Interview mit David Sedaris "Sie sehen aus, als ob ich einen Drink brauchen könnte"

Wie kann man seine Eltern und Geschwister in Literatur verwandeln? Solche Fragen kann nur David Sedaris beantworten. Im Interview mit der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" sprach der Schriftsteller über "eine Kindheit unter Verrückten".


David Sedaris: "Wenn etwas nicht an seinem gewohnten Platz ist, fällt meine ganze Welt auseinander"
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David Sedaris: "Wenn etwas nicht an seinem gewohnten Platz ist, fällt meine ganze Welt auseinander"

Frage:

In Ihren Kurzgeschichten geht es meistens um Ihre Kindheit und Jugend, seit Ihrem Bestseller "Nackt" kennen Millionen Leser Ihre fünf Geschwister, Ihre schillernde Mutter, Ihren wortkargen Vater. Wie findet es Ihre Familie, dauernd in Ihren Texten aufzutauchen?

David Sedaris: Eigentlich kommen sie alle ganz gut zurecht damit. Außer meine Schwester Tiffany. Sie rief mich eines Tages an und beklagte sich, daß ich so selten über sie schreibe. Die Leute würden schon denken, ich möge sie nicht, sagte sie. Also habe ich extra eine Geschichte über sie für das neue Buch geschrieben.

Frage: Sie meinen die Geschichte, die davon handelt, daß ihre Füße aussehen wie Pferdehufe, weil sie immer barfuß durch den Dreck läuft? Spricht sie noch mit Ihnen?

Sedaris: Es ist seltsam. Ich habe ihr die Geschichte vorab geschickt, das mache ich immer, und sie war zufrieden. Und jetzt habe ich in einer Zeitschrift ein Interview mit ihr gelesen, in dem sie sagt, mit dem Text hätte ich ihre Intimsphäre verletzt. Ganz verstehe ich es nicht. Mein Bruder Paul ist das Gegenteil. Er ist jedesmal total entzückt, wenn ich über ihn schreibe. Er verdient sogar Geld damit. Er wohnt in Raleigh, North Carolina, wo wir aufgewachsen sind, und dort verkauft er T-Shirts und Barbecue-Saucen und ist stadtbekannt.

Frage: Würden Sie Ihre Familie als besonders humorvoll beschreiben?

Sedaris: Ich bin in meiner Familie auf jeden Fall die langweiligste Person. Meine Schwester Gretchen mal ausgenommen. Natürlich haben wir Kinder früher immer um die Aufmerksamkeit unserer Mutter gebuhlt. Und in ihrem Fall half es, sie zum Lachen zu bringen. Es war so ein gutes Gefühl, wenn man sie zum Lachen brachte, unübertrefflich.

Frage: War es schwierig?

Sedaris: Sie hatte ihre Standards. Sie lachte nicht über nichts. Es hätte nicht gereicht, sich eine Papiertüte auf den Kopf zu setzen. Wenn allerdings Abfall darin gewesen wäre, hätte die Sache schon anders ausgesehen.

Frage: In einem Ihrer Bücher lassen Sie Ihre Mutter den schönen Satz sagen: "Sie sehen aus, als könnte ich einen Drink vertragen." Hat sie das wirklich gesagt?

Sedaris: Ja, das ist von ihr.

Frage: Sie war also ziemlich lustig.

Sedaris: Auf ihre spezielle Weise. Sie pflegte eine Geschichte wieder und wieder zu erzählen, jedesmal änderte sie etwas, schmückte etwas aus, verlegte den Schauplatz, am Schluß war die Geschichte dann aber wirklich sehr lustig.

Frage: Was für ein Verhältnis hatte Ihre Mutter zu Alkohol?

Sedaris: Wie kommen Sie darauf?

Frage: Es gibt ziemlich viele Geschichten, in denen sie etwas trinkt, auch im neuen Buch. Einmal sperrt sie mitten im kältesten Winter alle sechs Kinder aus und genehmigt sich drinnen in aller Seelenruhe einen Drink.

Sedaris: Das stimmt. Aber ich zögere. Sogar heute, wo meine Mutter viele Jahre tot ist, bin ich zurückhaltend damit, Dinge zu schreiben, die sie vermutlich nicht über sich würde lesen wollen. Gegen Ende ihres Lebens war meine Mutter Trinkerin, und nach und nach hat sie den Kampf gegen den Alkohol verloren. Beim Schreiben ist das ein Problem, denn ich will es nicht direkt aussprechen, aber es bleibt eine Leerstelle. Ein aufmerksamer Leser wird bemerken, daß etwas ausgespart wird.

Frage: Wann haben Sie Ihre Familie als Material entdeckt?

Sedaris: Mir fiel irgendwann auf, daß ich am meistens lache, wenn mir ein Familienmitglied eine Geschichte erzählte. Meistens sind es nicht mal besonders spannende Sachen - es ist eher die Art, wie sie es erzählen, der Tonfall. Meine Schwester Lisa zum Beispiel. Die rief neulich an und sagte: "Erinnerst du dich an den masturbierenden Affen, den ich unserem Bruder Paul geschenkt habe? - Er hatte ihn in meinem Kaffeevorrat versteckt, und nun war mein Schwiegervater zu Besuch, und der hat den Affen im Kaffee gefunden, und du kannst dir vorstellen, was dann los war." Und das alles ganz nebenbei. Es ist alles so verwoben - ich kann einen Riesenstreit mit einem Freund haben, halb so wild, aber das kleinste Mißverständnis mit jemandem aus meiner Familie bringt mich um. Eben geht es noch um das letzte Stück Huhn auf dem Teller, und schon diskutiert man, warum Vater dich aufs College geschickt hat und die anderen nicht, die haben dafür aber ein Auto bekommen, ja, aber, und so weiter.

Frage: Sie selbst tauchen in Ihren Kindheitsgeschichten als hoch neurotischer, von Zwängen und Ticks bestimmter Junge auf. Hatten Sie Freunde?

Sedaris: Ich hatte immer Probleme damit, Freunde zu finden, aber ich glaube, das lag vor allem an meiner natürlichen Schüchternheit. Glücklicherweise mußte ich mir darüber aber keine Gedanken machen, ich hatte ja genug Leute zu Hause, mit denen ich Zeit verbringen konnte.

Frage: Sie scheinen zwanghaft ordentlich zu sein. Als kleiner Junge konnten Sie nur einschlafen, wenn Ihr Zimmer perfekt aufgeräumt war.

Sedaris: Ich bin sehr ordentlich. Zum Beispiel Weihnachten. Ich liebe Weihnachtsbäume, aber eigentlich nur die Idee davon. Denn hat man einen im Zimmer, muß man die Stühle beiseite schieben, und das geht nicht. Wenn etwas nicht an seinem gewohnten Platz ist, fällt meine ganze Welt auseinander.

Frage: Sie haben sogar eine Zeitlang mit Putzen Geld verdient.

Sedaris: Ich liebe es, wenn es sauber ist. Unter sauber verstehe ich, daß es nach Putzmitteln riecht, wenn man ein Haus betritt. Nach Wachs, nach Spüli, nach WC-Reiniger.

Frage: Sie schreiben darüber, wie Ihr Vater Sie von zu Hause rausschmiß, als er erfuhr, daß Sie schwul sind. Wie geht er heute damit um?

Sedaris: Ich habe eine Freundin in Chicago, Evelyn, ich kenne sie seit zwanzig Jahren. Wenn ich in Chicago bin, wohne ich bei ihr. Mein Vater sagt: "Die ist ein großartiges Mädchen, du solltest sie heiraten." Er ist sehr freundlich zu Hugh, aber in seinem Hinterkopf hält er an der Idee fest, daß ich mich noch besinnen und normal werden könnte.

Frage: Was sagt denn Ihr Lebensgefährte dazu, daß er in Ihren Geschichten auftaucht?

Sedaris: Er findet das okay. Er nimmt es nur mit der Wahrheit ziemlich genau. Wenn ich ihm etwas zu lesen gebe, sagt er immer: Das war doch ganz anders. Ich kann ihm nicht begreiflich machen, daß es manchmal dramaturgisch notwendig ist, aus vier Leuten zwei zu machen.

Frage: Er fängt also nicht jeden Satz an mit "Schreib das bitte nicht, aber..."?

Sedaris: Nein. Natürlich würde ich nie über unser Sexleben schreiben. Für den "New Yorker" habe ich gerade über unsere Beziehung geschrieben. Und es ist etwas passiert, was auch manchmal passiert, wenn ich über meine Familie schreibe. Es bleibt ein Gefühl von Traurigkeit. Ich möchte mit niemand anderem zusammensein, und er möchte, glaube ich, auch nicht mit jemand anderem zusammensein, aber wenn man sich lange kennt, dann kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man zum anderen einfach nur sagen möchte: Es tut mir leid. Es tut mir leid, daß ich nicht mehr jung sein kann, und es tut mir leid, daß ich nicht mehr aufregend sein kann. Das geht wahrscheinlich jedem so irgendwann.

Frage: Wollten Sie je Kinder haben?

Sedaris: Also, diesen Sommer, als wir uns um die Hasen gekümmert haben, bin ich jeden Tag mit dem Rad zu dem Tiergeschäft in der Stadt gefahren, und ich kam immer mit diesen Leckereien für Hasen zurück: alles deutsche Produkte. Die Deutschen machen so viele kleine Leckereien für Hasen, unglaublich! Und Hugh schimpfte, ich solle ihnen keine Süßigkeiten geben, das sei ganz schlecht für sie. Ich meine, wenn wir uns noch nicht mal einigen können, wie man Hasen großzieht, dann ist es ausgeschlossen, daß wir uns bei Kindern einigen könnten.

Frage: Sie beide leben seit sechs Jahren in Paris. Warum?

Sedaris: Wir haben die Sommer immer in Hughs Haus in der Normandie verbracht, und irgendwann beschloß ich, Französisch zu lernen. Also zogen wir nach Paris. Eigentlich sollte es nur für ein Jahr sein, aber wir sind geblieben. Schreiben kann man ja überall.

Frage: In Ihrem letzten Buch, "Ich ein Tag sprechen hübsch", ging es unter anderem um Ihre Schwierigkeiten mit der französischen Sprache. Wie geht es Ihnen heute damit?

Sedaris: Es geht ganz gut, aber in Paris kenne ich kaum Leute und komme kaum aus dem Haus. In der Normandie unterhalte ich mich viel mit den Nachbarn. Es ist ein kleines Dorf, da kommt man zwangsläufig ins Gespräch. Ich habe neulich eine Geschichte angefangen, in der es um die Hasen ging. Aber dann dachte ich daran, wie es wäre, wenn diese Geschichte ins Französische übersetzt würde und meine Nachbarn sie läsen. Und dann habe ich sie weggeschmissen.

Frage: Warum?

Sedaris: Da gibt es zum Beispiel einen Mann, er wohnt eine Straße weiter, und er ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, er saß sechs Jahre wegen Kindesmißbrauchs. Er ist nett. Und ich dachte plötzlich: Wie würde er sich fühlen, wenn er in meiner Geschichte immer nur als "der Kindesmißbraucher" vorkäme?

Frage: Was ist denn das nun für eine Geschichte mit den Hasen?

Sedaris: Also. Eine Bekannte von uns in der Normandie bat uns, auf ihre Hasen aufzupassen, während sie in den Ferien war. Zuerst waren es vier. Eine Woche später waren es sieben. Und ich habe mich in diese Hasen verliebt. Mein ganzes Leben drehte sich nur noch um sie, ich kaufte ihnen Spielzeug und Leckereien, ich sah ihnen zu, wie sie durch die Zimmer hoppelten. Wir haben die Hasen zurückgegeben, und nun hat diese Frau beschlossen, die Mutter zu behalten und die Kinder ihren Nachbarn zu geben - die sie essen werden! Es sind Franzosen!

Frage: Sie würden also keine Hasen essen?

Sedaris: Ich liebe Hasenbraten - aber jetzt kann ich natürlich nie wieder einen essen. Mich hat diese ganze Sache eine wertvolle Lektion gelehrt: Ich werde mich hüten, jemals nähere Bekanntschaft mit einem Huhn, einer Kuh oder einer Gans zu schließen. Ich sitze gerade an dieser Geschichte, und jetzt habe ich den Fokus geändert: Um überhaupt noch Fleisch essen zu können, rede ich mir in der Geschichte selber ein, daß Tiere böse sind. Und das stimmt ja auch, Schweine zum Beispiel sind böse. Nur für kleine Lämmer muß ich mir noch etwas einfallen lassen.

Interview Johanna Adorján

David Sedaris "Nachtprogramm". Verlag Heyne. 270 Seiten. 20 Euro.



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