Bandbiografie von Ja, Panik Welch wunderbarer Wahn!

Ja, Panik hat in den vergangenen Jahren einige der besten Pop-Alben im deutschsprachigen Raum aufgenommen. Mit "Futur II" veröffentlicht die Gruppe nun ihre wunderbar surreale Bandbiografie.
Ja, Panik

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Foto: Ja, Panik

"Ich habe meine typografischen Studien in der Zwischenzeit fleißig vorangetrieben. Hab' heute schon 34.729 Wortabstände vermessen und dokumentiert. Außerdem bin ich schon vor einigen Tagen dazu übergegangen, mein Nachtlager nach einem komplexen System täglich in eine neue Ecke zu transferieren. Aber immer erst unmittelbar, bevor ich mich hinlege. Ich möchte nämlich nicht, dass sie glauben, mich während des Schlafes verorten zu können."

Diese Zeilen schreibt Stefan Pabst, Bassist von Ja, Panik am 16. Tag der Chronologie, der dieses Buch folgt, an seinen Sänger Andreas Spechtl. So irre es klingt, es ergibt im Kontext durchaus Sinn. Denn wir beobachten bei Pabst wie auch bei Spechtl und auch bei Drummer Sebastian Janata im Verlauf der 272 Seiten ein Abdriften in einen wunderbaren Wahn.

Aber zurück zum Anfang: Die Gruppe Ja, Panik stammt ursprünglich aus dem österreichischen Burgenland, es gibt sie seit zehn Jahren. Sie veröffentlichte in dieser Zeit fünf Alben, das letzte hieß "Libertatia", SPIEGEL ONLINE beschrieb die Platte als "die Erschaffung einer inneren Oase, wenn die Revolution an der Realität verdurstet". Dem Lob zum Trotz: Nur 5000 Euro soll die Band insgesamt mit Plattenverkäufen verdient haben.

Ja, Panik haben nun also ein Buch geschrieben. Es nennt sich "Futur II" und der veröffentlichende Verbrecher Verlag bezeichnet es als "einmonatiges Experiment", währenddessen sich die Mitglieder ihre Version der mittlerweile zehnjährigen Bandgeschichte erzählen.

Korrespondenzen und anderer Kram

Korrespondenzen und anderer Kram

Foto: Ja, Panik

Die Anordnung erscheint am Anfang sehr klar: Stefan Pabst zieht in das Band-Archiv in Berlin ein, die Stadt, in die Ja, Panik im September 2009 ihren Lebensmittelpunkt verlegt haben. Sebastian Janata sichtet die Bestände in Wien. Beide sammeln vor allem alte Korrespondenzen untereinander, aber auch mit Bookingagentur, Labels, Produzenten und Veranstaltern.

Die im April 2014 zur Band gestoßene Laura Landergott übernimmt das Einsammeln von O-Tönen sogenannter Zeitzeugen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden per Mail an Andreas Spechtl übermittelt, der in einer nicht näher definierten Stadt eine Wohnung bezogen hat und die Korrespondenz mit den Bandkollegen kommentierend einordnet.

Es geht um existenzielle Schwierigkeiten und Vorschüsse von der Plattenfirma, um Benefizkonzerte, um Promotions-Pläne, das Einpacken von Badehosen für die Tour - vielleicht kommt man ja an einem schönen See vorbei - und ähnliches.

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Die Gruppe Ja, Panik:
Futur II

Verbrecher Verlag; 272 Seiten; 16,- Euro.

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Einige Mails sind langweilig, andere sehr unterhaltsam, etwa jene an den Österreichischen Musikfonds. Die Musikerin Christiane Rösinger, die eine enge Freundschaft zur Band unterhält, berichtet, des Weiteren ehemalige Mitglieder.

All das wird manchmal kontextualisiert, manchmal als Startpunkt für Überlegungen genommen, die sich scheinbar ziellos drehen, letztendlich aber doch interessant sind: So erfahren wir nicht nur Andreas Spechtls Überlegungen zum aktuellen Status und nur womöglichen Fortbestand seiner Band, sondern auch seine Überlegungen zu der Frage, inwieweit Kunst politisch zu sein hat, und dass er "recht fleißig" paniert.

Ein Sandwich für 999 Euro

Bemerkenswert macht "Futur II" jedoch eine Zwischenebene, die erst mit der Zeit sichtbar wird. Wie auf ihren Platten entwirft die Band in diesem Buch eine eigene Realität, mit der die Mitglieder teils ihre liebe Mühe haben.

Pabst etwa, der in seiner vieleckigen Berliner Zettelwirtschaft sitzt, kämpf gegen diffuse Mächte von außen, die an die Heizungsrohre klopfen und einen Uhu, der ihn fertigmacht. Immerhin bekommt er jeden Morgen ein Frühstück gereicht, dessen Zusammensetzung allerdings schwankt. Janata, der eigentlich in Wien sein soll, hält sich zwischen verschiedenen Expeditionen im Day- und Nighlife vor allem am Berliner Flughafen Tegel auf, wo ein Sandwich 999 Euro kostet. Spechtl wiederum streift durch eine Stadt, die nicht näher benannt wird.

Dem Katholizismus, so schreibt er einmal, entkommt man in ihr schwer, sieben Euro, so heißt es an anderer Stelle, habe die Fahrt vom Flughafen in seine Wohnung gekostet. Auch bei ihm verliert sich irgendwann die Spur. Eine Melodie ist es, die ihn beschäftigt, sie scheint von Wagner zu stammen. Wo er zunächst noch stringent von sich und der Kunst berichtet ("Ich für meinen Teil habe mich abgefunden, tote Dinge für eine tote Welt zu schreiben"), sind es auf den letzten Seiten nur noch kurze Sätze, die er notiert. Das Buch endet nicht, es verklingt wie ein Song.

Als Leser geht man da gerne mit: Zunächst einmal, weil klassische Rockbiografien in aller Regel überraschungsarm sind. Man liest sie nicht, um etwas Neues zu erfahren, sondern um eigene Kenntnisse auf womögliche Lücken abzuklopfen. "Futur II" bricht mit dieser Form. Die Art, mit der verschiedene Realitäten, aber auch verschiedene Textformen, vermengt werden, ist ein beglückendes Spiel.

Vor allem aber ist es bisweilen rasend komisch, etwa wenn der 2012 ausgestiegene Thomas Schleicher davon berichtet, wie seine Großmutter, die es "nicht so mit Fusionküche oder thailändischen Gerichten" hatte, einmal bei McDonald's eine Griesnockerlsuppe und einen Tafelspitz bestellt hat.

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