Interview mit Salman Rushdie "Der Anti-Terror-Krieg musste sein"

Der Schriftsteller Salman Rushdie über seine neue Heimat New York, die Tragödie der islamischen Länder und seinen Roman "Wut"


Autor Rushdie: "Das Ende ist nah"
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Autor Rushdie: "Das Ende ist nah"

SPIEGEL:

Mr. Rushdie, in Ihrem gerade erschienenen Roman beschreiben Sie New York als das neue Rom*. Was macht für Sie New York zur Hauptstadt der Welt?

Rushdie: In bestimmten Geschichtsepochen werden bestimmte Städte zu Zentren wichtiger Energien. Das galt einmal für Paris und London, und jetzt, für meine Generation, heißt dieser Ort New York. In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Boom dieser Stadt wohl seinen Höhepunkt erreicht, und gleichzeitig beschlich viele seiner Bewohner das Gefühl, dass diese Zeit nicht ewig weitergehen könne. In den Ecken sammelten sich kleine Schatten, die immer größer wurden.

SPIEGEL: Welche Schatten meinen Sie?

Rushdie: Zum Beispiel das Platzen der Internet-Blase und die ersten Zeichen für eine Rezession sorgten dafür, dass diese Abenteuerspielplatz-Atmosphäre allmählich gefährdet war. Dieses Gefühl, alles haben zu können, wenn man es nur wollte. Ich wusste also, dass ich schnell arbeiten musste. Im Hinterkopf hatte ich dabei F. Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby". Als Fitzgerald seinen Roman veröffentlichte, wurde er stark kritisiert als zu oberflächlich und zu geschwätzig. Heute aber zählt er offiziell zu den besten Romanen, die je in Amerika erschienen sind.

SPIEGEL: Fitzgerald porträtierte in "Gatsby" die zwanziger Jahre; das Lebensgefühl des Jazz-Age. Welchen Namen geben Sie der Epoche, die Sie in "Wut" beschreiben?

Rushdie: Das wirklich goldene Zeitalter New Yorks. Ich weiß, Leute haben dies über die Periode gesagt, in der die Wolkenkratzer gebaut wurden. Aber ich glaube, die neunziger Jahre waren es wirklich. Die Stadt strotzte vor Selbstbewusstsein, Kraft und Geld. Ich wollte also ­ wie beim "Großen Gatsby" ­ zwei Dinge leisten. Erstens sollten die Leute, die diese Epoche erlebt haben, sie wiedererkennen können. Zweitens sollten die, die später einmal auf die Welt zurückblicken, sagen können: "Aha, so war das also." Was ich allerdings nicht wusste, war, dass dieses goldene Zeitalter im Monat der Veröffentlichung des Buches mit einem Schlag enden sollte.

SPIEGEL: Das Buch erschien in den USA im September letzten Jahres. Aber auch wenn Sie nicht den Anschlag vorhergesehen haben, so gibt es in Ihrem Roman doch Zeichen einer schwärenden Unruhe vor der Bedrohung durch die, die keinen Anteil am amerikanischen Wohlstand haben. An einer Stelle schreiben Sie: "Amerika beleidigt den Rest des Planeten. Und diese Beleidigung macht den Rest der Welt nur noch gieriger. Menschen in Indien, China und Afrika würden morden für die Waren, die in New York einfach auf der Straße angeboten werden."

Rushdie mit Freundin Padma: "Unglaubliche Anziehung"
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Rushdie mit Freundin Padma: "Unglaubliche Anziehung"

Rushdie: Eine Menge von diesem ganzen Gerede über Amerika ist scheinheilig, und viel von der Kritik ist nichts anderes als Neid. Trotzdem hat mich der 11. September absolut überrascht. Als mein Buch wenig später in Frankreich herauskam, behandelten mich die Leute, als sei ich ein Hellseher. Das war sehr seltsam. Denn ein Schriftsteller mag vielleicht in der Lage sein zu beschreiben, was in der Luft liegt. Auf keinen Fall aber kann er vorhersagen, was genau kommen wird.

SPIEGEL: Auf dem Cover Ihres Buches ist das Empire State Building zu sehen, über dem eine dunkle Wolke schwebt. Werden Sie da im Nachhinein nicht abergläubisch?

Rushdie: Das Foto hat eine englische Artdirektorin sechs Monate vor der Veröffentlichung ausgewählt. Das tat sie natürlich, weil bei all dem Glanz und dem Überschwang, den das Buch im New York der Neunziger beschreibt, die Katastrophe ständig lauert. Das Ende ist nah. Dass es allerdings in Form eines Terrorangriffs kommen würde, davon wurde ich ebenso überrascht wie jeder andere.

SPIEGEL: Den größten Teil der neunziger Jahre mussten Sie sich in England verstecken, weil Sie durch Chomeini zum Tode verurteilt wurden. Iran hat 1998 erklärt, man wolle das Urteil nicht weiter verfolgen. Trotzdem gibt es noch Extremisten, die daran festhalten. Fürchten Sie sich jetzt, in New York, noch vor Leuten, die Sie umbringen wollen?

Rushdie: Nein.

SPIEGEL: Ihr Schicksal teilen Sie mit Amerika, dem die al-Qaida vor vier Jahren den Krieg erklärt hat und deren Attentate die Zustimmung radikaler Muslime finden. Halten Sie weitere Anschläge für möglich?

Rushdie: Sehr wahrscheinlich. Der 11. September war kein Einzelfall, er hat gezeigt, dass eine kleine Zahl von motivierten Leuten ein Riesendesaster anrichten kann.

SPIEGEL: Wie Sie lange genug erfahren haben, ist das Ergebnis von einem Maximum an Sicherheit die Unfreiheit. Sehen Sie, dass der amerikanische Staat unter dem Vorwand, seine Bürger zu schützen, Schritt für Schritt die Grundrechte einschränkt?

Rushdie-Roman "Wut": Eine Stadt im Fegefeuer der Eitelkeiten

Rushdie-Roman "Wut": Eine Stadt im Fegefeuer der Eitelkeiten

Rushdie: Die große Aufgabe besteht darin, ein Sicherheitsnetz zu schaffen, welches die Werte, die es schützen soll, nicht stranguliert. Wenn wir uns darauf einigen, dass das, was wir verteidigen, die freie Gesellschaft ist, dann sollten wir uns davor hüten, sie in eine unfreie Gesellschaft zu verwandeln. Schon deshalb mache ich mir große Sorgen über die Geheimnistuerei, mit welcher die US-Regierung seit dem 11. September zur Sache geht. Mehr und mehr Dinge werden unter den Teppich gekehrt, man weiß oft nicht mehr, was genau vorgeht und warum. Menschen werden aus mysteriösen Gründen festgenommen, für unbestimmte Zeit festgehalten und irgendwann wieder freigelassen, ohne dass jemand auch nur Entschuldigung sagt.

SPIEGEL: Lernen Sie auf Grund solcher Entwicklungen in Amerika die politische Kultur Englands wieder neu zu schätzen?

Rushdie: Die politische Kultur Englands war immer von Geheimnistuerei geprägt. Britische Regierungen sagen den Leuten nichts, solange sie nicht müssen. Wohingegen in der amerikanischen Politik die schlimmen Dinge immer durchsickern. Schon deshalb bin ich bis heute davon überzeugt, dass Lee Harvey Oswald tatsächlich der Mörder von John F. Kennedy war. Wäre der Mord eine große Verschwörung gewesen, es wäre herausgekommen. Amerikaner können auf die Dauer ihren Mund nicht halten. Ich mag das. Es ist für mich ein wichtiges Element der Demokratie.

SPIEGEL: In Europa gab es massive Kritik an der Härte der amerikanischen Kriegsführung in Afghanistan ...

Rushdie: ... ich war für den Anti-Terror-Krieg, er musste sein ­ davon bin ich bis zum heutigen Tag überzeugt. Und meine Meinung teilen die meisten Afghanen, die ja aufgejubelt haben an dem Tag, als die Schreckensherrschaft der Taliban zusammenbrach. Übrigens ist die Niederlage der Taliban auch eine Wohltat für den Rest der Welt. Denn mit ihnen entmachtet wurde die Bin-Laden-Gruppe, welche es geschafft hatte, als eine terroristische Organisation einen gesamten Staat zu lenken. Die al-Qaida hatte nicht nur die afghanische Regierung mit enormen Summen Jahr für Jahr bestochen, genau genommen hatte sie ganz Afghanistan im Griff. Wie tief sie das Land durchdrungen hatte, sieht man bis heute. Überall sind ihre Festungen verteilt, die Aufräumarbeiten werden noch eine Zeit lang andauern. Ohne diesen Krieg hätte es in der Zwischenzeit viele neue Attentate auf den Westen gegeben. Wenn jemand kommt und zentrale Gebäude im Herzen deines Landes zerstört und dazu Tausende von Menschen umbringt ­ was soll man mit so jemandem anstellen? Sich entschuldigen: "Sorry, wir waren böse und geloben Besserung von jetzt an?"

SPIEGEL: So ungefähr stellen sich das einige Linksintellektuelle in Europa vor.

Rushdie: Unsinn. Dieser Krieg musste geführt werden, und er ist gut geführt worden. All die Warnungen, mit denen die Kritiker die amerikanische Regierung stoppen wollten, erwiesen sich als falsch. Die Kritiker sagten: Die Amerikaner werden dasselbe Desaster erleben wie die Sowjetunion. Falsch. Die Nordallianz hat gegen die Taliban keine Chance. Falsch. Wenn die Nordallianz in Kabul einmarschiert, wird die Stadt in ein Schlachthaus verwandelt. Falsch. Wenn die Nordallianz gewinnt, wird sie die Macht in Afghanistan an sich reißen und nicht teilen wollen. Falsch. Die Festungen im Norden des Landes und Kandahar sind so gut gesichert, dass sie nicht einnehmbar sind. Falsch. Es wird einen Guerrilla-Krieg geben, der viele, viele Jahre dauert. Na ja, nicht wirklich.


* Salman Rushdie: "Wut". Aus dem Englischen von Gisela Stege. Kindler Verlag, Berlin; 396 Seiten; 19,90 Euro.

  • 1. Teil: "Der Anti-Terror-Krieg musste sein"
  • 2. Teil


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