Interview mit Paulo Coelho "Wir müssen zu Kriegern des Lichts werden"

Der neue Roman des Brasilianers Paulo Coelho liest sich wie eine Parabel auf die Terrorattacken in den USA und ihre Folgen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE wendet sich der 54-jährige Schriftsteller gegen den Afghanistan-Krieg und äußert sein Unverständnis für Globalisierungsgegner.


Schriftsteller Coelho: "Wir brauchen ein neues Bewusstsein"
AP

Schriftsteller Coelho: "Wir brauchen ein neues Bewusstsein"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Coelho, Sie haben sich nach den Terrorangriffen in den USA aufs Land nach Santiago de Compostela zurückgezogen und alle Termine, bei denen Sie ihr neues Buch "Der Dämon und Fräulein Prym" vorstellen wollten, abgesagt.

Paulo Coelho: Nun, es war schon sehr überraschend und erschreckend für mich, dass mein neues Buch, dass ich vor einem Jahr geschrieben habe, plötzlich so prophetisch wirkte. Es handelt ja von einem Mann, der beim einem Terrorangriff seine gesamte Familie verliert und dann Rache nimmt, indem er ein ganzes Dorf an den Abgrund führt. Etwas Ähnliches passiert jetzt in der Welt. Es ist ein Kampf, bei dem auf beiden Seiten unschuldige Leute leiden, sowohl in den USA als auch in Afghanistan. Ich bin nach Santiago gefahren, um in Ruhe nachdenken zu können. Dort ist das Leben so einfach, man weiß, dass eine Menge in der Welt passiert, aber man ist nicht so sehr damit verbunden.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie ihre Bücher bestätigt, in denen die Hauptfiguren aufbrechen, um sich zu beweisen und neue Lebensinhalte zu suchen?

Coelho: Ja, ich habe die richtigen Dinge geschrieben. Wir brauchen ein neues Bewusstsein. Die Terrorattacken in den USA und der Krieg zeigen meiner Ansicht nach nicht den Kampf der Kulturen. Sie machen uns jedoch klar, dass wir nichts als gegeben hinnehmen können. Es gibt keine Garantien. Leute, die glauben, alles bliebe so, wie es ist, können nur noch reagieren, sie verlieren ihre Kreativität. Die Ereignisse zeigen, dass das nicht funktioniert. Man muss offen sein für neue Eindrücke, für neue Vorgehensweisen. Während meines ganzen Lebens haben wir nur über Frieden gesprochen, aber die ganze Zeit über wurden Kriege geführt.

Coelho-Roman "Der Dämon und Fräulein Prym": "Plötzlich so prophetisch"

Coelho-Roman "Der Dämon und Fräulein Prym": "Plötzlich so prophetisch"

Wir müssen zu Kriegern des Lichts in dieser dunklen Welt werden und einen guten Kampf führen, bei dem wir statt Waffen unsere eigene innere Stärke nutzen. Wenn wir in der altbekannten Weise vorgehen, machen wir Bin Laden zum Helden. Ich befürchte, dass sich in der nächsten Zukunft viele Menschen zusammenschließen könnten, die unzufrieden sind mit dem, was in der Welt passiert, zum Beispiel die Globalisierungsgegner, die wir in Genua erlebt haben.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Krieg der richtige Weg ist, gegen die Terroristen vorzugehen?

Coelho: In meinen Augen sind es in erster Linie keine Terroristen, sondern Kriminelle. Ich glaube, dass Krieg keine richtige Lösung ist, weil er das Gegenteil bewirkt und diese Leute stärkt. Schauen Sie sich doch die Taliban an, sie wurden erst von den USA unterstützt, dann wurden sie zu Erzfeinden. Ich weiß nicht, was mit der Nordallianz passieren wird, doch die Tendenz ist die gleiche. Wir benutzen die alten Methoden für neue Herausforderungen, und diese alte Methode ist Krieg.

Doch wir sollen mehr unsere Intuition nutzen, mehr auf unsere Empfindungen hören, um neue Wege gehen zu können. Bin Laden repräsentiert schon von der Physiognomie her alles, was wir fürchten, gleichzeitig sind viele Leute von ihm fasziniert. Er wird immer mehr zum Symbol für alle Menschen, die gegen die USA sind. Das ist eine gefährliche Entwicklung, denn Amerika ist kein Land, Amerika repräsentiert eine Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie Leute, die gegen die Globalisierung sind, weil sie befürchten, durch sie ihre Identität zu verlieren?

Coelho: Nein, meiner Ansicht nach sind die Globalisierungsgegner eine ziemlich laute Minderheit. Niemand versteht so richtig, wogegen sie eigentlich sind, welche Ziele sie haben. Globalisierung passiert ja nicht erst jetzt, sondern es gibt sie seit 5000 Jahren. Schon in der Antike hat sie eine Rolle gespielt. Wir haben jetzt ganz andere Chancen. Das Internet macht es möglich, dass sich auch kleine Minderheiten präsentieren und ihre Identität verteidigen können.

Terroristen-Führer Bin Laden: "Alles, was wir fürchten"
EPA/DPA

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SPIEGEL ONLINE: Sie waren zum Wirtschaftsgipfel nach Davos eingeladen und haben dort den damaligen US-Präsidenten Clinton getroffen. Auch er gehört zu Ihren Lesern. Was sagen Sie den Politikern und Managern?

Coelho: Ich bin auch im nächsten Jahr wieder zum Gipfel nach New York eingeladen. Doch ich sage den Politikern nichts, ich gebe keine Ratschläge, ich diskutiere und rede nur mit ihnen. Das ist meine Aufgabe als Schriftsteller. Die Welt braucht einen gemeinsamen Dialog, deshalb sind solche Treffen wie in Davos auch wichtig. Dort ist gewissermaßen ein neutrales Gebiet, wo man Ideen diskutieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Vielen Leuten bieten Sie in Ihren Büchern eine Art Lebenshilfe. Haben Sie nach den Ereignissen in den USA noch mehr Resonanz erhalten?

Coelho: Nach dem Terror in den USA habe ich bis zu 500 E-Mails pro Tag bekommen. Jetzt hat sich das wieder auf die täglichen 300 Mails eingependelt.

SPIEGEL ONLINE: Suchen die Leute Antworten oder Fragen in ihren Büchern?

Coelho: Sie lernen, welche Fragen sie an ihr Leben stellen können. Ich selbst bin ein Leser von meinen Büchern, neulich habe ich "Der Dämon und Fräulein Prym" auf Englisch gelesen. Es war interessant, denn in der anderen Sprache hatte ich keinen unmittelbaren Bezug zu dem Roman. Es wirkte so, als hätte ich es gar nicht geschrieben. Ich habe gedacht: Es ist ein gutes Buch, weil jeder Mensch, jede Kultur und jede Gesellschaft es verstehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie wirken sehr gelassen und ruhig. Meditieren Sie?

Coelho beim Wirtschaftsgipfel in Davos (mit dem Crystal Award): "Ich gebe keine Ratschläge"
DPA

Coelho beim Wirtschaftsgipfel in Davos (mit dem Crystal Award): "Ich gebe keine Ratschläge"

Coelho: Nein, nicht im klassischen Sinn. Ich bin Katholik und bete dreimal am Tag, am Morgen, in der Dämmerung, und wenn ich ins Bett gehe.

SPIEGEL ONLINE: Sie bekommen ihre Ideen auf den Reisen, aber schreiben können Sie nur in ihrer Wohnung in Rio de Janeiro?

Coelho: Ja, das stimmt, ich schreibe ausschließlich in Rio. Ich sammle die Ideen zu meinen Büchern auf meinen Reisen. Ein Buch zu schreiben ist so ähnlich wie schwanger werden und nicht zu wissen, wer der Vater ist. Meine Bücher sind so präzise, weil ich nicht viel darüber nachdenke. Die Bücher kommen zu mir. Es ist ein eher unbewusster Prozess.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie von anderen Autoren beeinflusst?

Coelho: In Deutschland von Goethe natürlich, "Faust" ist der große metaphysische Roman. In Amerika von Henry Miller, in Argentinien von Jorge Luis Borges, in Brasilien von Jorge Amado, aber eigentlich ich bin immer in den Büchern, die ich lese.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen in Ihren Bücher, dass jeder aufbrechen kann, um sein Leben zu ändern.

Coelho: Ja, ich habe das getan, gegen alle Widerstände. Ich denke, jeder kann das tun, jeder hat eine Mission zu erfüllen, egal wo er lebt.

Am 15. November wird Paulo Coelho in Berlin der Medienpreis "Bambi" in der Kategorie "Kultur" verliehen.

Das Interview führte Kerstin Schneider



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