Fotostrecke

Literaturnobelpreis 2009: Herta Müller

Foto: A3534 Hannibal Hanschke/ dpa

Internationale Stimmen zu Herta Müller "Die Feministinnen freuen sich"

Vorbild, Quotenfrau - aber keine der üblichen Verdächtigen. In der europäischen Presse wird die Nobelpreisvergabe an Herta Müller überraschend kontrovers diskutiert. Und die britische "Times" grämt sich mal wieder für Graham Greene.

Hamburg - Er ist die einzige Literaturauszeichnung mit internationalem Anspruch - dementsprechend wird die Vergabe des Literaturnobelpreises an Herta Müller länderübergreifend kommentiert. In Rumänien, dem Geburtsland der Autorin, schreibt die rumänische Tageszeitung "Romania Libera" in ihrer Freitagsausgabe: "Der Nobelpreis für Herta Müller hat eine symbolische Relevanz für uns alle, die wir im kommunistischen System Jahre und Jahrzehnte unseres Leben verloren haben."

Die Tageszeitung "Gandul" sieht in der Preisvergabe auch ein Signal an die Bevölkerung des Landes: "Herta Müller könnte ein Beispiel für die rumänische Gesellschaft sein. Ein Zeichen, dass wir bei der Suche nach der Wahrheit nicht resignieren sollten, auf das Gedächtnis nicht verzichten dürfen und dass von der Klärung der Vergangenheit unsere Gegenwart und Zukunft abhängen."

Kritik am Auswahlverfahren des Nobelpreiskomitees dagegen äußert die britische "Times": "Was haben Elfriede Jelinek, Imre Kertész und Wislawa Szymborska gemein, bitte? Sie haben alle den Literaturnobelpreis erhalten. Was haben Marcel Proust, James Joyce und Graham Greene gemein? Sie nicht."

"Die dritte Frau in sechs Jahren"

Auch die konservative französische Tageszeitung "Le Figaro" hält die Motive der Jury für schwer verständlich: "Es ist eine neue Enttäuschung für anerkannte Autoren wie Philip Roth, Mario Vargas Llosa, Amos Oz und Haruki Murakami. Allein die Feministinnen freuen sich darüber, dass nach der Britin Doris Lessing und der Österreicherin Elfriede Jelinek Herta Müller die dritte ausgezeichnete Frau in den sechs letzten Jahren ist."

Die liberale russische Tageszeitung "Kommersant" meint dagegen: "Es hat immer weniger Sinn, sich darüber zu beschweren, dass der Nobelpreis nun wieder nicht an jenen vergeben wurde, den wir bereits in unserem Herzen auserkoren hatten." Die Entscheidung für Müller, so das Blatt, entspreche der Linie der Stockholmer Akademie: "Die ethisch engagierte Sichtweise, die das Nobelpreiskomitee seit Jahren vertritt, stellt Müller in eine Reihe aller nach dem Prinzip der politischen Korrektheit ausgewählten Schriftsteller."

Auch die Wiener "Presse" ist grundsätzlich skeptisch, billigt Müller aber einen eigenen Rang zu: "Dieses Jahr wird also eine Dichterin aus einer besonders kleinen Nische ausgezeichnet - nichts Neues bei den Entscheidungen der Gelehrten in Schweden, die das tapfer Randständige neuerdings den großen Romanen aus dem Norden und Süden Amerikas vorziehen. Allerdings trifft es stattdessen eine stilistisch völlig eigenständige Autorin, die virtuos in ihrer Trauerarbeit ist."

"Auch Funktionäre des Vertriebenenbundes freuen sich"

Die konservative polnische Tageszeitung "Rzeczpospolita" dagegen verbindet die Auszeichnung für Herta Müller mit der deutsch-polnischen Vertriebenendebatte: "Über den diesjährigen Literaturnobelpreis werden sich nicht nur Antikommunisten und Opfer kommunistischer Verfolgung, nicht nur Feministinnen, sondern auch Funktionäre des Vertriebenenbundes freuen."

Lob für die Entscheidung kommt aus Italien, den Niederlanden und der Schweiz. Die linksliberale römische Tageszeitung "La Repubblica" nennt Herta Müller "eine Reporterin des Lebens in der Angst vor der Diktatur". "Sie war und ist", so "La Repubblica", "nicht bereit zu vergessen, auch jetzt nicht, wo viele andere es vorziehen, den Mantel des Schweigens über die Vergangenheit zu breiten." Die niederländische Zeitung "NRC Handelsbald" schreibt: "Nur wenige Schriftsteller bringen dem Leser das Leben in einer Diktatur so nahe wie sie. Es ist unmöglich, nicht mit ihren Helden zu leiden." Auch die "Neue Zürcher Zeitung" ist zufrieden: "Es ist das Besondere an Herta Müller, dass sie - wie ihr Nobelpreis-Kollege Imre Kertész - die Aufarbeitung des Kommunismus nicht nur als moralische, sondern als eine ästhetische Herausforderung begreift."

Auch die schwedische Presse begrüßt die Preisvergabe. Die liberale schwedische Tageszeitung "Dagens Nyheter" meint: "Herta Müller hat den Nobelpreis absolut verdient. Gut auch, dass sie ihn genau 20 Jahre nach dem Fall der Mauer und gleich nach Erscheinen ihres großartigen neuen Romans 'Atemschaukel' bekommen hat." Das konservative "Svenska Dagbladet" schließlich verortet Müllers Werk in der Weltliteratur: "Ihre Romankunst hat die zwei Eigenschaften, die eine große Autorenschaft ausmachen: eigenwillige Sprache und existentiellen Inhalt. Die blutige Geschichte Europas im 20. Jahrhundert hat viele große schriftstellerische Werke hervorgebracht. Herta Müllers Bücher gehören dazu."

sha/dpa