Woraufhin es mit einem "Grüüürrrr" aus dem Wasser schiebt. Ups. Und dann fragt man sich: Was hat der Sprecher da gerade noch erzählt?

Buchverlage werden zu Spieleentwicklern

Und das ist das Hauptproblem der digitalen Bücher: Alles, was sich bewegt, lenkt ab von der Geschichte. Der Impuls, auf etwas zu tippen, ist stärker als die Faszination des Textes. So zum Beispiel beim Enhanced E-Book "Moritz Moppelpo braucht keine Windel mehr". Auf jedem Bild finden sich gelbe Punkte, die zum Drauftippen animieren. Während der Haupttext die Geschichte des Buches erzählt (wie Moritz Moppelpo lernt, trocken zu werden), ergibt sich aus der Addition aller Antipp-Punkte eine Parallelgeschichte: Der Maulwurf liest gerne auf dem Klo, der Mülleimer mag keine vollen Windeln mehr schlucken. Für 18 Monate alte Kinder, für die das Buch konzipiert wurde, ist das eine echte Herausforderung.

Konsequenterweise bringt Oetinger jetzt den Bestseller "Schlaf gut, kleiner Regenbogenfisch" von Markus Pfister parallel als App und als Spielesammlung "Regenbogenfisch Abenteuerwelt" auf den Markt. Da muss der Regenbogenfisch Muscheln sammeln oder durch ein dunkles Labyrinth schwimmen. Der Coppenrath Verlag hat eine App entwickelt, die 3-D-Effekte in dem neuen Buch "Vorhang auf für Prinzessin Lillifee" zeigt und gemeinsam mit dem Buch verkauft wird. Kinderbuchverlage werden damit auch zu Spieleentwicklern. Jedenfalls, wenn sie es sich leisten können, denn die Produktion der Apps kann mehrere zehntausend Euro kosten. Der Käufer aber zahlt dafür weniger als für ein gedrucktes Buch.

Die E-Books oder Apps zu kaufen, ist allerdings schwieriger, als sie zu benutzen. E-Books gibt es teilweise bei Tigerbooks, was ein von mehreren Verlagen betriebener digitaler Buchladen ist. Andere E-Books werden über den iTunes-Store vertrieben. Und Apps gibt es bei iTunes oder bei Amazon. Allerdings ist vor allem iTunes so zermürbend unübersichtlich, dass man besser ganz genau wissen sollte, was man sucht.

Für Eltern, die ihre Kinder beschäftigen wollen, sind E-Books und Apps praktisch. Für Eltern, die sich der Herausforderung des Vorlesens gerne selbst stellen wollen, sind jetzt zwei sehr schöne, gedruckte Bilderbücher für Drei- bis Vierjährige erschienen: "Der fette Fang" des Franzosen Ronan Badel enthält gar keinen Text. Es bleibt also den Erwachsenen überlassen, die Bildergeschichte vom Fischer zu erzählen, der mit seinem kleinen Hund aufs Meer hinausfährt und von einem riesigen Fisch ins Wasser gezogen wird. Und auch bei dem neuen Comic-Bilderbuch "Die Gripspillen" aus der anarchischen "Mäh von Bäh"-Reihe der Neuseeländer Mark und Rowan Sommerset kommt es auf den Vorleser an: Ob es lustig ist, dass das Schaf dem Truthahn seine Köttel als Gripspillen verkauft, ist eine Frage der Performance.


Buch-/App-Angaben:
Ronan Badel: Der fette Fang. Peter Hammer Verlag, Wuppertal; 24 Seiten; 9,90 Euro.
Mark und Rowan Sommerset. Mäh von Bäh und die Gripspillen. Lappan Verlag, Oldenburg; 32 Seiten; 12,95 Euro.

Hans de Beer: Kleiner Eisbär, wohin fährst du? Digital erhältlich bei iTunes.
Hermien Stellmacher: Moritz Moppelpo braucht keine Windel mehr. Ars Edition, München; 7,99 Euro (Druckversion); Enhanced E-Book.
Markus Pfister: Schlaf gut, kleiner Regenbogenfisch. App-Version. Regenbogenfisch-Abenteuerwelt-App. Beide Oetinger Verlag, Hamburg.

Vorhang auf für Prinzessin Lillifee. Hörbuch mit 3-D-App für Tablet. Coppenrath Verlag, Münster; 14,95 Euro.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Allegorius 12.08.2013
1. Niemals!
Schreckliche Idee! Marketingtechnisch sicher sehr gut, aber aus pädagogischer Sicht furchtbar. Als Kind fand ich es toll, dass sich ein paar Teile des Bilderbuches bewegen ließen. Das geschah durch Papier und Pappe, man konnte anfassen, begreifen. Wissen lässt sich um so viel schöner und leichter vermitteln, wenn man alle Sinneskanäle nutzt.
jula75 12.08.2013
2. optional
So neu ist das gar nicht. Es gibt doch seit Jahren schon das Tip Toi-System. Da wird den Eltern auch das Vorlesen erspart und die Kinder können mit einem interaktiven Stift entscheiden, was sie sich erklären lassen wollen. Hat aus pädagogischer Sicht durchaus Vor- aber eben auch Nachteile. So wird es auch mit der ipad-App sein. (Nur so als Hinweis: Im 18. Jh. wurde das Lesen von Romanen als gesundheits- und entwicklungsschädigend betrachtet ...)
larry_lustig 12.08.2013
3. Moderne Medien halt
Grundsätzlich OK, aber es ist wie bei Spielkonsolen für größere... Eltern müssen sicj klar werden, wieviel ist gut. Bücher passen sehr gut zur Entwicklungsförderung von Kindern.... (wie Puzzle, Bauklötze....) Aber auch solche Apps in wohl gewählten Dosierungen
frank_hh 12.08.2013
4. Sag niemals nie
Zitat von AllegoriusSchreckliche Idee! Marketingtechnisch sicher sehr gut, aber aus pädagogischer Sicht furchtbar. Als Kind fand ich es toll, dass sich ein paar Teile des Bilderbuches bewegen ließen. Das geschah durch Papier und Pappe, man konnte anfassen, begreifen. Wissen lässt sich um so viel schöner und leichter vermitteln, wenn man alle Sinneskanäle nutzt.
Nach dem letzten Satz sind Bücher ohne Ton, Licht, Animationen, usw. ja wohl weniger geeignet? ;) Wie hier schon geschrieben wurde, ist wohl die Dosierung wichtig. Der Fortschritt ist nicht immer nur schlecht und sollte irgendwann den Kindern auch nahegebracht werden.
MikeRad 06.02.2014
5. Ich als Vater finde es gut ...
Hallo, wir würden den SZ Magazin Lesern gerne noch die neue iPad App das bunte Fahrrad ans Herz legen. Kommt zum 13.2 im deutschen App Store und konnte daher im Artilkel leider nicht erwähnt werden.
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