Interview mit Wladimir Kaminer "Guter Humor muss gefährlich sein"

Wie macht der das bloß? Wladimir Kaminer, 38, hat mit "Karaoke" gerade sein neuntes Buch in fünf Jahren veröffentlicht, legt als DJ in der "Russendisko" auf und ist ständig auf Lesereise. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er seine Arbeitsweise und sinniert über Humor und den Sinn des Schreibens.


Schriftsteller Kaminer: "Ich schreibe immer an etlichen Büchern gleichzeitig"
DDP

Schriftsteller Kaminer: "Ich schreibe immer an etlichen Büchern gleichzeitig"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Kaminer, "Karaoke" ist schon Ihr neuntes Buch seit dem Jahr 2000. Sie treten mit der "Russendisko" auf, machen rund 150 Lesungen im Jahr, haben eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Wie schaffen Sie es überhaupt noch, eine einzige Zeile zu Papier zu bringen?

Kaminer: Gerade habe ich ein Buch eines russischen Autors über Terrorismus gelesen, in dem stand, dass es von Oktober bis Dezember 2004 geschrieben wurde. Da wurde ich neidisch. "Karaoke" zum Beispiel ist eine Arbeit aus mindestens sechs Jahren. Es ist auch immer wie ein kleines Wunder für mich, wenn aus Geschichten zu einem bestimmten Thema dann ein Buch wird. Dafür muss das Thema mich auf Dauer und sehr stark ansprechen.

SPIEGEL ONLINE: Aber irgendwann müssen Sie die Geschichten ja aufschreiben.

Kaminer: Ich schreibe nie viel mehr als eine Din-A-4-Seite in der Woche. Zuhause kann ich gar nicht schreiben, da ist viel zu viel los. Aber unterwegs im Zug geht das sehr gut. Ich habe so über die Jahre sehr viel Material angesammelt. Wenn man diese Seiten zählen würde, hätte ich zurzeit noch fünf oder sechs Bücher vorrätig. Aber es sind eben noch keine Bücher, sondern verschiedene Geschichten zu verschiedenen Themen. Kapitel aus Romanen, die gar nicht vorhanden sind. Oder wissenschaftliche Aufsätze, die kaum jemanden interessieren. Ich schreibe immer an etlichen Büchern gleichzeitig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben kein besonderes Ritual, das Sie brauchen, um schreiben zu können?

Kaminer: Ich bin ein wissenschaftlicher Publizist. So verstehe ich mich jedenfalls. Es bedarf für das Schreiben einer akribischen Recherche. Und man muss natürlich auch eine Idee und eine These haben. Die gehen dann entweder auf oder auch nicht. Diese Woche habe ich leider noch keine Zeile geschrieben. Ich bin erkältet. Aber in meinem Kopf ist schon eine Geschichte fertig.

SPIEGEL ONLINE: Wovon handelt sie?

Kaminer: Von literarischen Helden. Mir fiel nämlich auf, dass die Helden aus dem 19. und 20. Jahrhundert viel gesünder waren als wir heute. Sie konnten unglaublich viel Alkohol trinken und fett essen. Nehmen Sie zum Beispiel "Die drei Musketiere": Die trinken mittags drei Flaschen guten französischen Rotweins, um sich dann auf ihre Pferde zu schwingen und die Ehre der Königin zu retten. Wenn wir dagegen mittags drei Flaschen Wein trinken, streicheln wir höchstens noch unsere Pferde und legen uns dann erst mal schlafen.

SPIEGEL ONLINE: Wachen Sie nicht manchmal nachts auf und fürchten sich, dass bald die letzte Erinnerung an das Leben in der Sowjetunion aufgeschrieben, die letzte Anekdote aus dem Prenzlauer Berg erzählt ist und Sie dann nur noch aus dem - vergleichsweise langweiligen - Leben eines "Erfolgsschriftstellers" berichten können?

Kaminer: Ich würde mich sogar freuen, wenn mir die Geschichten ausgehen. Dann könnte ich meine Karriere als Rockmusiker starten. Das Problem ist nur, dass es anscheinend nicht passiert. Das Schreiben ist wie eine Krankheit. Je mehr man sich mit ihr beschäftigt, desto allgegenwärtiger wird sie.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie daran, mal in einem völlig anderen Genre zu schreiben, Lyrik oder ein Theaterstück?

DJ Kaminer, "Russendisko"-Crew: "Guter Humor muss gefährlich sein"

DJ Kaminer, "Russendisko"-Crew: "Guter Humor muss gefährlich sein"

Kaminer: Ich würde das sicher ausprobieren. Ich habe schon ein paar Drehbücher geschrieben; Bestellungen für Theaterstücke liegen auch auf meinen Schreibtisch. Aber mir macht die Künstlichkeit Angst, die mit diesen Formen verbunden ist. Wenn ich mir vorstelle, dass ein Text von mir zu einem Intendanten wandert und von ihm zu einem Regisseur, schließlich zu Schauspielern, dann wird mir schon schlecht!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Moskau und auch, nachdem Sie 1990 nach Berlin kamen, am Theater gearbeitet, aber kamen zu dem Schluss: "Theater ist Scheiße."

Kaminer: Nicht jedes Theaterstück ist schlecht. Aber ich weiß, was Theater in Wirklichkeit ist. Da sind einfach zu viele verschiedene Leute mit verschiedenen Vorstellungen am Werk. Bei mir findet die Auseinandersetzung nur zwischen mir und einem Stück Papier statt. Das ist ehrlich, direkt. Beim Theater ist alles auf einer Lüge aufgebaut. Alles ist künstlich.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie genauer erklären.

Kaminer: Die Erwartungen sind im Theater sehr hoch. Eine große Bühne, künstliches Licht, feine Sessel, man zieht sich schick an. Das Theater muss den Leuten etwas geben, was sie vorher nicht hatten. Und auf der Bühne stehen Schauspieler, die gerade einmal dabei sind, einen auswendig gelernten Text von einem anderen glaubwürdig zu vermitteln. Die Erwartungen sind zu hoch. Deswegen wird dann auf Publikumsbeschimpfung gemacht. Die Schauspieler liegen drei Stunden auf der Bühne in einer Badewanne und sagen gar nichts. Modernes Theater ist einfach hysterisch. Auf den Fotos in den Feuilletons sieht man immer nur schreiende Frauengesichter auf halbnackten Körpern im Bühnenstaub. Wer will damit schon etwas zu tun haben?

SPIEGEL ONLINE: Sie distanzieren sich vom künstlichen Theater. Darf man Sie einen Volksschriftsteller nennen?

Kaminer: Ich gehöre sicher nicht zu diesen intellektuellen Kreisen, in denen ich viel Verlogenheit sehe und keine wirkliche Neugier auf die Welt entdecke. Aber Volksschriftsteller bin ich auch nicht, das klingt so nach Montagsdemos. Meine wahren Leser sind vom Typus aufgeklärter Onkel Wanja, mit Durchblick, verständig, kreativ und anpassungsfähig. Zu solchen Leuten fühle ich mich hingezogen.

SPIEGEL ONLINE: Das Publikum findet Sie und Ihre Bücher vor allem anderen komisch. Was ist für Sie guter Humor?

Kaminer: Guter Humor muss gefährlich sein, immer auf der Kippe. Guten Humor plaziere ich irgendwo zwischen einem Hirnzusammenbruch und einem Totschlag. Es gibt dieses Sprichwort: "Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul". So ist das Leben. Man muss sich auf den gefährlichen Ritt einlassen. Wenn man darauf neugierig bleibt, dann ist das ein Beweis menschlicher Größe.

SPIEGEL ONLINE: Also geht es ihnen keineswegs nur um gute Witze und unterhaltsame Geschichten.

Kaminer: Nein. Es geht schon um die endgültige Aufklärung, um die letzte Weisheit. Die erscheint dann auch am Ende und erweist sich als banale, abgelutschte Erkenntnis. Wie Weisheiten halt so sind: Nichts besonderes, man hat das schon tausendmal gehört. Je mehr man aber über diese Weisheit schreibt, desto größer wird die geschriebene Welt, die sich natürlich immer, so realistisch man auch sein mag, von der wirklichen Welt unterscheidet. Als Schriftsteller lebt man immer in zwei Welten: im Furunkel des Geschriebenen und in der wirklichen Welt. Manche scheitern daran, verlieren die Verbindung zur Wirklichkeit, vereinsamen, verwildern und werden wahnsinnig. Ich versuche, alles nicht zu ernst zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, mit dem Schreiben etwas erreichen zu können?

Kaminer-Vorbild Presley: "Er war ein Revoluzzer"
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Kaminer-Vorbild Presley: "Er war ein Revoluzzer"

Kaminer: Journalisten versuchen mich oft in eine Schublade zu stecken: "Multikulti", "russischer Schriftsteller in Deutschland" oder "deutscher Schriftsteller russischer Herkunft". Mir ist das egal, ich höre auf jeden Namen. Ich sorge dafür, dass Menschen mehr von anderen Kulturen erfahren. Der Ostblock war im Westen wegen der ideologischen Differenzen ein schwarzer Fleck. Ich möchte, dass die Leute hier aus meiner Hand etwas über ihre Nachbarn im Osten erfahren und nicht aus so einer falschen russischen Mafia-Hand. Aber ich würde auch niemals so hoch pokern und behaupten, die Völkerverständigung und der Kulturaustausch seien das höchste Ziel in meinem Leben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich von der Popliteratur, die deutsche Autoren wie Kracht, Lebert oder Stuckrad-Barre produzieren, distanziert und gesagt, Sie machen Rock'n'Roll-Literatur. Das klingt ziemlich vestaubt nach den fünfziger Jahren, nach Elvis.

Kaminer: Elvis hat damals die Musik revolutioniert. Er war ein Revoluzzer. Ich glaube, jeder Schriftsteller, der seine Arbeit ernst nimmt und nicht als leichtsinniger Popliterat abgetan werden will, würde sich über dieses Prädikat freuen. Einem guten Kollegen habe ich als Empfehlung "Du bist Rock'n'Roll" auf sein Cover geschrieben. Er hat sich sehr gefreut.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gesagt: "Ich will keine Kunst machen, sondern das Gegenteil". Aber was ist, erstens, schlecht an Kunst und zweitens, was bitte, ist ihr Gegenteil?

Kaminer: Kunst fällt für mich unter den Begriff der Schöpfung. Der Künstler stellt sich mit Gott auf eine Stufe und sagt: "Find ich alles unkorrekt. Ich will das besser machen." Dann schafft er einen Gegenentwurf. In der Regel sieht der noch pissiger aus als die realexistierende Schöpfung - oder ist angeberisch, unwürdig.

SPIEGEL ONLINE: Und das Gegenteil dazu ...

Kaminer: ... ist Forschung. Da sagst du: "Okay, das sieht alles ziemlich schräg aus. Aber wahrscheinlich liegt es an uns Menschen. Wir werden wohl nie herausbekommen, wie alles miteinander verbunden ist. Aber wir versuchen zu forschen, um diese Feinheiten zu aufzuklären!" In der Kunst behauptet der Künstler sich selbst. In der Forschung kniet man quasi vor der Schöpfung. Dieses Knien kann man natürlich auf unterschiedliche Art und Weise machen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Art und Weise ist mit 1,8 Millionen verkauften Büchern so erfolgreich, dass sie zum Mainstream geworden ist.

Kaminer: Nein. Ich bin weder Mainstream noch Untergrund, beziehungsweise ich versuche meinen eigenen Mainstream zu schaffen. Der Haupt-Mainstream wird durch die vorherrschende flächendeckende Medien-Berichterstattung bestimmt und in ihm ist für Literatur nicht viel Platz. Er wird von oben bestimmt und von unten ertragen. Vor kurzem habe ich auf Sylt etwas über russische Bands vorgelesen, worauf jemand mir aus dem Publikum zurief: "Und hier müssen wir DJ Bobo ertragen!"

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie sich ihren eigenen Mainstream schaffen?

Kaminer: Ich bin nicht alleine auf diesem Schlachtfeld. In Berlin werden wir zusammen mit dem Geschäftsführer vom Kaffee Burger und unserem Medienpartner Radio Multi Kulti hoffentlich unter der Jannowitzbrücke demnächst einen großen Club eröffnen. Eine Vervielfältigung der Russendisko. Dort könnten viele andere Künstler aus Osteuropa, die noch mehr Licht brauchen, eine größere Bühne finden.

Das Interview führten Caroline Ischinger und Michael Sontheimer



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