Interview mit Jeffrey Eugenides "Es war ein merkwürdiger Patriotismus"

Der Pulitzer-Preisträger Jeffrey Eugenides sprach mit SPIEGEL ONLINE über seinen Roman "Middlesex", seine Wahlheimat Berlin und die deutsch-amerikanischen Differenzen während des Irak-Krieges.

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Eugenides, leben Sie gerne in Berlin?

Jeffrey Eugenides: Ja, sehr gerne. Berlin ist ein wunderbarer Ort, um zu arbeiten. Als meine Frau und ich hierher kamen, wollten wir eigentlich nur ein Jahr bleiben, daraus sind jetzt vier Jahre geworden. Wir wollen immer mal wieder wegziehen, aber dann kommt der Sommer, und bleiben wir doch noch hier. Jetzt gerade denken wir wieder darüber nach wegzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Stadt Berlin für Ihr Buch?

Eugenides: Normalerweise bringe ich meine unmittelbare Umgebung nicht in meine Bücher ein. Aber irgendwann habe ich mir überlegt, wie die Geschichte enden könnte. Zunächst dachte ich an Detroit oder San Francisco, aber es war klar, dass diese Orte nicht funktionieren würden. Berlin schien mir plötzlich ideal. Denn es geht in meinem Roman ja häufig um Trennungen etwa zwischen Türken und Griechen in Kleinasien oder Weißen und Schwarzen in Detroit. Und mein Buch erzählt von einem Menschen, der in einen männlichen und einen weiblichen Part geteilt ist. Ich dachte, es wäre gut, Cal in einer solchen Stadt leben zu lassen, die geteilt war und jetzt wieder vereinigt ist. Denn auch Cal findet ja am Ende zu sich und wird zu einer kompletten Person. Berlin, die Stadt ohne Mauer, schien für mich der symbolisch richtige Ort zu sein, wo einer wie Cal seinen Platz findet.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie als Amerikaner in Berlin während des Irak-Krieges den Eindruck, Ihr Land verteidigen zu müssen?

Eugenides: Es war ein merkwürdige Sache, während dieser Zeit nicht im eigenen Land zu leben. Als ich mit meinen Freunden in New York sprach, war es sehr leicht für mich, darüber zu klagen, was da passierte und über die Regierung herzuziehen. Aber immer, wenn ich mit einem Deutschen diskutiert habe, war meine erste Reaktion, mein Land zu verteidigen. So, wie ich es nie gegenüber meinen Freunden in Amerika verteidigt hätte. Es war ein etwas merkwürdiger Patriotismus. Ich habe außerdem gespürt, dass auf beiden Seiten des Atlantiks zwei unvollständige Seiten der Wahrheit existieren. Ich fühle mich selbst zwischen diesen beiden Seiten. Die meisten Argumente fand ich viel zu einfach. Aber es war wirklich eine schwierige Zeit für mich, hier zu leben und mit so vielen Deutschen über den Krieg zu reden.

SPIEGEL ONLINE: Konnte Sie denn die deutsche Haltung trotz allem verstehen?

Eugenides: Ja, denn ein Grund, weshalb ich Romanautor geworden bin, ist der, dass ich häufig die beiden Seiten einer Medaille sehe. Es ist eine persönliche Labilität, die ich professionell nutze. Aber auch alle meine Freunde in New York sind nahe an der deutschen Position, obwohl sie sehr viel Angst vor terroristischen Anschlägen haben. Sie leben in dem Bewusstsein, durch einen Terroranschlag getötet werden zu können. Wenn man wie ich am 11. September in New York war, kann man das viel besser verstehen als die Menschen hier in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie über die zunehmend antiamerikanische Haltung, die sich in Europa in den Demonstrationen gegen den Krieg ausdrückt?

Eugenides: Ich habe einen holländischen Freund. Wenn wir über Amerika sprechen und ich ihn frage: "Wie gefällt Dir Amerika?", sagt er: "Ich liebe es, Ich hasse es. Du doch genauso". Damit hat er Recht. Mir geht es so mit den Vereinigten Staaten und mit vielen anderen Ländern.

SPIEGEL ONLINE: Seit Sie für "Middlesex" mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurden, ist ein regelrechter Eugenides-Boom ausgebrochen. Kommen Sie überhaupt noch zum Arbeiten?

Eugenides: Nein, es ist jetzt keine gute Zeit, um zu schreiben. Letzte Woche war ich in Griechenland, um mein Buch vorzustellen. Danach geht es nach Italien. Aber ich bin sehr froh darüber, das mein Buch in so viele Sprachen übersetzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gefühlt, als Sie erfuhren, dass Sie den Preis bekommen?

Eugenides: Ich war sehr, sehr glücklich, weil ich neun Jahre an dem Buch gearbeitet habe. Es ist schön, so etwas Objektives wie den Preis zu haben, der einem sagt, dass die letzten Jahre doch nicht umsonst waren.

SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie in den neun Jahren jemals aufgeben?

Eugenides: Ja, zwei- oder dreimal wollte ich alles wegwerfen, aber dann bin ich immer wieder zurückgekommen, denn ich konnte die Geschichte nicht aus meinem Kopf herauskriegen. Manchmal habe ich ein paar Wochen aufgehört und eine Kurzgeschichte geschrieben, und dann konnte ich weitermachen.

SPIEGEL ONLINE: Sprechen Sie mit Ihrer Familie über Ihre Bücher?

Eugenides: Nein, wenn ich ein Buch schreibe, dann ist das eine sehr private Sache für mich, und ich mache ein Geheimnis daraus. Das kann über Jahre so gehen. Der erste, der den Entwurf von "Middlesex" gelesen hat, war mein Verleger. Der kam irgendwann nach Berlin und meinte, jetzt wolle er den ganzen Entwurf endlich mal sehen. Wissen Sie, er kam und hat ihn einfach mitgenommen. Dann sagte er, dass ich das Buch jetzt zu Ende bringe müsse, weil er es im September herausbringen wolle. Es hat mich dann noch paar Monate harte Arbeit gekostet, um es komplett fertig zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch: "Das wirkliche Leben reicht an das Schreiben darüber nicht heran": Ist das der Grund, weshalb Sie Autor geworden sind?

Eugenides: Ich glaube, alle Autoren würden dem ein wenig zustimmen. Das wirkliche Leben gleitet so schnell an einem vorbei. Mir bereitet das Schreiben deshalb so ein Vergnügen, weil man sein Leben damit gestalten kann. Schreiben bringt alles in eine stabile Form. Ein weiterer Grund ist, wie schon Garcia Maria Marquez sagte: "Ich schreibe, weil ich mehr geliebt werden will."

SPIEGEL ONLINE: "Middlesex"ist auch ein Liebeserklärung an Ihre Heimatstadt Detroit. Wie waren die Reaktionen dort?

Eugenides: Die Leute waren natürlich sehr aufgeregt, dass es plötzlich ein Buch über Detroit gab. Es ein witziges, aber auch cooles Porträt von Detroit und es gab viele positive Reaktionen auf meiner Lesereise. Ich habe noch nie vor so vielen Menschen gelesen wie dort. Vor allem meine griechischen Verwandten sind stolz auf mich. Ich bekomme noch heute E-Mails von Leuten, die ich jahrelang nicht gesehen habe.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es jetzt in Detroit eine Art Sightseeing-Tour, wo man die im Buch beschriebenen Plätze und Straßen kennen lernen kann?

Eugenides: Das wäre eine gute Idee! Eine Middlesex-Tour würde Geld einbringen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man die Orte noch sehen, über die Sie geschrieben haben?

Eugenides: Ja, zum Teil. In Eminem-Videos sehe manchmal im Hintergrund die Orte, die ich selbst mag und beschrieben habe. Er hat sich die selben Ruinen herausgesucht.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Ihnen Ihre griechische Herkunft?

Eugenides: Sie ist für mein Buch wichtiger als für mein Leben. Ich besuche Griechenland gerne und liebe griechisches Essen. Doch ich fühle mich in erster Linie als Amerikaner - mit einem kleinen griechischen Schatten. Es ist keine gespaltene Identität, sondern eher etwas, was im Hintergrund fixiert ist. Meine Großeltern stammen aus Griechenland, aber mein Vater ist niemals dort gewesen. Ich bin der erste aus meiner Familie, der dorthin gefahren ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einem Interview gesagt, dass die Geburt Ihrer Tochter Einfluss auf Ihr Schreiben hatte.

Eugenides: Nicht auf den Schreibprozess, sondern mehr auf den Inhalt. Meine Frau war schwanger als ich "Middlesex" schrieb, deshalb kamen viele Details über Schwangerschaft und Geburt in das Buch, auch darüber, wie sich Männer während der Schwangerschaft ihrer Frau fühlen. Ich glaube, mein nächstes Buch wird mehr von meiner Tochter beeinflusst sein.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch spielen Gene eine wichtige Rolle. Ein Gen spielt verrückt und macht Ihre Hauptfigur zum Hermaphroditen. Was, glauben Sie, bestimmt einen Menschen mehr: seine Gene oder die Umgebung, in der er aufwächst?

Eugenides: Es ist ein Mittelding zwischen beidem, wie der Titel "Middlesex" schon andeutet. Beide Dinge kommen in sehr komplexer Weise zusammen und kreieren Identität, Persönlichkeit und Verhalten. Das Schöne an dieser Komplexität ist, dass die menschliche Freiheit immer noch existiert. In der Popkultur glauben viele Leute, dass ausschließlich die Gene das Schicksal bestimmen. Gut, einigen Vorgaben in den Genen kann man nicht entrinnen, anderen schon. Ich habe ein Buch über jemanden geschrieben, der zum einen seine genetische Bestimmung akzeptieren muss, auf der anderen Seite sein eigenes Leben und seine eigene Persönlichkeit herausbildet.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ihre jahrelange Auseinandersetzung mit diesem Thema Konsequenzen für die Erziehung Ihrer Tochter haben?

Eugenides: Das ist der andere Grund, weshalb ich das Buch geschrieben habe. Ich bin neugierig auf Geschlechterrollen, und was sie für Männer und Frauen bedeuten. Ich merke an meiner Tochter, dass sie jetzt sehr weiblich wird. Und frage mich dann: Sind wir dafür verantwortlich oder die Gene? Ich habe immer Spiele mit ihr gespielt, die ich auch mit einem Sohn gespielt hätte, zum Beispiel Fußball. Aber sie ist ein richtiges Mädchen geworden. Ihre Lieblingsfarbe ist pink, obwohl wir ihr nie solche Klamotten gekauft haben. Als wir die Fotos von der Halloween-Party im Kindergarten gesehen haben, waren da alle Jungs als Piraten, Indianer oder Räuber verkleidet, die Mädchen waren Feen in einem rosa Kleid. Und ich habe mir gedacht, das kann nur in den Genen liegen.

Das Interview führte Kerstin Schneider

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