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Aus politischen Gründen Ullstein-Verlag wirft Buch von J.D. Vance aus dem Programm

Vor acht Jahren galt US-Autor J.D. Vance als wichtigster Erklärer der Trump-Wählerschicht, sein Buch »Hillbilly-Elegie« wurde ein Bestseller. Nun will sein deutscher Verlag nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Vizepräsidentschaftskandidat J.D. Vance: Vom Trump-Kritiker zum Trump-Vize

Vizepräsidentschaftskandidat J.D. Vance: Vom Trump-Kritiker zum Trump-Vize

Foto: Hannah Beier / Bloomberg / Getty Images

Als J.D. Vance im Juni 2016 sein autobiografisches Buch »Hillbilly-Elegie« veröffentlichte, war er weitgehend unbekannt. Furore machte das Buch dennoch: Darin erzählt er von seinem Aufwachsen in einer Familie von armen »Hinterwäldlern«, von seiner drogenabhängigen Mutter, von einer Welt der Abgehängten und Vergessenen. So galt Vance als perfekter Erklärer für den Erfolg Trumps bei Wählern aus der weißen Arbeiterschicht.

In Deutschland veröffentlichte der Ullstein-Verlag 2017 eine Übersetzung des Buches – und auch hier wurde die »Hillbilly-Elegie« zum Bestseller. Die Feuilletons waren begeistert, selbst Olaf Scholz bestätigte der »Süddeutschen Zeitung« , die Geschichte habe ihn zu Tränen gerührt. Nun, rund acht Jahre später, hat sich J.D. Vance vom Trump-Kritiker und Buchautor zum Trump-Fan und Vizepräsidentschaftskandidaten gewandelt. Und einmal mehr erlebt auch die »Hillbilly-Elegie« einen Ansturm, international erklimmt das Buch die Bestsellerlisten. In Deutschland allerdings mit einem kleinen Schönheitsfehler.

Hierzulande wird nämlich derzeit ausschließlich die englische Ausgabe massenhaft verkauft. Die deutsche Übersetzung von 2017 gilt als vergriffen, die bestehende Auflage ist ausverkauft. Nun ist das Buch auch aus dem Verlagsprogramm verschwunden und auf der Ullstein-Website taucht es nicht mehr auf. Was steckt hinter dem Verschwinden?

»Ausgrenzende Politik«

Tatsächlich hat sich der Ullstein-Verlag in der vergangenen Woche dafür entschieden, den Lizenzvertrag mit J.D. Vance nicht zu verlängern und entsprechend keinen Nachdruck zu liefern. Das bestätigte eine Verlagssprecherin gegenüber dem SPIEGEL.

2017 erschien die deutsche Übersetzung beim Ullstein-Verlag, nun trennt sich der Verlag vom Autor J.D. Vance.

2017 erschien die deutsche Übersetzung beim Ullstein-Verlag, nun trennt sich der Verlag vom Autor J.D. Vance.

Foto: Ullstein / dpa / picture alliance

Als maßgeblicher Grund dafür wird der politische Wandel des Autors angeführt. »Zum Zeitpunkt des Erscheinens«, so der Verlag, »lieferte das Buch einen wertvollen Beitrag zum Verständnis des Auseinanderdriftens der US-Gesellschaft.« Vance habe eine authentische Darstellung vom Aufwachsen in der verarmten weißen Arbeiterklasse geboten, zudem habe er sich damals wiederholt von Donald Trump distanziert.

»Inzwischen agiert er offiziell an dessen Seite und vertritt eine aggressiv-demagogische, ausgrenzende Politik«, teilt der Ullstein-Verlag mit. So habe sich der Verlag kürzlich entschlossen, den Vertrag mit dem Autor nicht zu erneuern.

Stattdessen verkündet nun der Verlag YES Publishing, dass er am 15. August eine Neuauflage der »Hillbilly-Elegie« herausgeben wird – die Lizenz hat also schnell den Besitzer gewechselt. »Wir haben das Buch ganz kurzfristig bei der Agentur in Amerika eingekauft, als wir erfahren haben, dass Ullstein die Rechte nicht verlängert hat«, sagt Oliver Kuhn, Mitgründer des Verlags. Angesichts der derzeitigen Nachfrage nach der englischen Ausgabe gehe er davon aus, dass auch die deutsche Übersetzung unmittelbar ein Bestseller werde.

Der Kleinverlag YES Publishing wurde Ende 2019 von Oliver Kuhn und Pascale Breitenstein gegründet, seine Titel werden von der Münchner Verlagsgruppe vertrieben. Bisher erschienen dort vor allem Titel über Selbsthilfe und Populärwissenschaft.

Sinneswandel im liberalen Lager

Vance hat seit dem Erscheinen seines Buches tatsächlich eine politische Metamorphose hinter sich: Trat er 2016 noch als scharfer Kritiker Trumps auf und verglich diesen sogar mit Hitler , näherte er sich dem damaligen US-Präsidenten bald an. Bei seiner erfolgreichen Kandidatur als Senator für Ohio im Jahr 2022 wurde er offiziell von Trump unterstützt. Vance ist gegen gleichgeschlechtliche Ehen, das Recht auf Abtreibung und Militärhilfen für die Ukraine – und stieg so zur Galionsfigur der reaktionären Rechten  in den USA auf.

Die Entscheidung des Ullstein-Verlags ist aber auch symptomatisch für den Sinneswandel des liberalen Lagers: Ab 2016 wurde Vance dort als Erklärer der rätselhaften weißen Unterschicht gefeiert, als Anti-Trump. Über die Kritik an seinem Buch – die Stereotypen über das Leben in Armut und die Appalachen, seine Polemik gegen den Wohlfahrtsstaat – wurde weitgehend hinweggesehen. Auch seine politische Nähe zu libertär-reaktionären Figuren wie Peter Thiel wurden in der Rezeption eher ignoriert. Acht Jahre nach dem Hype wendet sich die Kulturszene umso entschiedener von ihrem einstigen Helden ab.